Für Arcandor steht es auf Spitze und Knopf
Harte Gespräche mit Geldhäusern - Kerninstitute weitgehend besichert - "Highstreet-Banken müssen bluten" - In Kürze Bitte um Staatshilfe
Von Walther Becker, Frankfurt
Börsen-Zeitung, 12.5.2009 Für Karl-Gerhard Eick ein neues Spiel: Als Finanzchef der Telekom konnte er Banken Druck machen, als Vorsitzender des angeschlagenen Einzelhandels- und Touristik-Konglomerats Arcandor steht er unter Kuratel der Geldhäuser. Das einzige, was bei Arcandor sicher scheint, ist, dass die Mai-Gehälter gezahlt werden. Investoren fragen sich daher, was weiter passiert. Der Kurs spiegelt die erneute Verunsicherung, die Aktie gab am Montag in der Spitze um 19 % nach.
Am nächsten Sonntag könnten auf einer außerordentlichen Sitzung des Aufsichtsrates gravierende Entscheidungen fallen. Die Vorlage des Quartalsberichts ist auf den 29. Mai verschoben. Er braucht Zeit und Geld. Beides fehlt. Banker rechnen Zerschlagungsszenarien durch. Im April hatte Eick angekündigt, zwölf Kaufhäuser in die Verwertungseinheit Atrys auszugliedern, darunter das KaDeWe in Berlin, das Alsterhaus in Hamburg und Oberpollinger in München. Auch der Versandhandel wird geteilt.
Das Schicksal von Arcandor steht auf des Messers Schneide. Banker erwarten, dass spätestens Juni oder Juli - mit Abstand zur Bundestagswahl - etwas passiert. Bis zum 12. Juni muss Eick bei Royal Bank of Scotland, BayernLB und Commerzbank, die über die Dresdner zu dem Engagement gekommen ist, Kreditverlängerungen über 650 Mill. Euro erreichen. Bis Ende September sind weitere 250 Mill. Euro umzuschulden. Zusätzlich braucht Arcandor 2009 Mittel in dreistelliger Millionenhöhe. Und es besteht Bedarf von 900 Mill. Euro auf die nächsten fünf Jahre - mitten in der Finanz- und Wirtschaftskrise und bei Strukturproblemen des Warenhaus-Konzepts.
Unklar ist, wie sich Gläubiger, die sich mit Credit Default Swaps rechtzeitig abgesichert haben, verhalten. Zunächst versucht Eick sein Glück in Berlin, wo er sich um Staatshilfe bemüht. Er muss eine Vielzahl höchst unterschiedlicher Interessen unter einen Hut bringen. Die drei genannten Banken, selbst der Stützung bedürfend, dürften immerhin besichert sein mit Anteilen an Primondo und Aktien von Thomas Cook. Hier sei eine Verwertung etwa in Richtung PPR in Paris, die mit Redcats in den USA im Versandhandel tätig ist, und der Reiseaktivitäten (an Rewe?) denkbar, schätzen Banker.
Der zweite Kreislauf dreht sich um die "Highstreet"-Banken: Die Warenhaus-Immobilien gehören einem Konsortium, das zu 51 % aus Goldman Sachs und zu 49 % aus Pirelli Real Estate (RE), Borletti Group und der zur Deutschen Bank zählenden Reef besteht. Anfang 2008 war der Deal für abgeschlossen erklärt worden, im Februar 2009 musste Eicks Vorgänger Thomas Middelhoff zugeben, dass erst die Hälfte der vereinbarten 800 Mill. Euro für 49 % bezahlt sei und der Rest über Jahre in Etappen beglichen werde.
2006 war das Immobilienpaket mit einer Bewertung von 4,5 Mrd. Euro an Goldman Sachs (51 %) und KarstadtQuelle (49 %) abgegeben worden. 2008 gingen die 49 % von Arcandor an das Konsortium um Reef. Bei den Immobilien wurde laut Bankkreisen weniger als 10 % Eigenkapital investiert. Die Kredite seien weiterplatziert worden an viele Banken. Gerät Karstadt in Existenznot, treffe dies die Immobilieneigner und ihre Banken. Denn die Mieteinnahmen dienen der Zinszahlung.
Die Bewertung hängt an der Nutzung, bei Leerstand sind die Häuser kaum zu veräußern. Deren Wert habe Middelhoff hochgetrieben, um Arcandor als schuldenfrei hinzustellen. Nun zahle die Gruppe mit hohen Mieten die Zeche. Obwohl die Produktivität deutlich niedriger liege als bei der Metro-Tochter Kaufhof seien die Mieten wesentlich höher, sagen Banker. "Die Highstreet-Banken werden bluten müssen", folgert ein Banker.
Sal. Oppenheim steht bei
Viel hängt von Sal. Oppenheim ab. Die Bank hält direkt 3,7 %, ihre Inhaber halten über ihre Industrieholding 24,9 %. Sal. Oppenheim trug 2008 zur Refinanzierung bei. Eine Kapitalerhöhung würde die Industrieholding - wenn auch alle anderen Stakeholder ihren Beitrag leisten - mittragen, sagte der persönlich haftende Gesellschafter Friedrich Carl Janssen jüngst (vgl. BZ vom 29. April). Madeleine Schickedanz soll ihre Aktien zum Teil mit Oppenheim-Krediten finanziert haben.
Ziehe die Privatbank den Stöpsel, könne dies für das eigene Geschäft mit vermögenden Kunden nachteilige Folgen haben. Denn die Immobilienfonds Oppenheim-Esch - an denen teils auch Middelhoff beteiligt ist - investieren in Karstadt-Gebäude und sichern die Rendite über die hohen Mieten, die Arcandor zahlen muss. Der Belegschaft hatte schon die alte Arcandor-Spitze Zugeständnisse abgetrotzt, sodass von dieser Seite eine Entlastung schwerfiele.
Von Warenversicherungen sei immer weniger zu erwarten, und die Bündelung des Einkaufs von Quelle und Karstadt benötige Zeit, die Eick nicht habe. Last Exit könnte ein Auffangen durch Kaufhof sein. Der Rivale wird, anders als Arcandor, von erfahrenen Handelsmanagern geführt und hat auch in schlechten Zeiten die Kapitalkosten verdient. Fraglich ist, ob die Metro-Aktionäre mit Haniel an der Spitze mitziehen - und wie Arbeitnehmer auf dann fällige immense Stellenstreichungen reagieren.
Börsen-Zeitung, 12.05.2009, Autor Walther Becker, Frankfurt, Ausgabe Nr. 89, Seite 9, 733 Worte
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Der Mensch ist mit nichts in der Welt zufrieden, ausgenommen mit seinem Verstande, je weniger er hat, desto zufriedener.
August von Kotzebue