Lytton Strachey und Dora Carrington probten zu Beginn des Jahrhunderts in Bloomsbury, was Berkeley 1968 fortsetzte - den Aufstand gegen die Väter
VON THOMAS MEDICUS
Michael Holroyd: Carrington. Eine Liebe von Lytton Strachey.
Wer Biographien lesen will, ist mit Lytton Strachey gut beraten. Wer wissen möchte, wer Lytton Strachey war, liegt bei Michael Holroyd richtig. Vor fast dreißig Jahren verfaßte Holroyd ein zweibändiges Werk über Strachey, den bedeutendsten englischsprachigen Erneuerer des biographischen Genres in diesem Jahrhundert. Eine hochgelobte Pionierarbeit, die 1995 in Großbritannien als revidierte Neuauflage im Taschenbuch erschien, erweitert um Material, das bis dahin unzugänglich war. Für verhältnismäßig wenig Geld erhielt der Leser mit 780 Seiten nicht nur sehr viel Buch, sondern auch ein bis heute unerreichtes Standardwerk. Fast vierzig Schwarzweißfotografien dokumentieren darin die Lebensstationen dieses außergewöhnlichen Intellektuellen und Schriftstellers. Ein Angebot, das dank Holroyds gut lesbarem Text, geschrieben wie ein Roman, und dem reichhaltigen fotografischen Material instruktive, unterhaltsame Lektüre im Höchstmaß bot.
In der deutschen Ausgabe kann davon freilich kaum noch die Rede sein. "Gekürzt", heißt es auf der Rückseite des Vorsatzblattes. "Verstümmelt" wäre passender, "gemordet" träfe die Sache am besten. Von den ursprünglich 17 Kapiteln sind fünfeinhalb übriggeblieben; die Hälfte des Textumfanges blieb auf der Strecke. Mit der englischen hat die deutsche Ausgabe hauptsächlich das Titelbild gemeinsam. Rowohlt überließ offenbar allein den Product-Placement-Strategen der Marketing-Abteilung das Regiment: halber Text, farbige Stand- anstelle der schwarzweißen Dokumentarfotos, neuer Titel, bunte Hülle - fertig ist das Buch zum Film.
"Carrington" in der Regie von Christopher Hampton mit Emma Thompson in der Hauptrolle kam Ende '95 in unsere Kinos. Von dort ist der Film ebenso schnell wieder verschwunden wie das Buch in die hinteren Regale der Buchhandlungen wanderte. Ein Verlust, der im Fall des Films zu verschmerzen ist. Im Gegensatz zu Holroyds vorzüglicher Biographie, die Regisseur Hampton auf die Liebesgeschichte zwischen Lytton Strachey und der Malerin Dora Carrington einschränkte. Auf der Strecke blieb bei diesem sentimentalen Konzentrat, was die ungekürzte Biographie Holroyds zustandebringt: am exemplarischen Fall Lytton Stracheys mit einer Epoche bekanntzumachen, die unter dem Namen des Londoner Bohemeviertels Bloomsbury in die englische Literatur- und Kulturgeschichte eingegangen ist.
Die "Bloomsberries" - die ersten Sonderlinge fanden sich schon vor dem Ersten Weltkrieg zusammen waren eine amorphe Gruppe. Zu ihr gehörten Schriftsteller wie Virginia und Leonard Woolf, E. M. Forster, Maler wie Duncan Grant, David Garnett, Virginia Woolfs Schwester Vanessa und deren Mann Clive Bell, Intellektuelle wie der Ökonom Maynard Keynes oder der Ästhetiker Roger Fry. Lytton Strachey war Bloomsbury-Mitglied der ersten Stunde.
Dem Leser der deutschen Ausgabe wird dieser Anfang vorenthalten. Sie setzt erst 1915 ein, mit dem Jahr, in dem Lytton Strachey Dora Carrington im Landhaus von Virginia und Leonard Woolf kennenlernte. Die Bedeutung dieser Bekanntschaft wird jedoch nur verständlich, wenn nicht die Hälfte von Stracheys Lebensgeschichte amputiert wird. Bloomsburys Keimzelle war das Trinity College in Cambridge, wo Strachey, Keynes und Leonard Woolf studiert hatten; ein größerer Kreis traf sich später am Gordon Square in London oder in den Landhäusern von Sussex oder Surrey. Bloomsbury probte, was Berkeley 1968 fortsetzte: Geisteshaltung und Lebenspraxis einer jungen Generation, die - wie Leonard Woolf rückblickend meinte - "gegen die sozialen, politischen, religiösen, moralischen, intellektuellen und künstlerischen Einrichtungen, Überzeugungen und Maßstäbe unserer Väter und Großväter" antrat. Bloomsbury war Protest, antiviktorianische Revolte, die Konventionalität und Normativität durch Individualismus und Nonkonformismus ersetzen wollte. Als philosophischer Gewährsmann galt G.E. Moore, dessen Freundschafts- und Schönheitskult dazu verhalf, individuelle Bewußtseinszustände und deren künstlerischen Ausdruck zum Lebensmittelpunkt zu machen. Kein Wunder, wenn sich die Porträtbildnerei - Seelenchiffren in der Malerei wie im biographischen Genre - zur bevorzugten Kunstform des Kreises entwickelte.
