EZB vor Zinserhöhung: Für deutsche Haushalte wird es jetzt ernst
Ingo Kolf
Ingo Kolf
Ingo Kolf bringt über zwei Jahrzehnte Erfahrung im internationalen Finanzjournalismus mit, darunter 19 Jahre beim Nachrichtendienst Bloomberg, mit Stationen in Frankfurt und sechs Jahren in New York. Seine fundierte Expertise umfasst die Bereiche Makroökonomie, Wirtschaftspolitik und globale Zinsentscheidungen, mit einem besonderen Fokus auf die Devisenmärkte und bewährte Dividendenstrategien. Bei ARIVA.DE ordnet er die großen wirtschaftlichen Trends unserer Zeit in tiefgehenden Hintergrundberichten und Analysen ein.
Eine Zinserhöhung im September gilt fast als gesetzt. Schnabel fordert sogar weitere Schritte. Für Hauskäufer, Sparer, Mieter und Anleger beginnt damit eine neue Zinsrunde.
Für dich zusammengefasst:
Die EZB plant eine Zinserhöhung auf 2,50 Prozent.
Ein weiterer Zinsschritt wird bis Frühjahr 2027 erwartet.
Baukredite könnten teurer werden, besonders bei Anschlussfinanzierungen.
Die nächste Zinserhöhung der Europäischen Zentralbank rückt immer näher. Die Währungshüter sind dazu bereit, den Einlagensatz bei ihrer Sitzung am 9. und 10. September von derzeit 2,25 auf 2,50 Prozent anzuheben, berichtet Reuters unter Berufung auf informierte Kreise. Formal entschieden ist allerdings noch nichts. Vor der Sitzung stehen unter anderem noch die Inflationszahlen für August und neue Projektionen der EZB an.
Am Mittwoch legte EZB-Direktorin Isabel Schnabel noch einmal nach. Das derzeitige Zinsniveau dürfte ihrer Ansicht nach nicht ausreichen, um die Inflation mittelfristig wieder auf das Zwei-Prozent-Ziel zurückzuführen, erklärte sie im Bloomberg-Interview. Weitere Straffungen seien deshalb notwendig. Vor allem hohe Energiepreise könnten die Teuerung für längere Zeit über zwei Prozent halten. Gleichzeitig entwickelt sich die Wirtschaft im Euroraum besser als erwartet. Damit steigt aus Sicht der Falken im EZB-Rat der Spielraum für höhere Zinsen.
An den Finanzmärkten gilt eine Anhebung im September inzwischen nahezu als gesetzt. Darüber hinaus wird mindestens ein weiterer Zinsschritt bis zum Frühjahr 2027 erwartet, möglicherweise bereits im Dezember. Noch vor wenigen Tagen preisten die Märkte sogar eine Wahrscheinlichkeit von rund 60 Prozent dafür ein, dass der Einlagensatz bis September 2027 auf drei Prozent steigt. Aktuell besteht Insidern zufolge im EZB-Rat allerdings wenig Interesse daran, sich bereits im September auf weitere Schritte festzulegen.
Für deutsche Haushalte macht es einen großen Unterschied, ob es bei einer einzelnen Erhöhung bleibt oder eine neue Serie von Zinsschritten beginnt. Besonders betroffen sind Menschen, die eine Immobilie kaufen, bauen oder refinanzieren wollen. Die Bauzinsen liegen bereits bei rund 4 Prozent. Interhyp meldete Mitte August für Darlehen mit zehnjähriger Zinsbindung je nach Eigenkapitalquote effektive Zinsen von rund 3,83 bis 4,19 Prozent. Rund die Hälfte der vom Finanzierungsvermittler befragten Experten rechnet bis Jahresende mit einem weiteren moderaten Anstieg.
Eine EZB-Erhöhung um 0,25 Prozentpunkte bedeutet dabei nicht automatisch, dass Baukredite ebenfalls um exakt 0,25 Prozentpunkte teurer werden. Hypothekenzinsen orientieren sich stärker an langfristigen Kapitalmarktzinsen und Pfandbriefen. Da der September-Schritt inzwischen weitgehend erwartet wird, steckt ein Teil davon bereits in den heutigen Konditionen.
Entscheidend ist deshalb weniger die Zinserhöhung selbst als die Aussicht auf das, was danach kommt. Sollten Schnabel und andere Falken Recht behalten und weitere Schritte notwendig werden, könnten die Renditen am Anleihemarkt und damit die Finanzierungskosten länger hoch bleiben. Die Rendite 30-jähriger Bundesanleihen war zuletzt bis auf rund 3,8 Prozent gestiegen – den höchsten Stand seit 2011. Neben den Inflationserwartungen trägt dazu auch Deutschlands stark steigende Kreditaufnahme bei.
Die Folgen für Hauskäufer, Sparer, Mieter und Anleger
Wer bereits einen Immobilienkredit mit langer Zinsbindung besitzt, spürt davon zunächst nichts. Problematisch wird es erst bei einer Anschlussfinanzierung. Viele Eigentümer, die während der Niedrigzinsphase Kredite zu Zinssätzen von teilweise deutlich unter 2 Prozent abgeschlossen haben, müssen dann zu wesentlich höheren Konditionen verlängern.
Auch Mieter können die Folgen indirekt spüren. Hohe Finanzierungskosten machen neue Wohnprojekte für Investoren und Wohnungsunternehmen schwieriger rentabel. Projekte werden verschoben oder gar nicht erst begonnen. In Städten mit ohnehin knappem Wohnraum kann weniger Neubau den Druck auf die Mieten weiter erhöhen.
Wer spart, gewinnt
Auf der anderen Seite gibt es klare Gewinner: Sparer. Steigt der Einlagensatz der EZB auf 2,50 Prozent und möglicherweise später noch weiter, wächst für Banken der Anreiz, auch Tages- und Festgeld besser zu verzinsen. Automatisch werden die höheren EZB-Zinsen allerdings nicht weitergegeben. Wer attraktive Zinsen erhalten möchte, muss deshalb weiterhin Angebote vergleichen.
Auch für Anleger verändert sich die Rechnung. Höhere Leitzinsen und Anleiherenditen machen sichere Zinspapiere wieder konkurrenzfähiger gegenüber Aktien. Besonders hoch bewertete Wachstumsunternehmen, Immobilienaktien und andere stark zinssensitive Titel können darunter leiden. Gleichzeitig werden Bundesanleihen, Unternehmensanleihen und Geldmarktanlagen für konservative Anleger interessanter.
Für Verbraucher ist die neue Entwicklung deshalb zweischneidig. Sparer bekommen wieder bessere Chancen auf Rendite, Kreditnehmer müssen dagegen mit höheren Kosten rechnen. Noch wichtiger als der nahezu eingepreiste September-Schritt dürfte nun sein, ob die EZB danach stoppt. Bleibt die Energieinflation hartnäckig und folgt der EZB-Rat Schnabels Argumentation, könnte aus der Zinserhöhung im September der Beginn einer deutlich längeren Hochzinsphase werden.
Autor: ARIVA.DE Redaktion/Ingo Kolf
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