Alright, so wie ich das Thema angerissen habe, läßt es dann doch Raum für Missverständnisse, wie ich sehe. Die eigenen Gedanken sind einem manchmal so selbstverständlich, dass man gewisse Dinge unzureichend behandelt.
So sehe ich es natürlich nicht. Die Kreditfunktion ist als Prinzip an sich äußerst sinvoll und nützlich. So wie jedes Heilmittel auch ein Gift sein kann und anders herum, hängt die Nützlichkeit in der Praxis dann allerdings von der Anwendung und der Dosierung ab.
Bei einer Unternehmung fallen i.d.R zunächst einmal Kosten an, bevor es losgehen kann und die Sache Früchte trägt.
Möglicherweise hat dabei der Eine, die richtigen Ideen und das nötige Know How, der Andere das nötige Kapital.
Das eine ist ohne das andere dabei ziemlich nutzlos. Nur wenn beides zusammenkommt, kann die Unternehmung getätigt werden, mit allen positiven Effekten, die diese dann für den Wohlstand entfalten mag. Nur so entsteht für beide eine win-win Situation bzw. die Möglichkeit dazu.
Dabei muss es nicht "unbedingt" der Bankkredit sein, der solche Unternehmungen ermöglicht. Beteiligungen, Partnerschaften, Fundraising, Mezzanine-Finanzierungen, Sponsoring, Crowdfunding etc. etc. Soweit die Möglichkeit besteht, wirksame Verträge zu schließen, sind der Kreativität da kaum Grenzen gesetzt.
Das Kreditwesen vereinfacht die Sache allerdings sehr. Solche Kredite, mit denen Investitionen getätigt werden, kann man im Grundsatz in jeder Hinsicht nur begrüßen.
Kredite, die lediglich dem Konsum dienen, sind da hingegen anders zu beurteilen. Individuelle Wünsche können schneller verwirklicht werden, manche Dinge können dabei individuell vielleicht überhaupt nur über eine Finanzierung verwirklicht werden. Wobei dabei gleichzeitig der Absatz von Produkten angekurbelt wird - Alles ganz schön so weit.
Was man aber nicht vergessen darf: Allen Schulden ist es gemein, dass dabei heute etwas in Anspruch genommen und verwendet wird, das erst in der Zukunft erwirtschaftet werden muss und zwar inklusive des Zinses.
Soweit dieses Vorgehen die in der Zukunft liegenden Erträge überhaupt erst ermöglicht, so ist das nicht nur legitim, sondern eben sogar eine notwendige Vorraussetzung.
Soweit es nur dem Konsum im hier und jetzt dient, und dadurch keine Erträge generiert werden, ist das zwar nicht illegitim, aber es belastet die Erträge und den Handlungsspielraum in der Zukunft.
Wenn Schulden dabei gar nicht getilgt werden, und kontinuierlich weitere Schulden aufgenommen werden, so summieren sich die Zinszahlungsverpflichtungen immer weiter und weiter und schränken die Investitions- und Konsummöglichkeiten der Zukunft gleichsam immer weiter ein.
Das gilt für Personen, Unternehmen und auch Staaten gleichermaßen.
Das ist übrigens der Grund, weshalb Verschuldung "ab einem bestimmten Punkt" (bitte genau lesen) eine abnehmende Grenznutzenfunktion aufweist. Du hattest mich mal um eine Erklärung gebeten.
Es ist dabei natürlich nicht die Kreditfunktion selbst, die ab einem bestimmten Punkt eine abnehmende Grenznutzenfunktion aufweist - hier könnte vielleicht das Missverständnis liegen - Der Nutzen bleibt da abstrakt immer derselbe - sondern die sich fortsetzende Verschuldung des Einzelnen, bzw. der einzelnen Instution.
Wenn Zinsen nicht mehr aus einem Überschuss der Einnahmen gedeckt werden können, ist dieser Punkt spätestens erreicht.
Entscheidend ist also nicht die Absolute Höhe der Verschuldung, sondern das Verhältnis zur Einnahmenseite. Soweit diese ebefalls kontinuierlich ansteigt und der Anstieg der Neuverschuldung im Verhältnis nicht darüber liegt, wäre dies also noch nicht problematisch.
Wo dies nicht gegeben ist führt eine sich immer weiter kumulierende Verschuldung jedoch automatisch an dieses Punkt und darüber hinaus.
