Der S&P Composite notierte im August 2024 rund 227 Prozent oberhalb seines langfristigen Trends – ein Extremwert, der Fragen nach der Nachhaltigkeit der aktuellen Bewertung aufwirft. Eine von Seeking Alpha ausgewertete Langfristanalyse zeigt, wie stark sich der US-Markt seit über einem Jahrzehnt von seiner historischen Wachstumslinie gelöst hat. Für Investoren rückt damit das Risiko einer künftigen „Regression to Trend“ in den Fokus.
Datengrundlage und Methodik
Die Untersuchung auf Seeking Alpha basiert auf einem „S&P Composite“-Index, der historische Daten von Robert Shiller mit dem modernen S&P 500 verbindet. Ziel ist es, einen durchgängigen, inflationsbereinigten Kursverlauf über sehr lange Zeiträume zu erhalten. Die Kurse werden real, also um die Verbraucherpreisinflation bereinigt, betrachtet, um nominal verzerrte Vergleiche zu vermeiden.
Auf Basis dieser Daten wird ein langfristiger Trendpfad des Index ermittelt. Dabei kommt eine Regressionsanalyse zum Einsatz, die den historischen Wachstumsverlauf des realen S&P Composite abbildet. Die Abweichung des aktuellen Indexstands von dieser Trendlinie dient als Maß für Über- oder Unterbewertung im historischen Kontext.
Historische Übertreibung: 227 Prozent über Trend
Im August 2024 lag der reale S&P Composite nach dieser Berechnung „227% above trend“. Das bedeutet, dass der Index fast das 3,3‑Fache des Werts aufweist, den die langfristige Trendlinie implizieren würde. Die Analyse von Seeking Alpha ordnet diesen Wert als historischen Extremstand ein.
Zugleich zeigt die Auswertung, dass sich die US-Aktienkurse bereits seit Jahren signifikant über dem Trend bewegen. Seit der Erholung nach der Finanzkrise 2008/09 hat sich der Index immer weiter von der Trendlinie entfernt, angetrieben durch anhaltend niedrige Zinsen, expansive Geldpolitik und Bewertungsaufschläge bei Wachstums- und Technologiewerten.
Regression to Trend: Mögliche Szenarien
Der zentrale Gedanke der Analyse ist das statistische Prinzip der „Regression to Trend“: Langfristig tendieren Märkte dazu, auf ihre historische Wachstumsspur zurückzufallen. Bei einem Stand von 227 Prozent über Trend ergeben sich zwei grundlegende Anpassungspfade.
Erstens könnte der reale Index nominal stagnieren oder nur langsam zulegen, während sich die Trendlinie durch reales Wirtschaftswachstum und Inflation allmählich „heranarbeitet“. In diesem Szenario würde die Überbewertung vor allem durch Zeit korrigiert – eine langgezogene Phase unterdurchschnittlicher realer Renditen.
Zweitens könnte es zu einer deutlicheren Korrektur der realen Kurse kommen. In diesem Fall würde der Index relativ rasch zur Trendlinie zurückkehren, was mit spürbaren Kursverlusten einherginge. Die Analyse betont dabei die Möglichkeit, dass „a significant market correction“ erforderlich sein könnte, um die Bewertungsdifferenz abzubauen.
Langfristiger Kontext und historische Zyklen
Der von Seeking Alpha herangezogene Langfristchart zeigt, dass der S&P Composite im historischen Verlauf wiederholt deutliche Ausschläge über und unter den Trend erfahren hat. Frühere Phasen extremer Überbewertung wurden in der Vergangenheit häufig von längeren Perioden schwacher oder negativer realer Renditen gefolgt.
Diese Zyklen korrespondierten vielfach mit spekulativen Übertreibungen, strukturellen Umbrüchen oder geldpolitischen Regimewechseln. Die aktuelle Konstellation aus hohem Bewertungsniveau, unsicherem Zinspfad und geopolitischen Risiken passt in dieses Muster von Phasen erhöhter Fragilität, ohne dass ein konkretes Timing für eine mögliche Trendanpassung ableitbar wäre.
Implikationen für erfahrene Anleger
Für Investoren ergibt sich aus der Analyse vor allem ein Risikohinweis: Je höher die Abweichung vom historischen Trend, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass die künftigen realen Renditen unter dem langjährigen Durchschnitt liegen. Ein Umfeld, in dem der Markt real mehr als doppelt so teuer wie sein Trendpfad erscheint, setzt eine Fortsetzung außergewöhnlicher Rahmenbedingungen voraus, um gerechtfertigt zu bleiben.
Da die Auswertung rein deskriptiv vorgeht und keine kurzfristigen Prognosen liefert, bleibt der konkrete Zeitpunkt einer möglichen „Regression to Trend“ offen. Für die strategische Allokation aber deutet die aktuelle Lage auf ein ungünstiges Rendite-Risiko-Verhältnis für breit gestreute US-Aktienindizes im historischen Vergleich hin.
Fazit: Mögliche Reaktion konservativer Anleger
Konservative Anleger könnten diese Analyse zum Anlass nehmen, ihre US-Aktienquoten kritisch zu überprüfen und das Exposure in hoch bewerteten Marktsegmenten zu hinterfragen. Eine mögliche Reaktion bestünde darin, Gewinnmitnahmen in Indizes wie dem S&P 500 zu erwägen, die Portfolio-Volatilität zu reduzieren und die Diversifikation über Regionen, Anlageklassen und Faktorprämien zu stärken.
Alternativ bietet sich an, Neuinvestitionen in breiten US-Aktienindizes zeitlich zu staffeln und Liquidität oder risikoärmere Anlagen als Puffer für eine mögliche Marktkorrektur vorzuhalten. Aus Sicht eines konservativen Investors spricht die von Seeking Alpha dokumentierte Abweichung von 227 Prozent über Trend eher für eine vorsichtige, schrittweise und bewusste Positionierung als für aggressiven Risikoaufbau auf dem aktuellen Kursniveau.