Asien Kurier 3/2011 vom 1. März 2011
Indien
Indien lotet Potenzial für Offshore-Windkraft aus
Das Interesse der Stromerzeuger ist groß; erste Windkarten sollen Ende 2012 veröffentlicht werden.
Von Boris Alex, Germany Trade & Invest in New Delhi
Indien belegt unter den größten Windkraftproduzenten bereits heute den fünften Platz und möchte seine Kapazitäten bis 2015 auf 25 Gigawatt (GW) verdoppeln. Um dieses Ziel zu erreichen, soll auch das bislang ungenutzte Offshore-Potenzial genutzt werden. Künftig sollen Windkarten Aufschluss darüber geben, wo sich der Bau von Hochseewindparks lohnen könnte. Bei Technologie und Projektentwicklung ist Indien stark auf ausländische Expertise angewiesen.
Baustelle für einen Windpark in Rajasthan Baustelle für einen Windpark in Rajasthan
Foto: Jürgen von Hambrechter
Indien möchte in den kommenden Jahren den Ausbau der Windenergie weiter vorantreiben. Nach Angaben des Global Wind Energy Council (GWEC) beliefen sich die Erzeugungskapazitäten Ende 2010 auf rund 13 GW. Damit liegt der Subkontinent bei der Windkraft weltweit auf dem fünften Rang hinter der VR China, den USA, Deutschland und Spanien. Bei den Neuinstallationen belegte Indien im vergangenen Jahr mit 2.139 MW sogar Platz drei - hinter China und den USA.
Doch die Möglichkeiten sind bei Weitem noch nicht ausgeschöpft. Das Ministry of New and Renewable Energy (MNRE) beziffert Indiens Windenergiepotenzial auf knapp 50 GW, andere Quellen sprechen je nach Höhe der Windstärkemessung von bis zu 100 GW. Innerhalb der nächsten fünf Jahre möchte die indische Regierung die Kapazitäten auf 25 GW verdoppeln und bis 2020 auf 46 GW ausbauen. Um dieses Ziel zu erreichen, muss Indien jedes Jahr knapp 4 Milliarden Euro in neue Windkraftanlagen investieren, so eine Schätzung des GWEC.
Bislang wurden ausschließlich Windkraftanlagen auf dem Festland errichtet. Doch das soll sich künftig ändern, denn Indien sieht in den nächsten Jahren erhebliches Potenzial bei Offshore-Windparks. Der Subkontinent bietet mit seiner 7.000 km langen Küste zumindest die Grundvoraussetzung für Hochseewindparks. Ob auch die Windintensität ausreicht, um Offshore-Windanlagen wirtschaftlich betreiben zu können, soll nun herausgefunden werden.
Derzeit erstellen die beiden staatlichen Forschungseinrichtungen Centre for Wind Energy Technology (C-WET) in Chennai sowie das Indian National Centre for Ocean Information Services (INCOIS) in Hyderabad Studien zu Indiens Offshore-Potenzial. Die Windkarten sollen laut Ministry of New and Renewable Energy bis Ende 2012 veröffentlicht werden. Nach Einschätzung von INCOIS bieten insbesondere die Küstenstreifen vor den westindischen Bundesstaaten Gujarat und Maharashtra sowie der Süden von Tamil Nadu an der Ostküste Indiens Potenzial für Hochseewindanlagen.
Das Interesse auf Seiten der Industrie an der Offshore-Technik ist sowohl bei den Stromerzeugern als auch bei den Herstellern von Windkraftanlagen groß, denn die Realisierung von Onshore-Projekten wird zunehmend schwieriger. Eines der größten Probleme für die Investoren ist der Landerwerb. Pro MW Windkraftkapazität wird eine Fläche von rund 2 Hektar benötigt.
Bauland ist in dem dicht besiedelten Land allerdings knapp und in manchen Regionen so teuer, dass der wirtschaftliche Betrieb eines Windparks unmöglich ist. Hinzu kommt, dass die Umwandlung von Agrar- in Industrieland nicht selten auf Widerstand in der Bevölkerung stößt. Zudem dauert das Genehmigungsverfahren durch die Umweltbehörden nach Einschätzung der Unternehmen zu lange. Die Investoren hoffen nun, durch ein Ausweichen auf hohe See zumindest diese beiden Probleme besser in den Griff zu bekommen.
Eine ganz andere Herausforderung stellt die Technologie dar. Denn die indische Windenergiebranche hat bislang kaum Erfahrung mit Offshore-Anlagen - sowohl was die Herstellung der Ausrüstung als auch die Realisierung von Projekten betrifft. Indiens Branchenprimus Suzlon will bei seinen Offshore-Plänen auf die Expertise des 2007 übernommenen deutschen Windkraftanlagenbauers REpower zurückgreifen.
Tata Power möchte Presseinformationen zufolge bis 2017 etwa 50 Milliarden indische Rupien (813 Mio. Euro, 1 Euro = 61,51 Rupien, 3-Monatsmittel) in die Windenergie investieren - unter anderem auch in den Bau von Hochseewindparks. Die Projektentwickler von Offshore-Anlagen dürften vor allem in der Anfangsphase auf ausländisches Know-how angewiesen sein, so die Einschätzung eines Branchenvertreters.
Allerdings sollten deutsche Unternehmen bei ihrem Indien-Engagement vorsichtig sein, damit ihnen nicht das gleiche Schicksal wiederfährt wie dem Windkraftanlagenhersteller Enercon. Diesem wurden Ende 2010 nach einem langen Rechtsstreit mit seinem indischen Joint-Venture-Partner zwölf seiner in Indien registrierten Patente aberkannt. Die Begründung des Patengerichts: mangelnde Erfindungshöhe und mangelnde Neuheit. Nach dem Verlust der Patente kann nun jeder in Indien die Enercon-Technologie nutzen, ohne hierfür Lizenzgebühren an das Unternehmen abführen zu müssen.