Entweder müssen dann auf der Ausgabenseite Einsparungen vorgenommen werden, die Einnahmenseite verbessert werden, oder beides.
Wenn man hingegen auf die Idee kommt, Zinszahlungsverpflichtungen mit weiteren Schulden, die dann noch weitere Zinszahlungsverpflichtungen nach sich ziehen, zu bedienen, dann entsteht ein Zinseszinseffekt. Auf den Anstieg des weiteren Finanzierungsbedarfes bzw. der weiteren Verschuldung wirkt sich das fatal aus.
War der Anstieg vorher möglicherweise noch linear, so setzt er sich nun exponentiell fort.
Am Ende sieht man dann eine von Learners Fahnenstangen, wenn man die Sache graphisch abbildet.
Kenneth Rogoff hat in seinem Buch "Dieses Mal ist alles anders" 800 Jahre Wirtschaftsgeschichte empirisch untersucht. Er hat keinen einzigen! Fall gefunden, bei dem es geglückt wäre, eine Staatsschuldenkrise durch weitere Schulden, in der Hoffnung dort irgendwie herauszuwachsen, zu lösen.
Was nicht verwundert. "You can't borrow yourself out of debts" es geht technisch einfach nicht.
Der Blick auf die Vergangenheit ist natürlich kein Beweis, dass es diesmal nicht doch dieses eine Mal anders ist. Es gibt ja immerhin auch noch atypische Kausalverläufe.
Ich muss dabei allerdings ein bisschen an Albert Einsteins Definition von Wahnsinn denken:
Danach ist Wahnsinn eine Handlung, die in der Vergangenheit immer zu gleichen Ergebnissen geführt hat, immer wieder zu begehen und dabei ein abweichendes Ergebnis zu erwarten.
Die "fundamentale Grenze" nach der Du oben gefragt hast, hatte Rogoff nach der Auswertung seiner empirischen Untersuchungen bei 90% im Verhältnis zum BIP ausgemacht.
Das ist in Teilen der Wissenschaft berechtigter Weise kritisiert worden. Warum genau 90%? 89,9% gehen und 90,1% nicht mehr? Vielleicht wären im Einzelfall auch 96% über einen längeren Zeitraum zu bewätigen. Vielleicht bricht die Sache in einem anderem Einzelfall auch schon bei 85% zusammen? denkbar
Die Ermittlung von Verträglichkeitsschwellen, weist dabei häufig jenen Mangel an wissenschaftlicher Exaktheit und Stringenz auf. Dieses Argument hat, m.E. allerdings vor allem akademische, nicht so sehr praktische Relevanz. Warum? Auch wenn die Festlegung auf so eine exakte Grenze einer gewissen Willkühr unterworfen zu sein scheint, so heißt dies noch nicht, dass dieser Bereich nicht absolut problematisch sei.
So würde man auch nicht auf die Idee kommen, nur weil die Promillegrenze bei 0,5%, bei der man u.U. noch fahren kann und darf, dem gleichen Makel unterliegt (ist da wirklich die absolute Grenze? 0,52% gingen nicht mehr?) davon auszugehen, dass auch 1,0 % in Ordnung sein könnten.
Wenn man die 90% als ungefähren Schwellenwert betrachtet, könnte man Am Ende vielleicht ganz gut liegen, um es mal so zu sagen.
Dabei am Rande:
Kreditfunktion ist nicht Deckungsgleich mit Kapitalismus. Es gibt vielfältige Definition des Kapitalismus, dabei ist mir allerdings keine bekannt, in der die Kreditfunktion als Merkmal in irgendeiner Weise eingebunden wäre. wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/kapitalismus.html
Einordnungssystematisch käme der Kapitalismus demnach auch ohne aus. Aber wie gesagt, mir geht es nicht darum, die Kreditfunktion etwa abzuschaffen, sonder darum sie auf ein gesundes Maß einzudämmen.
In den Maastrichtverträgen sind da ja auch bereits gute Grundlagen erarbeitet worden. Man hätte sich nur dran halten müssen.
Auch in diesem Falle hätte es vermutlich Mobiltelefone, PC's und Apple gegeben.
Der ständige Bruch dieser Verträge war für den technischen Fortschritt sicher kein notwendiges Element.
Wünsche allen noch ein schönes Wochenende.