Über viel Sonne freuen sich die Schweizer Stromunternehmen nur bedingt, vor allem wenn sie in Deutschland scheint. Und bläst an der Nordsee noch der Wind, ärgern sie sich umso mehr. Dann fallen die Grosshandelspreise, mitunter bis ins Minus, weil die hoch subventionierte Sonnen- und Windkraft prioritär ins Netz eingespeist wird. Die Elektrizität aus traditionellen Kraftwerken wie Gas oder Pumpspeicher fahren nicht die Renditen ein, auf welchen die Investitionsrechnungen basieren. «Die Stromflüsse haben sich geändert, wirtschaftlich aber sind die Märkte in der alten Welt geblieben, so dass sich die Rentabilitätsrechnung klassischer Kraftwerke massiv verschlechtert hat», sagt Alpiq-Geschäftsleitungsmitglied Michael Wider,«Kapazitätsmärkte würden dieses Problem lösen helfen.» Das heisst vereinfacht formuliert: Stromunternehmen sollen dafür entschädigt werden, dass sie Kraftwerkskapazitäten bereitstellen für den Fall, dass die Sonnen- und Windkraft nicht ausreicht, um die Nachfrage zu decken und um die Spannung im Netz sicherzustellen.
Die gleichen Überlegungen machen sich Stromkonzerne und Regierungen in Europa. Der Energieriese E.ON drohte mehrfach, sein hochmodernes, aber defizitäres Gaskraftwerk Irsching in Ingolstadt stillzulegen, wenn es für seine Pikett-Funktion nicht entschädigt wird. Irsching ist am Grosshandelsmarkt gegenüber den weit schmutzigeren, aber günstiger produzierenden Kohlekraftwerken nicht konkurrenzfähig – zu billig sind zurzeit Kohle und die Verschmutzungsrechte. E.ON fordert nun höhere Beiträge des Netzbetreibers Tennet. Gemäss einem Bericht des «Manager-Magazins» vom Donnerstag will man sich nun geeinigt haben: E.ON soll für das Gaskraftwerk eine höhere Vergütung bekommen....
Wenig Verständnis für die Haltung der Betreiber von Grosskraftwerken zeigt Urs Meister, Energieexperte und Geschäftsleitungsmitglied bei der Denkfabrik Avenir Suisse: «Einige Vertreter der Branche erhoffen sich vermutlich Subventionen für bereits bestehende oder in Bau befindliche unwirtschaftliche Kraftwerke», sagt er.
Das sei aber nicht der Zweck eines Kapazitätsmarktes. «Solange es am Markt – wie es heute der Fall ist – noch zu viele Kraftwerke gibt, würde ein tatsächlich marktlicher Mechanismus keinen positiven Preis für die blosse Bereitstellung von Kraftwerkskapazitäten bereitstellen.» Meister sieht grundsätzlich die Gefahr, dass es zu neuen Preis- und Marktverzerrungen komme, was sich auch auf Investitionsanreize niederschlage. Der Energie-Experte hat eine Studie zum Thema verfasst, die Avenir Suisse am Donnerstag präsentiert.
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