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Van Nelle-Half.:

R.I.P

 
20.06.02 01:46
Die Mark hat ihre Schuldigkeit getan

Sie war das Symbol unserer Wirtschaftskraft, das Symbol für internationale Anerkennung und nicht zuletzt auch Symbol unserer Einheit. Wir hatten eine tiefe emotionale Beziehung zu ihr. Sie war für uns mehr als bloß ein Zahlungsmittel: die D-Mark.  


Anlass für einen Rückblick im Zeitraffer.


1948: 40 Mark auf die Hand

Im Rathaus von Münster hängen im Frühjahr 1948 zwei Aushänge. Der eine verspricht 3 000 Reichsmark für die Ergreifung eines Mörders, der andere 4 000 Reichsmark für die Wiederbeschaffung eines gestohlenen Fahrrads. Jeder weiß: Der Heizwert der Geldscheine ist mehr wert als die Kohle, die man dafür kaufen kann. Die Reichsmark ist ausgebrannt, vom Krieg zerstört.
Die Amerikaner gründen einen Währungsausschuss. Er soll Abhilfe schaffen. Am 20. Juni 1948 um 8 Uhr morgens ist es so weit. Jeder Einwohner der drei West-Zonen bekommt für nur 60 Reichsmark die ersten 40 D-Mark. Ein Kurs von 1 zu 1,5. Ein Willkommensangebot. Am Ende zahlt jeder Bürger allerdings 100 Reichsmark für nur 6,50 D-Mark.
Vor allem, weil Schulden und Forderungen mit 1 zu 10 umgerechnet und Bankeinlagen um 70 Prozent gestrichen werden. Eine nicht ganz schmerzfreie Währungsreform für Gläubiger und Schuldner.
Die Währungsreform belastet zunächst vor allem Otto Normalverbraucher, den kleinen Sparer und Einkommensempfänger. Wer Grundstücke und Sachwerte hat, kommt besser davon – sie bleiben
vom Währungsschnitt unberührt. Diese Ungleichheit soll später durch den Lastenausgleich beseitigt oder gemildert werden.

. . . und nun die Marktwirtschaft

Neben der Mark gibt es ein zweites Symbol des wirtschaftlichen Aufstiegs Deutschlands nach dem Krieg: den Wirtschaftsdirektor der „Bizone“ und nachmaligen Wirtschaftsminister Ludwig Erhard. Er verbindet die Währungsreform mit der Einführung der Marktwirtschaft: Sie ist, weil sie auf der Leistung Einzelner beruht, besser als eine Steuerung durch den Staat.
Erhard hebt über Nacht und im Alleingang alle Bewirtschaftung und Preisbindung bis auf wenige
Ausnahmen auf. Über den Kopf der Alliierten hinweg. Diese sind zunächst empört, dann aber lässt US-Gouverneur Lucius D. Clay Erhard gewähren.

Der Nachzügler: Die Ostmark

Vier Tage nach Einführung der D-Mark bekommt auch die sowjetisch besetzte Zone eine neue Mark. Die Besatzer wollen die Reichsmark auch nicht behalten. Das Umtauschverhältnis wird wie im Westen festgelegt. Doch Details zeugen von einer ande-ren Staatsauffassung: Steuerschulden werden gleichmäßig 1 zu 1 umgetauscht, aber Forderungen des Steuerzahlers an den Staat mit einem Kurs von 1 zu 10. So entledigt man sich in der Sowjetzone klammheimlich milliardenschwerer Zahlungen an die Bürger.

1948-1951: Mühsame Gehversuche

Am Kabinettstisch erzählt Bundeskanzler Konrad Adenauer von der Aufregung seiner Tochter, die heute fürs Brötchen 3 Pfennig mehr habe zahlen müssen als gestern:
„Nu erklären Se mal diese Preissteijerungen, Herr Erhard!“ Der überraschte Wirtschaftsminister druckst herum und murmelt von Angebot, Nachfrage und gestiegenen Löhnen. Der Befund lautet: Inflation.
Denn als im Juni 1950 der Korea-Krieg ausbricht, hamstern die Bürger panikartig alles, was es zu kaufen gibt. Zugleich schießen die internationalen Rohstoffpreise, namentlich beim Öl, nach oben. Die Verbraucherpreise in der jungen Bundesrepublik steigen in einem Jahr um 7,7 Prozent. Kriegsverlierer Deutschland ist am Rand der Pleite und nimmt 450 Millionen Dollar Kredite auf. Die obersten Währungshüter, damals noch die „Bank deutscher Länder“, setzen zusammen mit Erhard und gegen Adenauers Widerstand eine Zinserhöhung durch. Das Geld wird teurer.
Die Konjunktur soll sich beruhigen. Dies gelingt. Deutschland wird durch die hohen
Zinsen attraktiv für ausländische Investoren.