Moores theoretische Versuche, den zeittypischen Widerstreit von Kunst und Leben in der je individuellen Biographie praktisch aufzuheben, lieferten jedoch auch die Munition, mit der die zeitgenössische viktorianische Moral unter Beschuß genommen wurde. Eine impressionistische Lebensphilosophie, die ästhetische, vor allem aber auch sexuelle Reize zur Grundlage ihrer Ethik machte, war das geeignete Instrument, eine individualistische Sexualmoral jenseits von Tabu und Konvention zu rechtfertigen. Der Bloomsbury-Kreis trat auch als sexuelle Avantgarde auf den Plan. Libertinage - am eigenen Leib exerziert. Nachdem mit den viktorianischen Idealen einmal die traditionellen Geschlechterrollen preisgegeben waren, ließen sich Weiblich- und Männlichkeit nicht mehr dem biologischen Geschlecht zuordnen. Den intellektuellen begleitete ein sexueller Liberalismus, der Trieben wie Gefühlen freien Lauf lassen wollte. Ob hetero-, homo- oder bisexuell: Androgynie entwickelte sich zum Hauptmerkmal der psychosexuellen Verfassung Bloomsburys. Ein Großteil solcher Informationen wird den Lesern der deutschen Übersetzung von Holroyds Biographie vorenthalten. Der weitgehende Verzicht der Kurzfassung auf die kulturgeschichtlichen Herkünfte des Protests macht Lytton Stracheys und Dora Carringtons Lebensläufe zu isolierten Einzelschicksalen. Aber was ist von einer Ausgabe anderes zu erwarten, die im Anhang die Besetzungsliste des Films abdruckt, den durch das Labyrinth Bloomsbury weisenden Index der Originalausgabe aber kurzerhand wegfallen läßt.
Dennoch wird Holroyds Perspektive, die Antiviktorianer seien selbst von der viktorianischen Krankheit befallen, als deren immoralistische Diagnostiker sie auftraten, sogar noch in der deutschen Kurzfassung deutlich. Dabei ist Autor Holroyd durchaus kein Fanatiker psychogrammatischer Zuspitzung. (Im Gegensatz zum Bloomsbury-Vordenker Strachey, der in seinen Biographien Denkmäler stürzte, indem er die Moral Queen Victorias oder anderer "Eminent Victorians" auf deren psychosexuelle Motivationen hin befragte.) Dem Biographen des Biographen geht es vielmehr darum, den tragischen Grundzug der hedonistischen Selbstbefreiungsversuche transparent zu machen. Bewundernswert sind dabei zwar auch seine plastischen Personen- und Charakterdarstellungen. Diese Biographie besitzt aber nicht nur psychologisches, sondern auch kultursoziologisches Gespür - der diskretesten Art. Strachey und Carrington werden als typische Repräsentanten eines epochalen Wandlungsprozesses im Geschlechterverhältnis kenntlich, das immer dasselbe soziale Grundmodell aufweist. Ihre Freundschaft prägte die libidinöse Ökonomie, der Bloomsbury schon vor dem Ersten Weltkrieg folgte. Kein Liebespaar, zu dem sich nicht prompt ein Dritter gesellte, der jedesmal eine Kettenreaktion hochdramatischer, hysterischer Gefühle in Gang setzte.
So war das, zum Beispiel, mit Duncan Grant, Keynes' auch von Lytton Strachey begehrtem Freund vor dem Ersten Weltkrieg, der sich in den Zwanzigern zum Liebhaber der verehelichten Vanessa Bell mauserte, mit der er dann sogar eine Tochter zeugte. Ähnlich erging es dem Psychoanalytiker James Strachey, Lyttons Bruder, der um 1912 hinter dem bildschönen Lyriker Rupert Brooke her war, der seinerseits der blutjungen Noel Olivier verfallen war. Nach dem Tod des Poeten pflegte der inzwischen verheiratete James Strachey ein jahrelang währendes Verhältnis mit ebenjener Noel, deren Triebleben nun endlich erwachte. Kaum weniger verwickelt war die Freundschaft des homosexuellen Lytton Strachey mit der zwischen Bi- und Asexualität schwankenden Dora Carrington. In ihrem westlich von London liegenden Landhaus Ham Spray kultivierten sie, die ohne einander nicht leben konnten, eine jahrelange menage a trois mit dem baumstarken Ralph Partridge, in den Lytton verliebt war und den Carrington heiratete. Ein "komplexes Molekül", dem "immer wieder neue Atome hinzugefügt wurden", kommentiert Bloomsbury-Kenner Holroyd diesen Reigen. Dramatisch erschüttert wurde das Gefüge besonders dann, wenn weitere Liebhaber dazu kamen, das Dreieck zum Vier-, Fünf- oder Sechseck erweitert wurde...
