HEDGEFONDS: Angriff der Finanzhaie
Sie attackieren Unternehmen, die in Schwierigkeiten stecken, sie wetten auf fallende Aktienkurse, und manche arbeiten mit üblen Tricks - Hedgefonds gelten als Feindbild vieler Manager und Aktionäre. Wer sind die bösen Buben der Börse wirklich?
Der Stadtteil Holborn im Zentrum Londons ist eine feine Adresse. In gepflegten alten Häusern residieren Anwälte und Vermögensverwalter. Keine Spur von den protzigen Glastürmen der benachbarten "City", des Londoner Finanzdistrikts. Wer in Holborn logiert, pflegt britisches Understatement.
So sehr bisweilen, dass Besucher Mühe haben, den Weg zu finden. Lediglich ein winziges Schild verrät den Sitz des Unternehmens Thames River Capital. Kaum vorstellbar, dass sich in diesem unscheinbaren Reihenhaus das Feindbild zahlreicher deutscher Manager und Aktionäre verbergen soll: ein Hedgefonds.
Thames-River-Chef Jonathan Hughes-Morgan weiß vom schlechten Ruf seiner Branche. Das Außenseiterimage scheint ihm zu gefallen. Lächelnd beschreibt der Fondsmanager, wie er am Frankfurter Aktienmarkt ein Vermögen gemacht hat.
Nicht etwa, als die Kurse stiegen. Thames River verdiente vor allem dann Geld, als die Notierungen längst fielen und die Kleinanleger in Scharen von der Börse flüchteten.
Der Trick: Hughes-Morgans Truppe lieh sich Aktien der Deutschen Telekom und des Finanzdienstleisters MLP , verkaufte die Papiere und sammelte sie nach dem Kurssturz deutlich billiger wieder ein. Dann gab Thames River die Aktien an die Verleiher - Großanleger wie Versicherungen und Investmentfonds - zurück. "Shorten", übersetzt "leer verkaufen", heißt diese Technik im Jargon der Hedgefonds.
Viele Aktionäre und Firmenchefs können sich über diese Form der Geldvermehrung überhaupt nicht freuen. Seit die Malaise an den Aktienmärkten kein Ende findet, mehren sich vor allem in Deutschland Klagen über die Hedgefonds-Branche.
Nahezu täglich melden Börsenhändler, Leerverkäufer hätten neuerliche Abwärtstrends ausgelöst. Unternehmenslenker wie MLP-Chef Bernhard Termühlen oder WCM-Vormann Roland Flach sehen in den Finanzalchimisten die Hauptschuldigen für den Wertverfall ihrer Aktien.
In konzertierten Aktionen, so die Kritiker, prügelten die Hedgefonds die Kurse in den Keller. Sie scheuten nicht einmal vor Falschmeldungen und Gerüchten zurück, um einen Absturz auszulösen und am Verlust anderer zu verdienen.
Interessenvertreter von Kleinaktionären warnen bereits, dem Finanzplatz Deutschland drohe Schaden, wenn sich nicht bald etwas ändere. Sie fordern, Leerverkäufe zu untersagen; zumindest aber müsse die Branche stärker beaufsichtigt werden. Schließlich fließe immer mehr Geld in die spekulativen Anlagen.
Sind Hedgefonds wirklich die Haie der Kapitalmärkte, deren üble Praktiken verboten gehören?
Treibjagd auf "das schwächste Tier"
Das Unbehagen vieler Vorstände ist nachvollziehbar. Hochriskante Anlagestrategien, keine Transparenz, Firmensitze an unregulierten Finanzplätzen wie den Cayman Islands: Die Zunft der Hedgefonds-Manager umgibt etwas Mysteriöses.
Was die Fonds genau machen, weiß kaum jemand - außer dass es mit der ursprünglichen Bedeutung des Begriffs "Hedge", nämlich Absicherung, wenig zu tun hat. Stars der Branche wie George Soros verdienen dreistellige Millionenbeträge im Jahr; wer sein Geld bei ihnen investiert, muss für die Wertsteigerung ihrer Anlagen Gebühren ("performance fees") von bis zu 50 Prozent bezahlen.