1952-1958: Sieben fette Jahre

Positive Folge des Korea- Krieges: Die deutsche Industrie wird wieder als Export-Lieferant gebraucht. Sie beginnt, die Weltmärkte zu erobern. Es ist der Beginn des „Wirtschaftswunders“. Deutschland produziert 1956 mehr denn je, die Exporterlöse verdreifachen sich, die Staatsschulden werden erstmals abgebaut. Erhards Marktwirtschaft („Wohlstand für alle“) funktioniert. Sie hat inzwischen den Zusatz „sozial“ erhalten: Wirtschaftliches Wachstum ist die beste Sozialpolitik, denn es führt zu Vollbeschäftigung und ermöglicht gute Sozialleistungen für Benachteiligte. Das Schlagwort lautet: „So viel Markt wie möglich, so viel Staat wie nötig.“
Fresswelle, Bekleidungswelle, Möbelwelle, Reisewelle – die Deutschen sind wieder wer.
Aus der „Bank deutscher Länder“ wird 1957 die Bundesbank, die frei in ihren Entscheidungen ist und über die Stabilität der Mark wacht. Diese entwickelt sich zu einer der härtesten Währungen der Welt.

1961: Die Mark wird aufgewertet

Die Mark ist im Vergleich zum Dollar zu billig. Scharenweise decken sich ausländische Spekulanten mit der deutschen Währung ein, in der Hoffnung, sie später zu einem höheren Wert wieder loszuwerden. Ludwig Erhard, in Sorge vor steigenden Preisen, schreibt an den widerstrebenden Kanzler Adenauer: „Die Regierung sollte als Krönung ihrer jahrelangen Bemühungen um eine stabile Währung diese nun aufwerten.“ Die Mark soll künstlich teurer gemacht werden. Nach langem Hin und Her lässt sich Adenauer überzeugen. Der Kurs des Dollar wird auf 4 Mark (vorher: 4,20 Mark) festgesetzt. Ein bislang einmaliger Vorgang. Die FAZ schreibt: „Erstmals ist der Wert einer Währung durch Regierungsbeschluss erhöht worden.“

1968: Die Mark wird erwachsen

Die Wirtschaftslage schillert rosig: In der Amtszeit des Wirtschaftsministers Karl Schiller beträgt die Arbeitslosigkeit fast Null. Gerade einmal 150 000 Menschen suchen bundesweit einen Job. Die Mark wird inzwischen weltweit als Garant für das Wirtschaftswachstum in Deutschland angesehen. Das amerikanische Time-Magazin gratuliert der deutschen Währung zum 20. Geburtstag: „Die Deutschen sind die wirtschaftlichen Vorreiter Europas, die Mark steht unter den Weltwährungen ganz oben.“ Die Mark ist erwachsen geworden.

1973: Die Mark in der Schlange

Die EG-Staaten befinden sich seit 1972 in der „Währungsschlange“: Ihre Währungen dürfen nur um einen bestimmten Wert nach oben oder unten schwanken. Im März 1973 geben sie den Kurs ihrer Währungen gegenüber dem Dollar frei. Den Wechselkurs bestimmt jetzt der Markt.
Damit ist das Weltwährungssystem von Bretton Woods (1944) mit seinen starren Wechselkursen zu Ende. Der Kampf gegen die Inflation kann jetzt flexibler geführt werden. Der Dollar schwächelt unterdessen vor dem Hintergrund der Watergate-Affäre. Er kostet im Herbst nur noch 2,28 Mark, das ist der niedrigste Kurs seit Kriegsende. Die Mark steigt endgültig zur zweitwichtigsten Währung der Welt auf.

1975: Krise in der zweiten Lebenshälfte

Das zweite Vierteljahrhundert der Mark beginnt mit der bis dato schwersten Wirtschaftskrise seit Kriegsende. Der Ölschock von 1973 zeigt späte Wirkung: Rückgang der Nachfrage im In- und Ausland, die Industrieproduktion bricht ein. 1975 verzeichnet Deutschland erstmals ein „Minus- Wachstum“ (minus 2,6 Prozent). Es folgen drei Jahre „Stagflation“ – die Konjunktur tritt auf der Stelle, während die Inflation fortschreitet.
Die Bundesbank gesteht Fehler ein. Man habe die Auswirkungen der harten Zinspolitik auf das Wachstum unterschätzt, heißt es. Der Zentralbankrat definiert 1974 erstmals ein „Geldmengenziel“, um die Konjunktur zu steuern. Im Kampf um die Rückgewinnung der Stabilität beginnt Helmut Schmidt, sich als „Weltökonom“ Profil zu verschaffen.

