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Zick-Zock:

"Wir steuern auf eine Masturbationsgesellschaft zu

 
30.05.02 17:57
Der Alt-Aufklärer Oswalt Kolle sprach mit SPIEGEL ONLINE über die sexuelle Lust in den Zeiten des Internets und der medialen Reiz-Überflutung.

 

SPIEGEL ONLINE: Herr Kolle, auf jedem zweiten Werbeplakat sind nackte Brüste zu sehen, in jeder zweiten Talkshow wird über die Länge des männlichen Gliedes geredet. Was gibt es für einen Aufklärer heute noch zu tun?
Oswalt Kolle: Wahnsinnig viel, gerade jetzt. Wir verzeichnen plötzlich wieder einen Anstieg der Geschlechtskrankheiten, von Chlamydia, Syphilis und Tripper. Wir haben auch wieder vermehrt Frauen, die ungewollt schwanger geworden sind. Selbst beim Sex hapert's noch oft, weil viele Männer zur Klitoris dasselbe Verhältnis haben wie zu ihrer Waschmaschine: Sie wissen zwar, wo sie ist, aber nicht, wie man damit umgeht.

SPIEGEL ONLINE: Soll das heißen, dass die Medien zwar viel Sex zeigen, aber zu wenig Aufklärung betreiben?

Kolle: So ist es. Jeder hat das Gefühl, er wisse schon alles. Gleichzeitig lässt die Angst vor Aids nach, kaum einer benutzt Kondome. Die Folgen sind fürchterlich.

SPIEGEL ONLINE: Parallel dazu macht sich eine gewisse Lustlosigkeit breit. Offensichtlich sind die Menschen übersättigt von dem vielen Fleisch, das ihnen die Medien vor die Nase hängen.

Kolle: So ein Quatsch! Ich suche den Menschen noch, der zu mir kommt und sagt: 'Ich habe mir so viele Sexfilme im Fernsehen reingezogen, ich habe keine Lust mehr'. Eher das Gegenteil ist der Fall: Die Menschen haben mehr Lust.

SPIEGEL ONLINE: Und wo leben sie diese Lust aus?

Kolle: Schauen Sie sich doch mal das Internet an! Dort gibt es Pornografie in allen Spielarten. Der 30-jährige Single - von Beziehungen frustriert - sitzt mit offener Hose vor dem PC und holt sich dort seine Befriedigung. Wir steuern auf eine Masturbationsgesellschaft zu. Das ist ein echtes Problem. Gleichzeitig sprechen die Menschen offener über ihre sexuellen Probleme, über Beziehungslosigkeit, Erektionsstörungen, Orgasmusschwierigkeiten und so weiter. Das alles summiert sich zu dem Eindruck, wir hätten mit unserem Intimleben mehr Last als Lust.

SPIEGEL ONLINE: An dem Offenbarungsfimmel der Unzufriedenen sind Sie ja nicht ganz unschuldig.

Kolle: Wissen Sie, zu meiner Zeit - in den fünfziger, sechziger Jahren - haben die Eltern ihre Kinder nicht aufgeklärt, sie haben sie gewarnt. Sobald ein junges Mädchen die Menstruation bekam, sagte die Mutter: 'Jetzt hast du die Schweinerei auch, jetzt darfst du keinen Jungen mehr küssen'. Das war der typische Satz! Als ich dann meine Bücher schrieb und meine Filme zeigte, bekam ich Tausende von Zuschriften. Das Bedürfnis, etwas über Sexualität zu lernen, war riesig. Und ich bin stolz darauf, dass man heute über alles reden kann.

SPIEGEL ONLINE: Wer hat Sie damals eigentlich heftiger attackiert - die Apo oder die Franz-Josef Strauß-Fraktion?

Kolle: Ich bin zwischen beiden zerrieben worden. Die Linken haben mich als Erzspießer betrachtet, der doch nur die Ehe retten will. Die Rechten haben gesagt: 'Was der Mann macht, ist schlimmer als der Zweite Weltkrieg, der zerstört unsere abendländischen Werte. Die Deutschen werden in die tiefste Barbarei versinken und auf offener Straße Orgien feiern.'