Trotz der üppigen Tribute kann sich die Branche vor frischem Kapital kaum retten. Seit Anfang der 90er Jahre stieg das Volumen der investierten Gelder um sagenhafte 1500 Prozent auf heute weltweit knapp 600 Milliarden Euro.
Auch deutsche Großanleger interessieren sich brennend für die vermeintlich hochrentablen Anlagen. Die so genannten Alternative Assets, zu denen Hedgefonds zählen, hätten für sein Haus "Priorität", sagt Allianz-Vorstand Joachim Faber.
Kein Wunder: Ziel aller Hedgefonds ist es, eine "absolute" Rendite zu erreichen, die unabhängig vom Börsenumfeld stets positiv ist - und zugleich deutlich höher als die sichere Verzinsung am Geldmarkt.

Um dieses Ziel zu erreichen, ist den Fonds nahezu jedes Mittel recht: Sie wetten auf fallende Kurse, nehmen Kredite auf, um ihren Ertrag zu vervielfachen, und kombinieren alle möglichen Anlagen miteinander.
Der waghalsige Investmentstil bringt der Branche wenig Sympathien ein. Selbst in den USA, der Heimat der meisten Hedgefonds, werden die Spekulanten heftig kritisiert. Die Branche agiere "wie ein Löwe, der sich das schwächste Tier aussucht", klagt Bill Gross, Manager der amerikanischen Allianz-Tochter Pimco.
Gezielt, so der Vermögensverwalter, gingen die Hedgefonds auf Unternehmen los, die in Schwierigkeiten steckten, und trieben deren Aktienkurse nach unten. Mit der Folge, dass sich die Überlebenschancen der angegriffenen Firmen weiter verschlechterten.
Im schweizerischen Örtchen Pfäffikon, idyllisch am Zürichsee gelegen, sitzt der weltweit größte Vertreter der angefeindeten Spezies. Die an der Londoner Börse notierte Man Group verwaltet rund 21 Milliarden Euro.
Rolf Benz, zuständig für das Deutschland-Geschäft von Man Investment Products, gehen die Vorwürfe auf die Nerven. Die Unternehmen wollten halt "ihre Pfründen verteidigen", giftet der Schweizer zurück. Schließlich hätten die Firmen ebenso wie die Banken ein Rechtfertigungsproblem. "Wer den Anlegern jahrelang gesagt hat, es gehe weiter aufwärts, ist jetzt für jeden Sündenbock dankbar, dem er die Schuld an der Kursschwäche zuschieben kann", sagt Benz. Dass Hedgefonds die Börsenbaisse ausgelöst hätten, hält er, wie anders kaum zu erwarten, für abwegig.
Längst nicht jeder in der Branche bediene sich der Leerverkäufe. "Und selbst die sind Konkurrenten", sagt Benz. Deshalb seien konzertierte Aktionen, um einzelne Aktien niederzuknüppeln, unwahrscheinlich.
Die Sache mit dem Börsenmonster
Tatsächlich verfolgen die weltweit mehr als 6000 Hedgefonds alle möglichen Anlagekonzepte. Manche versuchen, aus Änderungen in der Bewertung von Zinspapieren oder Währungen Kapital zu schlagen. Andere setzen nur auf Aktien von Firmen, die in Fusionsverhandlungen stecken.
Beliebteste Spielwiese sind aber die so genannten Long/short-Strategien. Branchenschätzungen zufolge verfolgt rund die Hälfte aller Fonds diese Strategie. Einen Großteil ihrer Gelder legen diese Fondsmanager wie "gewöhnliche" Investoren an: Sie kaufen Aktien aussichtsreicher Firmen ("Long"-Position). Zugleich setzen sie jedoch auf Leerverkäufe von Unternehmen, die sie für Absturzkandidaten halten ("Short"-Position).
