Ein Mathematiker versucht hier anhand eines Beispiels das Schuldenproblem
durch den Zinseszins (Seerosen) zu lösen.
Das Seerosenbeispiel
So einfach das folgende Beispiel auch ist, so klar kann man aber an ihm die wesentlichen Mechanismen erkennen
und erklären.
Annahme: Der Bestand von Seerosen in einem See hat sich, mit einer Seerose beginnend, jährlich verdoppelt.
Nach 30 Jahren ist der See zu einem Viertel voll mit Seerosen.
Frage: Wann ist der See ganz voll mit Seerosen?
Antwort: Nach zwei Jahren, denn bei einer Verdopplung ist der See nach einem Jahr halbvoll und nach einem
weiteren Jahr ganz voll. 30 Jahre lang konnte man die Seerosen als Zierde des Sees betrachten, innerhalb von 2
Jahren gibt es aber keinen freien See mehr.
An diesem Beispiel kann man die ungeheure Brisanz, die in exponentiellen Entwicklungen liegt, erkennen. Leider wird diese Brisanz in der Regel von Ökonomen nicht richtig eingeschätzt. Techniker tun sich in der Regel emotional in der richtigen Einschätzung dieses Phänomens leichter, weil sie eine engere Beziehung zu den damit in unmittelbarer Beziehung stehenden Problemen haben wie beispielsweise Explosion und Kettenreaktion.
Setzt man die Größe des Seerosenteiches gleich mit dem realen Volkseinkommen und den mit Seerosen bedeckten Teil gleich dem Anteil des Volkseinkommens, der dem leistungslosen Einkommen aus Zinserträgen entspricht, lassen sich erstaunliche Parallelen finden, die im folgenden dargestellt werden.
Lösungsansätze zur Beherrschung des Seerosenproblems
Wie ist aber das Problem des Zuwachsens des Sees und damit vielleicht das Problem eines ökologischen Zusammenbruchs beherrschbar, wenn wir einen See haben, in dem sich Seerosen exponentiell vermehren? Eine systematische Untersuchung dieser Frage liefern die folgenden theoretisch möglichen Lösungsansätze:
6.1. Wachstumszwang
Das Problem kann gelöst werden, indem man den See mit der gleichen Zuwachsrate vergrößert, mit der sich die Seerosen vermehren. Obwohl die langfristige Undurchführbarkeit dessen für einen See offenkundig ist, ist dies der Ansatz, den wir heute in unserem Wirtschaftssystem tatsächlich sehr weitgehend vollziehen. Intuitiv glauben wir alle, dass unser bestehen-des Geld- und Wirtschaftssystem ohne Wachstum nicht bestehen kann und daher haben auch alle bestimmenden gesellschaftlichen Faktoren ein-schließlich der Politiker ein eminentes Interesse am Wachstum. Es wird daher Wachstum um jeden Preis gefördert, ohne zu prüfen, ob und in welcher Form tatsächlicher Bedarf besteht. Es ist aber offenkundig, dass unbeschränktes (insbesondere exponentielles) Wachstum in einer realen beschränkten Welt nicht dauerhaft möglich ist. Von den fortschrittlicheren Ökonomen wird diese Tatsache zwar auch anerkannt, sie behaupten aber, dass die Wirtschaft nicht unbedingt in quantitativer Hinsicht wachsen müsse, sondern dass es genügt, wenn sie in qualitativer Hinsicht wächst. Aber auch dieses Argument ist meines Erachtens nicht stichhaltig, denn die Ursache für den Wirtschaftswachstumszwang geht im Rahmen des bestehenden Systems vom zinsbedingten Wachstumszwang für Geldguthaben aus, was wiederum untrennbar verbunden ist mit Verschuldungswachstum. Verschuldung bedingt Sicherstellungen, Sicherstellungen bedingen liquidierbares und damit reales Kapital. Ein notwendig wachsendes reales Kapital bedingt daher Wirtschaftswachstum in quantitativer Sicht und kann nicht durch qualitatives Wachstum ersetzt werden. Im Sinne einer politischen Klassifizierung neigen vor allem konservative politische Parteien zu diesem Wachstumsrezept als Problemlösungsansatz.