Mit nonkonformistischer Boheme-Programmatik hatten diese Liaisons nur bedingt zu tun. Man schlug sich eher mit jenem verhaßten Viktorianismus herum, dessen zwangsneurotische Erbschaften erst jetzt in aller Bizarrerie zutage traten. Bei Lytton Strachey äußerte sich das in der Exzentrik eines ironiegesättigten Gelehrten, der sich hinter Zwicker und langem Bart verbarg, untrügliche Zeichen dafür, daß er mit seiner in einem überlangen, dürren Körper steckenden Männlichkeit kaum zurechtkam. Freilich war sich der Intellektuelle mit dem man, wie Holroyd ihn schildert, gerne Bekanntschaft geschlossen hätte - seiner nevrosites und der ödipalen Grundlagen seiner Homosexualität sehr bewußt. Seine schriftstellerische Arbeit gab ihm die Möglichkeit (in Gestalt splendider Biographien, dank derer er zum begüterten Mann wurde), den im eigenen Leib steckenden Viktorianismus auf Umwegen zu bearbeiten. Eine Fähigkeit zu Analyse und Selbstkontrolle, von der die schwermütige Dora Carrington derart abhängig wurde, daß für sie ein Leben ohne Lytton unvorstellbar war. Wenige Tage, nachdem ihr Gefährte 52jährig an Magenkrebs gestorben war, erschoß sie sich mit einem Jagdgewehr, erst 38 Jahre alt. Eine bis in den Tod reichende Verbundenheit, die mehr als nur tiefromantische Verschmelzungssehnsüchte offenbart. Mit ihrer Weiblichkeit hatte die Malerin ähnliche Probleme wie Lytton mit seiner Maskulinität. Früh schon hatte sie den Vornamen abgelegt und sich Carrington rufen lassen. Ausdruck eines weiblichen Selbsthasses, der einige ihrer Liebhaber fast den Verstand kostete. Von solchen Nervositäten blieb die Beziehung zwischen Carrington und Lytton verschont. Bloomsbury lebten sie auf ihre Weise - als spirituelle, von sexuellen Querelen freie Androgynie.
Ein später weiblicher Shelley, ein urromantischer Charakter, wie er im Buche steht, war Carrington dennoch. Die vollkommene Hingabe an neue Empfindungen sei neben dem Malen das Wichtigste für sie gewesen, wird sie in Jane Hills Monographie zitiert. Ein Bekenntnis, das schlagartig ihre zwiespältige Attraktivität verdeutlicht, mit der sie auch Frauen in Bann schlug. Vor allem ihre suggestiven, von tiefem Schweigen erfüllten Bilder - Porträts, Landschaften, Blumenstilleben - legen den Eindruck nahe, daß Ichverlust die Hauptquelle ihrer Produktivität war. Als ob Carrington zeitweise Empfindung, nichts als Empfindung gewesen wäre... Ihre zahllosen Briefe illustrierte sie mit Skizzen, Zeichnungen, Miniaturen. Nichts, was nicht in ihrer Umgebung in ichauflösende ästhetische Sphären überführt worden wäre. Ins Innere der Bloomsbury-Gruppe wurde Carrington trotz soviel zivilisiertem Schönheitssinn dennoch nicht vorgelassen. Für Virginia Woolf gehörte sie zum weiteren Dunstkreis der "Bloomsbury bunnies". In den Genuß höherer Weihen kam Carrington nicht, weil sie als zu wenig intellektuell galt. Auch Bloomsbury kultivierte seine Doppelmoral, die wohl auch misanthropische Zickigkeit war. Davon berichtet einer, der es wissen muß: als Sohn Vanessas, der Schwester Virginia Woolfs, war Quentin Bell Augenzeuge.
Vor Jahren schon hatte Bell eine viel gerühmte Biographie über seine Tante Virginia vorgelegt, jetzt ist er, wie er gesteht, beim Versuch, seine Autobiographie zu schreiben, gescheitert. An die Hoch- und Tiefpunkte der Bloomsberries, seine "elders and betters" erinnert er sich stattdessen in Gestalt von 17 Porträts der wichtigsten Mitglieder. Zwar sind diese so unterhaltsamen wie informativen Kurzbiographien vornehmlich verlängerte Fußnoten zur überbordenden Bloomsbury-Literatur.
Faszinierend allerdings ist, daß hier einer spricht, der sein Leben aus einer Vielzahl solcher Schicksale webt, die auf ein ganzes Jahrhundert zurückblicken lassen. Ein Blick zurück nach vorn: Neubestimmung des Geschlechterverhältnisses, des sozialen und politischen Standortes der Intellektuellen - womit sich Bloomsbury auseinandersetzte, steht auch jetzt wieder auf der Tagesordnung. Briefzeichnungen von Dora Carrington aus dem Buch von Jane Hill.