Aktien für die Leerverkäufe zu besorgen ist kein Problem. Angeführt von US-Investmentbanken wie Morgan Stanley und Goldman Sachs organisieren große Finanzinstitute das profitable Geschäft mit der Wertpapierleihe. Ihre Aktien erhalten sie von Fondsgesellschaften und Versicherungen, die das Hedgefonds-Geschäft ansonsten gern kritisieren. Diese verleihen die Papiere gegen eine Gebühr trotz der Gefahr, den Wert des eigenen Aktienbestands zu mindern.
"Wir profitieren doch nur davon, dass die Aktien vorher hoffnungslos überbewertet waren", sagt Thames-River-Chef Jonathan Hughes-Morgan. Hedgefonds taugten nicht als Börsenmonster, wehrt sich die Zunft, allein schon wegen ihres vergleichsweise geringen Anlagevolumens. Immerhin entsprächen die 600 Milliarden Euro nur etwa 2 Prozent der weltweit in Aktien angelegten Gelder. In diesem Punkt gibt sogar die britische Börsenaufsicht FSA den Hedgefonds Recht. Seine Behörde habe keinen Zusammenhang zwischen den Leerverkäufen und der Börsenkrise feststellen können, verkündete FSA-Chef Howard Davies Ende Juli.
Dennoch gelingt es den Spekulanten immer wieder, einzelne Aktienkurse zu torpedieren. Und mitunter operieren sie dabei mit seltsamen Methoden.
So veröffentlichte das bisher nahezu unbekannte Züricher Analysehaus UZF im Juni dieses Jahres eine Studie, in der die Schweizer dem Beteiligungshaus WCM zweifelhafte Bilanzpraktiken unterstellten (siehe: "Gezielte Manipulation?").
UZF-Urteil: "strong sell", unbedingt verkaufen. Die Vorwürfe waren zum Großteil aus der Luft gegriffen. Doch sie wirkten, die WCM-Aktie stürzte inmitten der Börsenpanik um 30 Prozent ab. Zwei Wochen später empfahl UZF nach Gesprächen mit WCM, die Aktie zu "akkumulieren".
Firmenchef Flach, der hinter der Studie Manipulationen im Auftrag von Hedgefonds vermutet, war gegen diese Attacke chancenlos. Ebenso erging es MLP-Vormann Termühlen, der einen britischen Fonds als Urheber böser Gerüchte über den Finanzdienstleister ausgemacht hat.
Im Fall von MLP wirkt der Kursverfall unmittelbar geschäftsschädigend (siehe: "Die Angriffe haben uns getroffen"). Anleger zögern womöglich, bei dem Unternehmen eine Lebensversicherung abzuschließen, weil sie über die Bonität des Unternehmens verunsichert sind. So wird aus einem inszenierten Kursverfall unter Umständen eine echte Unternehmenskrise.
"Der nächste Unfall ist programmiert"
Wenn Hedgefonds es schaffen, einzelne Unternehmen zu beschädigen, ist das schon schlimm genug. Die größere Gefahr liegt allerdings in der grenzenlosen Gier der Branche. Immerhin arbeiten die meisten Hedgefonds mit Kreditmitteln, um die Gewinne aus ihren Spekulationsgeschäften zu vervielfachen.
Branchenkenner wie der Schweizer Fondsmanager Felix Zulauf sehen in diesem "leverage" (Hebel) das gravierendste Risiko. "Der nächste Unfall ist programmiert", warnt Zulauf in Anspielung auf die Beinahe-Pleite des Hedgefonds LTCM im September 1998.
Entwickeln sich nämlich die Kapitalmärkte anders als von den Hedgefonds erwartet, kann der massive Einsatz von Fremdmitteln schnell dazu führen, dass die Spekulanten ihre Verpflichtungen gegenüber Handelspartnern nicht erfüllen können. LTCM konnte nur durch eine von der US-Notenbank koordinierte Rettungsaktion vor dem Kollaps bewahrt werden.
Dass ein derartiger Komplettausfall eines größeren Hedgefonds das internationale Finanzsystem in eine Schieflage bringen könnte, gilt Experten als die eigentliche Bedrohung. Zumal der rasante Zuwachs an Anlegergeldern viele Neulinge angelockt hat; Fondsmanager, die auch nach Ansicht von Allianz-Vorstand Faber "zu unerfahren" sind.