SPIEGEL ONLINE: Sie haben lange für die "Neue Revue" gearbeitet, auch für die "B.Z". und die "Bild". War die Boulevardpresse so etwas wie Ihr Kriegskamerad an der Sexualfront?

Kolle: Überhaupt nicht! Die "Bild"-Zeitung war mein schlimmster Feind. Als ich auf Sylt mal Axel Springer traf, habe ich ihm gesagt: 'Nun pfeifen Sie doch endlich Ihre Kettenhunde zurück' - ohne Erfolg. Aber auch der alte Rudolf Ullstein hat mich ein 'Schwein' genannt. Geholfen haben mir einzelne Menschen, zum Beispiel Karl-Heinz Hagen, der Chefredakteur der "B.Z" und der "Quick" war. Aus dieser Zusammenarbeit sind die großen Artikel-Serien und die Bücher entstanden.
 
SPIEGEL ONLINE: Der ARD-Film über Ihr Leben legt nahe, dass Sie eigentlich nur in eigener Sache aufgeklärt haben: Sie wollten Ihre private Spielwiese vergrößern.

Kolle: Ich hatte mir viele Freiheiten genommen - seit früher Jugend bisexuell gelebt, viele Freundinnen gehabt, eine offene Ehe geführt: Wunderbar! Diese Freiheiten wollte ich auch anderen Menschen ermöglichen. Die Politik fängt eben im Privaten an.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren damals ein sehr zorniger junger Mann. Sind Sie heute immer noch wütend?

Kolle: Oh ja. Sehen Sie mal, was seit vielen, vielen Jahren in der katholischen Kirche passiert. Einige Priester missbrauchen ihre Ministranten. Und wenn es herauskommt, werden sie in eine andere Diözese versetzt. So verschafft man ihnen nur noch mehr 'Frischfleisch' - das ist doch Wahnsinn! Und wie kann die katholische Kirche in Afrika predigen, keine Kondome zu benutzen? Die Verseuchung mit Aids ist so groß: Man schickt die Menschen doch direkt in den Tod. Auch darüber könnte ich mich stundenlang aufregen.


Oswalt Kolle
Der legendäre Sexualaufklärer Oswalt Kolle, heute 73, schockierte mit seinen Büchern und Filmen ("Deine Frau, das unbekannte Wesen") die deutsche Nachkriegsgesellschaft. Während sich vor den Kinokassen lange Schlangen bildeten, prügelten Kirche, Konservative und die radikale Linke auf den "Orpheus des Unterleibs" ein. In einem ebenso heiteren wie klugen Spielfilm mit Sylvester Groth und Annett Renneberg in den Hauptrollen schildert die ARD diese politische Gemengelage ("Kolle - Ein Leben für Liebe und Sex") und setzt sie in Beziehung zu Kolles chaotischem Privatleben: Der dreifache Vater führte eine offene Ehe und hatte sowohl weibliche als auch männliche Liebschaften. Der Publizist lebt und arbeitet heute in Amsterdam.


SPIEGEL ONLINE: Der ARD-Film zeigt nichts von Ihren heutigen Aktivitäten, sondern beschränkt sich auf die Phase in den siebziger Jahren, als sie sich abseits Ihrer Familie austobten - und einige Joints und Liebesaffären später wieder heimkehrten. Fühlen Sie sich angemessen porträtiert?

Kolle: Ach wissen Sie, der Film hat Überspitzungen, die dramaturgisch notwendig sind. Er zeigt die innere Wahrheit, und das ist okay. Außerdem sind die Schauspieler zum Küssen! Nur eins muss ich in aller Bescheidenheit kritisieren: So hässliche, braungemusterte Unterhosen, wie sie der Sylvester Groth trägt, habe ich nie angehabt.

Das Interview führten Lutz Kinkel und Klaus Braeuer

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