Übertriebene Angst vor dem Ölpreis


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Übertriebene Angst vor dem Ölpreis

 
04.04.02 20:25
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Übertriebene Angst vor dem Ölpreis


Übertriebene Angst vor dem Ölpreis 627576

Von Thomas Fricke (ftd.)

Die jüngste Rezessionserfahrung passt zu der Mär, wonach Wirtschaftskrisen stets von hohen Rohstoffkursen ausgelöst werden. Doch der Schein trügt. Das lässt für die nächste Zeit hoffen - trotz des Kriegs in Nahost.

Erst kam der Ölschock. Dann kam die Rezession. Die Chronologie der vergangenen zwei Jahre scheint zu bestätigen, was plausibel wirkt: Die Konjunktur schwankt mit den Rohölkursen am Weltmarkt - und mit den Krisen im Nahen Osten, die dahinter stecken. Umso größer ist jetzt die Sorge, dass mit dem erneuten Preisanstieg seit Ausbruch des Kriegs zwischen Israelis und Palästinensern der nächste Wirtschaftsabschwung folgt. In den vergangenen Wochen sind die Kurse um immerhin rund 40 Prozent gestiegen.


Der Verdacht liegt nahe: Immerhin fallen seit 1973 Ölschocks und westliche Krisen regelmäßig zusammen. Nur beweist das an sich noch nicht, dass die Ölscheichs an den Rezessionen schuld sind. Im Gegenteil: Vieles deutet auch nach der jüngsten Rezessionserfahrung noch darauf hin, dass die Folgen von Ölpreisschocks eher über- als unterschätzt werden. Und dass die Kapriolen der Rohstoffkurse vielmehr eine Folge des konjunkturellen Auf und Ab sind - und weniger ihre Ursache.


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Das Öl und die Krise

Auf den ersten Blick spricht alles für die These von den folgenschweren Ölschocks. Fünfmal geriet die US-Wirtschaft in den vergangenen 30 Jahren in eine Rezession; genauso oft kam es zu nennenswerten Ölpreissprüngen. Und jedes Mal trennte beide Ereignisse bestenfalls ein Jahr. Entsprechendes gilt umgekehrt: Solange es keine Preisschocks gab, wuchs die Wirtschaft. Als die Ölpreise Mitte der 80er und Ende der 90er fielen, folgte sogar ein Boom.


Der genauere Blick auf die zeitliche Abfolge lässt an der These vom stets konjunkturbestimmenden Ölpreis dennoch Zweifel aufkommen. So seien die Gewinne der US-Unternehmen bereits ein Jahr lang gesunken, bevor nach dem Jom-Kippur-Krieg im Oktober 1973 die Ölpreise stiegen, schreibt US-Ökonom Victor Zarnowitz. Die Frühindikatoren wiesen in den USA wie in Deutschland bereits seit Januar steil nach unten.


Ähnliches gilt für das Jahr 1990. Damals war die US-Wirtschaft sogar schon einige Wochen in der Rezession, als die Kuwait-Krise im August ausbrach und dies den Ölmarkt erschütterte. Die Kurse erreichten ihren Höhepunkt mit 35 $ je Barrel dagegen erst im Oktober 1990.


Zu Beginn der Rezession 2001 waren die Ölpreise umgekehrt bereits seit Monaten wieder auf Talfahrt, nachdem sie sich zuvor verdreifacht hatten. Auch das spricht gegen einen einfachen kausalen Zusammenhang. Im jüngsten Abschwung habe das Platzen der Internet-Blase sicher eine wichtigere Rolle gespielt als der Ölpreis, sagt Christophe Kamps vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel.



Rohstoffpreise folgen der Konjunktur


Steigt der Ölpreis also rein zufällig immer dann, wenn es eine Rezession gibt? Die Vermutung scheint ebenso gewagt. Nach Studien von Robert Barsky und Lutz Kilian von der University of Michigan ließe sich das Rätsel allerdings durchaus auflösen. *


Nach Analyse der beiden Ökonomen steigt der Druck auf die Ölpreise, je kräftiger die Wirtschaft wächst und je niedriger die Zinsen liegen. In Boomphasen sei das Risiko daher groß, dass politische Krisen zu Ölschocks führen. Zugleich seien hohe Wachstumsraten und niedrige Zinsen stets auch potenzielle Ursachen für konjunkturelle Überhitzungen, auf die wiederum in aller Regel Rezessionen folgen. Sprich: Ölschocks und Krisen haben ähnliche ökonomische Ursachen und treten daher in zeitlicher Nähe zueinander auf.


Zur Bestätigung führen Barsky und Kilian die Erfahrungen mit den ersten Ölschocks an. Zu Beginn der 70er Jahre hätten die Notenbanken derart viel Liquidität geschaffen, dass dies einen dauerhaft untragbaren Konjunkturboom ausgelöst und damit zugleich die Ölproduzenten an ihre Kapazitätsgrenzen geführt habe (in den USA erreichte die Auslastung erstmals 100 Prozent). Die geldpolitische Kehrtwende habe dann - Monate vor dem Ölschock - die Rezession ausgelöst.


Natürlich können höhere Ölpreise in solch kritischen Situationen den konjunkturellen Abwärtstrend verstärken, indem sie die Kosten für Unternehmen erhöhen und die Kaufkraft der Konsumenten schmälern. Das räumen auch Barsky und Kilian ein. Nur lassen sich die Schocks eben nicht mehr als schicksalhafte (Haupt-)Ursache von Konjunkturkrisen einstufen. Im Gegenteil: Laut der Modellrechnungen der beiden Ökonomen hätten sowohl Ölschock wie Stagflation in den 70er Jahren verhindert werden können, wenn die Notenbanken weniger Geld angeboten hätten.


Für das Verständnis von Konjunkturkrisen ist die Erkenntnis ebenso wichtig wie für die Wirtschaftspolitik. "Es wäre verfehlt, Rezessionen auf einzelne Schocks zurückzuführen", schreibt Victor Zarnowitz. Erst die Großzügigkeit der Notenbanken habe es der Opec in den 70er Jahren ermöglicht, die Preise in die Höhe zu treiben, so Barsky und Kilian.


Entsprechendes gilt für die jüngste Zeit: Ohne das übertrieben starke Wachstum von IT-Unternehmen und US-Wirtschaft Ende der 90er Jahre hätte es weder die anschließende konjunkturelle Ernüchterung geben müssen; noch hätte sich die Lage an den Ölmärkten derart anspannen können, dass eine Verdreifachung des Preises möglich geworden wäre.


Für die nächsten Monate könnte dies Entwarnung bedeuten. Nicht jede politische Krise müsse zum Ölschock führen, schreiben Barsky und Kilian. Das hat sich zuletzt nach dem 11. September gezeigt, als der befürchtete Preisanstieg ausblieb - weil die Konjunktur weltweit noch im Abschwung steckte. Und noch scheint die seitdem registrierte wirtschaftliche Erholung zu zaghaft, als dass sie reichen könnte, um einen länger anhaltenden Ölpreisschock zu nähren.


* "Do We Really Know That Oil Caused the Great Stagflation? A Monetary Alternative", Robert Barsky, Lutz Kilian, NBER Working Paper 8389, 7/2001



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