Selbst die der Branche ansonsten wohl gesinnte britische Börsenaufsicht fordert mittlerweile mehr "Informationen", etwa über das Volumen der Leerverkäufe; bis Oktober wollen die Aufseher einen Entwurf für mehr Transparenz vorlegen.
Ob derartige Initiativen Abhilfe schaffen, bleibt indes fraglich. Die Branche kann notfalls auf weniger regulierte Märkte ausweichen.
Besserung verspricht eher eine andere Entwicklung. Vor Jahren waren es hauptsächlich reiche Privatleute, die ihr Vermögen in Hedgefonds steckten. Heute investieren zunehmend institutionelle Anleger wie Pensionskassen, Banken und Versicherungen in "alternative Anlagen". "Diese Investoren schauen genauer hin, wenn es um die Auswahl der Hedgefonds geht", beobachtet Michael Busack, Herausgeber des Branchendienstes "Absolut Report".
So genannte Fund of Funds, vergleichbar in etwa den deutschen Dachfonds, analysieren bis ins Detail Know-how und Risikobereitschaft der Hedgefonds-Firmen, bevor sie investieren. Durch die Kombination unterschiedlicher Strategien versuchen sie zudem, die Gefahr von Totalausfällen zu verringern.
Das Bemühen, die Wilden in der Zunft zu bändigen, hat allerdings einen unerfreulichen Effekt. Der Anspruch der Branche, hohe "absolute" Renditen unabhängig von der Börsenlage zu erzielen, bleibt zunehmend ein leeres Versprechen.
Vergangenes Jahr erzielten die Hedgefonds im Schnitt eine Rendite von etwas über 4 Prozent - kaum mehr als ein Bundesschatzbrief. Die "Long/short"-Fonds verloren sogar gut 3 Prozent an Wert.
Magere Ergebnisse, die zeigen: Auch Hedgefonds unterliegen den Zwängen des Börsengeschehens. Zum Magier taugen die Glücksritter offenkundig ebenso wenig wie zum Feindbild aller.
Die Strategien der Hedgefonds-Manager
Equity long/short: Etwa jeder zweite der weltweit 6000 Hedgefonds setzt auf diese Strategie. Die Fondsmanager kaufen Aktien aussichtsreicher Firmen ("long"-Position) und verkaufen zugleich Papiere von Unternehmen, die sie für überteuert halten ("short"). Die Aktien für die Verkäufe leihen sich die Fonds von anderen Großanlegern wie Versicherungen und Pensionsfonds aus.
Event-driven: Im Mittelpunkt dieser Taktik stehen spezielle Ereignisse wie Firmenfusionen, Restrukturierungen oder Insolvenzen. Die Hedgefonds profitieren von den Börsenturbulenzen während dieser Ausnahmesituationen, zum Beispiel vom Kursanstieg der Aktien eines Unternehmens, das übernommen werden soll.
Global macro: Diese Methode versucht, mit der Unterstützung von Computerprogrammen globale Trends auf den Aktien- , Anleihen-, Währungs- und Warenmärkten zu erkennen. Global-macro-Fonds arbeiten häufig mit massivem Einsatz von Kreditmitteln, um ihre Erträge zu vervielfachen ("leverage", Hebel).
Relative Value: Kursabweichungen zwischen verschiedenen Wertpapiergattungen auszunutzen ist das Ziel dieser Strategie. Der Fondsmanager verkauft beispielsweise überbewertete Aktien eines Unternehmens und kauft gleichzeitig günstiger bewertete Anleihen derselben Firma.
Fund of Funds: Dachfonds, die gleichzeitig in mehrere Hedgefonds investieren. Ziel ist es, die Risiken möglichst klein zu halten. Deshalb werden mindestens 20 Fonds kombiniert, die unterschiedliche Taktiken verfolgen. Auf diese Weise soll auch die Gefahr eines Totalausfalls verringert werden.
Weitere Links:
-> Leerverkäufe: Die Macht der Shorties
-> Short Seller: Der böse Wolf und der Herdentrieb
Gruß
Happy End