6.2. Umverteilung
Das Problem kann auch gelöst werden, indem der jährlich zuwachsende Teil an Seerosen weggeschnitten wird. Diese Vergrößerung der freien Seefläche auf Kosten des Seerosenbestandes entspricht im politischen Sinn einer Umverteilung von reich zu arm. Es zeigt sich aber in der Realität, dass diese Umverteilung im für die Stabilisierung notwendigen Ausmaß politisch heute nicht durchsetzbar ist (Abschaffung der Vermögenssteuer! Zu niedrige Kapitalertragssteuer usw.). Aus systemtheoretischer Sicht ist dies nicht verwunderlich, da, wie oben schon ausgeführt, positive Rückkopplungen durch gleich große oder auch größere negative Rückkopplungen praktisch nicht wirklich beherrschbar sind. Im Sinne einer politischen Klassifizierung entspricht dieser Umverteilungsansatz eher sozialdemokratischen Prinzipien.
6.3. Inflation
Das Problem kann auch gelöst werden, indem die Größe der Seerosen in dem Ausmaß verkleinert wird, als die Anzahl der Seerosen zunimmt. Das Verkleinern von Seerosen entspricht realwirtschaftlich einer Verminderung der Kaufkraft und damit einer Inflation.
Der Zuwachs der Seerosen kann auch als Zuwachs des Finanzkapitals in der Höhe der nominellen Zinsen gesehen werden. Die Höhe des Finanzkapitals wäre also nur dann stabil, wenn die nominellen Zinsen höchstens gleich hoch wie oder unter der Inflationsrate liegen, was gleichbedeutend ist mit einem Realzins kleiner bzw. gleich Null. Vielfach wird argumentiert, dass dieser Zustand tatsächlich immer wieder auch real vorkommt. Dies gilt zwar möglicherweise in seltenen Fällen für den Eckzinsfuß bzw. für den Geldmarktzinsfuß, gilt aber niemals für den Kapitalmarktzinsfuß (Sekundärmarktrendite). Die Sekundärmarktrendite zeigt seit langem eine untere Widerstandslinie zwischen 5,5 und 6 % und liegt immer mindestens 3 % über der Inflationsrate.
Tatsache ist aber auch die Gültigkeit des Fisher-Effektes (Erwartungseffektes), der dazu führt, dass die Nominalzinsen immer im Ausmaß der Inflationsrate ansteigen, was letztlich heißt, dass (außer durch eine nicht vorhergesehene plötzliche Inflation) die Realzinsen durch Inflation nicht zum Verschwinden gebracht werden können. Am Beispiel der Seerosen ausgedrückt würde das bedeuten, dass die Wachstumsrate der Seerosen in dem Ausmaß ansteigt, wie die Größe der Seerosen sich vermindert, was im Endeffekt also keine Auswirkungen haben würde. Im Sinne einer politischen Klassifizierung kann dieser auf Inflation aufbau-ende Problemlösungsansatz eher sozialdemokratischen Parteien zugeordnet werden.
6.4. Sparen
Politisch besonders aktuell ist derzeit der Versuch, das Problem durch Sparen zu lösen. Dieser Problemlösungsansatz lässt sich nicht so leicht anhand des Seerosenteiches erläutern wie die anderen Ansätze, aus systematischen Gründen und der Wichtigkeit wegen soll er aber trotzdem hier kurz angedeutet werden. Die Schwierigkeit liegt darin, dass der Sparansatz in Wahrheit viel komplexer ist, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Ausführlich wird darauf in Kapitel 8.2. eingegangen. Der Sparansatz kann, vereinfacht dargestellt, das Problem deswegen nicht lösen, weil er nicht, wie man meinen sollte, automatisch zu einem Abbau der Schulden sondern nur zu einem Schrumpfen der Wirtschaft führt. Schulden können nämlich nur dann ohne Schrumpfen der Wirtschaft durch Sparen abgebaut werden, wenn gleichzeitig die Guthaben abgebaut werden, d.h. das zurückgezahlte Geld entweder in Form von Eigenkapital investiert wird oder konsumiert wird. Da Geldguthabenbesitzer weder ein Interesse haben, ihr Geld als Eigen-kapital einzusetzen, noch ein Interesse haben, mehr zu konsumieren, nur weil dies die Schuldner gerade gerne hätten, sondern ein viel größeres Interesse haben, ihr Geld weiterhin zu verleihen und ihr Geldvermögen durch ein leistungsloses Zinseinkommen zu vermehren, kommt es zu keinem Ab-bau der Guthaben und keinem Abbau der Schulden, sondern nur zu einem Schrumpfen der Wirtschaft.
