„Rest der Republik“ Der Westen sieht sich gerne als moralischer Akteur – doch dessen Kriege verursachten Millionen Opfer.
Burkhard Ewert
NOZ 26.03.26
Der Ukraine-Krieg beherrscht seit Jahren die Schlagzeilen. Russland war der Angreifer. Das weiß jeder, die Folgen sind blutig. Allerdings gibt es wenig Grund, sich als Westen für übermäßig edel zu halten – Stichwort Iran. Allein in den vergangenen 25 Jahren hat der Westen dort und anderswo Millionen Menschenleben auf dem Gewissen, wie unlängst eine Studie ins Bewusstsein gerufen hat.
Die entsprechende Untersuchung der amerikanischen Brown-University ist seriös, und ich wollte sie kurz mit Ihnen teilen, bevor alle Welt wieder meint, es sei eine gute Idee, sich bis an die Zähne zu bewaffnen und militärische Mittel weiterhin für ein probates Mittel zu halten, um Konflikte zu lösen.
Die Kriege und Militäreinsätze nach den Anschlägen vom 11. September 2001 führten in Afghanistan, Pakistan, Irak, Syrien, Libyen, Jemen, Somalia sowie auf den Philippinen zu mindestens 929.000 Toten durch direkte Kampfhandlungen. Darunter waren neben Soldaten und Söldnern mindestens 387.000 Zivilisten sowie mehrere Hundert Journalisten und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen.
Sehr viel mehr Menschen starben durch indirekte Folgen wie Mangelernährung, Krankheiten, gestörte Gesundheitsvorsorge und die Auswirkungen einer zerstörten Infrastruktur. Nach den Zahlen der Brown-University ist deshalb von weiteren 4,5 Millionen Todesopfern auszugehen.
5,5 Millionen Tote im Namen des Guten
Um nur auf die US-Seite zu blicken: Dort starben in diesen Kriegen mehr als 7050 Soldaten sowie geschätzt noch einmal die gleiche Anzahl an bewaffneten Kräften, die im Auftrag des Weißen Hauses als private Söldner agieren. Unzählige wurden verwundet oder sind traumatisiert. Die Zahl der Todesopfer durch die islamistischen 9/11-Anschläge in New York und Washington hatte knapp 3000 betragen.
Die Brown-University listet weitere Folgen der Kriege auf, die nicht quantifizierbar, aber für das Zusammenleben der Menschen gleichwohl relevant sind. So haben die Kriege erheblich zum Klimawandel beigetragen. Das US-Militär ist einer der größten Emittenten von Kohlendioxid weltweit.
Die oftmals illegalen Einsätze der Amerikaner und ihrer etwaigen Verbündeten in 85 Ländern der Welt hätten außerdem zur allgemeinen Erosion von bürgerlichen Freiheiten und Menschenrechten beigetragen, schreiben die Wissenschaftler. Sie erschweren es auch, siehe Iran, seinerseits auf das Völkerrecht zu verweisen.
Die Nachfolgekriege der Anschläge führten zur Flucht und Vertreibung von 38 Millionen Menschen. Und fast schon eine Randnotiz: Rüstungs- und Wiederaufbaugelder seien in vielen Fällen verschwendet oder veruntreut worden und in graue Kanäle geflossen; sicherlich in Milliardenhöhe. All diese Faktoren würden die USA und die gesamte Welt für weitere Jahrzehnte belasten, schreiben die Wissenschaftler.
Diese Zahlen sagen nichts aus über Schuld, Ursache oder über eine Einschätzung, was ohne diese Kriege gegen den Terror geschehen wäre, und ob er die Kosten wert gewesen ist. Die Wissenschaftler halten sich mit einer Einschätzung zurück.
Ich nicht. Die amerikanischen Kriege waren Wahnsinn, ein Fehler und brutal. Sie hätten keine Unterstützung verdient gehabt. Auch der Krieg gegen den Iran hätte unterbleiben müssen, in dem sich die Menschen im Westen nun auch noch eher darum sorgen, was mit steueroptimierenden Schönlings-Influencern in Dubai passiert, ob der Urlaub in Ägypten noch sicher ist oder was der Treibstoff an der Tankstelle kostet.
Denn das kommt ja noch hinzu und zählt zu den bittersten Aspekten an diesen Kriegen und ihren Toten: Dunkelhäutige Opfer sind scheinbar weniger wert, zumal falls sie auch noch zu Allah beten. Das Mitleid fällt geringer aus als bei anderen Konflikten. Während man in der Ukraine live verfolgen kann, wie von Drohnen aus Granaten auf verwundete Soldaten geworfen werden, sterben die Menschen im Iran anonym und ungesehen.
Es ist ein Krieg der unsichtbaren Toten. Sie haben sich ihr Regime nicht ausgesucht, den Angriff der Amerikaner ebenso wenig, und dann interessiert ihr Tod nicht einmal groß und erfährt wenig Anteilnahme.
Ich weiß: Geopolitik ist immer auch eine Übung in emotionaler Abstraktion. Vieles Leid ließe sich anders nicht ertragen. Für die deutsche Doppelmoral gilt das aber kaum minder. Da sterben Männer, Frauen und Kinder, und im Mittelpunkt der Diskussion steht die Straße von was weiß ich. So sollten die Menschen nicht sein.