1978: Die Melone im Währungskorb

Die neun Mitgliedsländer der Europäischen Gemeinschaft (EG) schaffen die Kunstwährung Ecu. Sie ist eine theoretische Recheneinheit, mit ihr bezahlen kann man nicht. Sie soll die Wechselkurse in Europa so fest wie möglich halten. Sie ist wie ein großer Obstkorb. Anstatt Bananen und Äpfel sind Francs, Gulden, Lire und Peseten drin. Doch die Melone unter den Währungen ist die Mark. Selbst die deutschlandkritischen Franzosen gestehen das ein: „Sie ist der Eckpfeiler des europäischen Währungssystems“, lobt „Le Monde“.
Nun ist der Weg zu einer gemeinsamen europäischen Währung eingeschlagen: Vom Ecu zum Euro...

1987: Der Schwarze Montag

Die USA senken ihre Steuern massiv. Das treibt die Staatsschulden eine Zeit lang nach oben, der Dollarkurs entspricht nicht mehr der wirklichen Verfassung der US-Wirtschaft und beginnt daher zu bröckeln. Innerhalb von 18 Monaten sinkt er um die Hälfte. Europa soll den Kopf für die Amis hinhalten und munter Dollars kaufen, um die amerikanische Währung zu stützen. Doch diese künstliche Beatmung verfehlt ihr Ziel. Am 19. Oktober 1987, dem „Schwarzen Montag“, kracht es an der Wall Street – die Kurse brechen um mehr als 20 Prozent ein. Panik erfasst die Finanzwelt; allein in Frankfurt verlieren Anleger an einem einzigen Tag 70 Milliarden Mark. Ende des Jahres notiert der Dollar gerade noch mit 1,58 Mark.

1989/90: „Kommt die D-Mark, bleiben wir“

Die Mauer ist gefallen. Ende November 1989 erklingt bei den Montagsdemonstrationen in Leipzig der drängende Ruf: „Kommt die D-Mark, bleiben wir; kommt sie nicht, gehn wir zu ihr!“ Das Volk setzt die Politik unter Zugzwang. Der Abschied von der heruntergewirtschafteten Ostmark und die Währungsunion kündigen sich an. Kanzler Helmut Kohl macht Druck. Gegen den Widerstand der Bundesbank, die für eine 2-zu-1-Umstellung eintritt, werden am 1. Juli 1990 Löhne, Gehälter, Renten und kleinere Guthaben im Verhältnis 1 zu 1 auf D-Mark umgestellt. Realistisch wäre wohl ein Kurs von eins zu vier gewesen. Die Folgen malt Finanzminister Theo Waigel an einem Beispiel aus: „Ein Rentner mit 600 Mark Ost bekäme dann 125 Mark West. Er fiele in die Sozialhilfe und würde auf der Stelle in den Westen wechseln.“
Das neue Geld löst im Osten einen Konsumrausch aus – und massenhaft Pleiten von Unternehmen, die den Währungsschock nicht überstehen. Ihre bisherige Ostblock-Kundschaft kann die neuen
Preise in teurer Mark nicht mehr bezahlen.

1991: Maastricht oder das Ende naht

Im Dezember 1991 vereinbaren die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union in Maastricht die dritte Stufe der Wirtschafts- und Währungsunion. Sie soll am 1. Januar 1999 beginnen und 2002 abgeschlossen sein. Die künftige Währung heißt Euro; ein Euro wird knapp 2 Mark wert sein. Den Deutschen wird erst allmählich klar, dass sie ihr Bestes für Europa hergeben werden – die Mark.
Vom Tauschgeschäft „Einheit gegen Mark“ ist die Rede. Für die Zustimmung zur Wiedervereinigung habe Kohl dem französischen Wunsch nach einer europäischen Währung entsprochen. Sei’s drum: Jedenfalls geht die Währungsunion der politischen Union Europas voraus. Wie sagte der französische Finanzpolitiker Jacques Rueff schon 1950: „Europa wird durch das Geld entstehen, oder es wird gar nicht entstehen.“

28. Februar 2002: Der letzte Tag der Mark

 Jetzt ist der
Euro das Zahlungsmittel von 270 Millionen Europäern – der größte einheitliche Währungsraum der Welt. Über den Euro wacht die Europäische Zentralbank, konstruiert nach dem Muster der Bundesbank: unabhängig und keiner nationalen Politik verpflichtet. Vorrangiges Ziel:
Der Euro soll so stabil sein wie einst die Mark.
Denn so schreibt der Wirtschaftsjournalist Wolfram Bickerich („Die D-Mark – eine Biographie“): „Dabei ist Stabilität nicht alles. Aber ohne Stabilität ist alles nichts.“ Drücken wir die Daumen.

Heute wäre sie 54 Jahre alt geworden.

                                      Wir trauern!



Gruß;


                     Jan v. Nelle
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