Dieser Sparansatz wird besonders von konservativen Parteien verfolgt. Der Sparansatz ist nur dann von Erfolg gekrönt, wenn er mit dem Umverteilungsansatz kombiniert wird, d.h. wenn im selben Ausmaß wie gespart wird auch die Guthaben über eine Steuer (z.B. Solidarabgabe, höhere Kapitalertragssteuer usw.) abgeschöpft werden und diese Mittel einer öffentlichen Nachfrage bzw. Investition zugeführt werden. Politisch kann dieses Konzept als "sozial ausgewogenes Sparen" oder als ausgabenseitige und einnahmenseitige Budgetsanierung bezeichnet werden und der sozialdemokratischen Partei zugeordnet werden. Grundsätzlich gelten für diesen Ansatz aber die gleichen Vorbehalte wie für den reinen Umverteilungsansatz. Wesentlich in der politischen Beurteilung ist aber, dass in der herkömmlichen Politik diese vier Lösungsansätze die einzigen Ansätze zur Problemlösung sind. In der Praxis kommt es zu einem Mix dieser vier Lösungsansätze, der je nach der politischen Einstellung unterschiedlich gewichtet sein kann.
6.5. Währungsreform
Das Problem kann auch dadurch gelöst werden, dass die Seerosen gänzlich ausgerottet werden. Dieser Ansatz entspricht ökonomisch gesehen der vollständigen Vernichtung von Finanzkapital (Guthaben und Schulden) durch eine Währungsreform.
Obwohl wir in diesem Jahrhundert schon zwei Währungsreformen hinter uns haben (1924 und 1948), wird dieses Thema aus verständlichen Gründen von der herrschenden Ökonomie und vor allem von der Politik tabuisiert oder es wird wenigstens mit Nachdruck versichert, dass die heutige Situation mit der damaligen Situation nicht vergleichbar ist und die Notenbanken heute ganz andere Mittel zur Bekämpfung solcher Probleme haben. Es ist zweifellos richtig, dass die Nationalbanken heute diejenigen Fehler, die sie in der Zwischenkriegszeit aufgrund eines mangelnden Verständnisses des Wesens von Geld gemacht haben, heute nicht mehr machen werden. Natürlich versteht man heute, warum man eine Währung durch Gold weder decken kann noch soll oder muss. Ich bin aber der Meinung, dass es heute ebenfalls ein Problem gibt, für das die Nationalbanken heute weder das richtige Verständnis haben noch die geeigneten Instrumente zur Bekämpfung haben: die exponentiell wachsenden Guthaben und Schulden.
6.6. Neutralgeld
Jeder Techniker allerdings würde anders als in den vorgenannten Ansätzen an das Problem herangehen. Er würde versuchen, Instrumente zu finden, mit denen die Ursachen des Problems zu beseitigen sind. Er würde versuchen, den Mechanismus des exponentiellen Wachstums zu vermeiden, was gleichbedeutend damit ist, die Wachstumsrate der Seerosen durch geeignete Maßnahmen auf Null abzusenken. Der Ansatz entspricht geldwirtschaftlich gesehen dem Ansatz des Neutralgeldes, der in den Kapiteln 11 und 12 ausführlich dargestellt werden soll.