MESSE INTERSOLAR
"Über die Hälfte der Solarunternehmen wird verschwinden"
[14:07, 06.06.11]
Von Werner Kathrin und Berger Annette
Bisher flossen üppige Subventionen in die Sonnenenergie. Doch das ändert sich Schritt für Schritt. Der Atomausstieg bringt der Branche nichts. Im Gespräch mit der FTD erläutert ein Experte, warum.
Die Solarindustrie steht an einem Wendepunkt, nach dem es für etliche Hersteller keine Zukunft mehr geben dürfte. Branchenbeobachtern zufolge steht den Unternehmen ein harter Anpassungsprozess auf marktwirtschaftliche Bedingungen bevor. Die Überkapazitäten werden eines der großen Themen der Weltleitmesse Intersolar sein, die Mittwoch in München beginnt.
"Mehr als die Hälfte der Solarunternehmen wird in den kommenden Jahren vom Markt verschwinden", prognostizierte Philip Grothe von der Unternehmensberatung Simon-Kucher & Partners. Noch nicht abzusehen ist, wie viele Firmen aufgekauft werden, fusionieren - oder Insolvenz anmelden müssen.
"Bisher ist der Markt durch die Nachfrage von Investoren geprägt, die Solar als Finanzprodukt verstehen", sagte Hiroshi Sasaoka, Europa-Chef des Elektronikkonzerns Sharp, im Gespräch mit der FTD. Sharp ist ein Anbieter von Fotovoltaik-Modulen. Nach den Förderkürzungen werde Fotovoltaik als Investment weniger attraktiv. Künftig werde echte Stromnachfrage den Markt bestimmen. "Es wird allerdings ein paar Jahre dauern, bis sich die Solarkonzerne darauf einstellen. 2011 wird ein Jahr der Anpassung."
Energiewende verpufft
Kleinere, weniger effiziente Hersteller werden nicht mithalten können. Selbst die deutsche Energiewende bringt den Solarkonzernen bislang keine Vorteile. Im Gegenteil: Die Förderung soll nach Kürzungen 2010 und zum Januar 2011 noch einmal sinken.
Um die geringeren Finanzhilfen vom Staat tobt ein politischer Streit, der offenbar noch nicht ausgefochten ist. So meldete die Nachrichtenagentur Reuters am Montag, die Bundesregierung habe ihre Pläne zu einer weiteren Kürzung der Solarförderung in ihrem jüngsten Gesetzentwurf zurückgezogen. Es bleibe bei den bisher vorgesehen Kappungen von neun Prozent zum Jahreswechsel und weiteren je nach Höhe des Zubaus von Solaranlagen. Eine offizielle Bestätigung gab es dafür nicht.
Eigentlich hatte Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) noch eine Extra-Kappung von sechs Prozent zum März 2012 geplant. Dies hatte er auch in einer Pressekonferenz
Dennoch - gekürzt wird in jedem Fall. Das Sharp-Management rechnet mit einem schwachen Markt. "Die Lager sind voll, und die Nachfrage in Europa stagniert. Abgesehen von Großbritannien wird 2011 wahrscheinlich kein europäischer Markt wachsen", sagte Sasaoka. Zugleich steigt aber das Angebot: Vor allem in China eröffnen Konzerne wie LDK Solar eine Fabrik nach der anderen. Die Preise fallen daher rapide. Die Überkapazitäten werden eines der großen Themen auf der Intersolar sein.
Weltweit lägen bereits Solarmodule mit einer Gesamtleistung von mehr als zehn Gigawatt auf Lager, so Grothe. Die Preise fielen um 15 Prozent pro Jahr. Deshalb verliere die Solarbranche jeden Tag Werte von mehr als 6 Mio. Euro.
Vielen deutschen Unternehmen fehle eine klare Marke und ein starker Vertrieb, kritisierte der Berater. "Es gibt besonders im deutschen Markt viel zu viele Marken", sagte Sharp-Europa-Chef Sasaoka. "Das wird sich in den nächsten Jahren ändern." Frank Asbeck, der Chef des größten deutschen Modulbauers Solarworld, rechnet mit dem Überleben von lediglich zehn Herstellern weltweit. "Zehn Marken sind vielleicht schon zu viele", zeigte sich Sasaoka pessimistischer.
Der japanische Elektronikkonzern profitiere allerdings von der Krise der anderen: "Wenn die Kunden Angst haben, dass es einen Hersteller bei einem Garantiefall in zehn Jahren vielleicht nicht mehr gibt, entscheiden sie sich für etablierte Marken. Da steht ein finanzstarker Konzern wie wir sicherlich gut da", sagte Sasaoka.
Schwierigkeiten macht den Solarunternehmen derzeit auch die Finanzierung. Die staatliche Förderung sinkt besonders für Großanlagen, kleinere Anlagen aber sind für Banken uninteressant. Das werde sich erst bessern, wenn Solarstrom wettbewerbsfähig mit anderen Energiequellen ist, sagte Sasaoka. "Wir stecken gerade in sehr schwierigen Zeiten." Hoffnung macht ihm die Nachfrage in seiner Heimat: "Die Haltung der Japaner zu erneuerbaren Energien und zum Energiesparen, hat sich seit der Fukushima-Katastrophe geändert."
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