Nur noch Lügen an den Börsen


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Nassie:

Nur noch Lügen an den Börsen

 
10.02.03 23:34
Lügen haben kurze Beine. Und wie verlogen geht es mittlerweile an den Börsen zu. Schuld am ganzen Debakel ist angeblich allein Irak. Was für ein einfältiges Alibi.

Die Fed hat die Zinsen seit Ende 2000 um 5,25 Prozentpunkte gesenkt. Gleichzeitig ist das US-Budget um fünf Prozent des BIP expansiver geworden. Normalerweise würde eine Wirtschaft da aus allen Nähten platzen, wenn sie gesund wäre. Mitnichten könnte ein Irak-Krieg daran irgendetwas ändern.

Entlarvend ist auch, dass die traditionelle Fluchtwährung US-Dollar mit einem Mal ein Krisenverlierer geworden sein soll; am ärgerlichsten ist übrigens, wie kritiklos das lanciert wird, auch von den Medien. Das wahre Problem ist die Leistungsbilanz. Allein im November hat ein US-Vierpersonenhaushalt im Schnitt 556 $ mehr für Waren und Dienste ausgegeben, als er selbst erwirtschafte.


Zynisch hoffen jetzt viele, dass die Börse spätestens mit dem ersten Kanonendonner dreht, weil dann angeblich die Unsicherheit verfliegt. Vermutlich wird es sogar kurzzeitig dazu kommen. Aber was ist das für eine Logik? Die Ungewissheit wird dann erst richtig groß, weil keiner weiß, wie es in Arabien, mit dem Terror oder mit Nordkorea weitergeht.


Und selbstredend raten uns die Experten von Aktien ab - jetzt, wo der Dax-Preisindex auf den Stand von 1990 gerutscht ist.



ThyssenKrupp / S&P


Ins Bild passt auch gut, dass wir langsam päpstlicher als der Papst werden. So denkt S&P daran, die Bonität von ThyssenKrupp gleich um zwei Stellen zu stutzen, wegen der bekannten Pensions-(ähnlichen)Verpflichtungen von insgesamt 7 Mrd. Euro. Dass die einer Art Finanzverbindlichkeit gleichkommen, ist unbestritten - auch bei Thyssen selbst. Aber die Rentenzahlungen beliefen sich im letzten Fiskaljahr in Deutschland auf 408 Mio. Euro und insgesamt auf gerade 444 Mio. Euro, bei einem Umsatz von 37 Mrd. Euro. Da Thyssen und Krupp uralte Firmen sind, die in den 80er Jahren massenhaft Stellen kürzten, haben die jährlichen Zahlungen in Deutschland bereits ihre Spitze erreicht und werden ab 2007 auf unter 400 Mio. Euro sinken.


Während der vorletzten Stahlkrise 1992/93 hat der Konzern in der Sparte vor Steuern noch 900 Mio. Euro in den Sand gesetzt. Im Geschäftsjahr 2001/02, in dem die Stahlpreise auf ein 20-Jahres-Tief fielen, hat Thyssen 167 Mio. Euro damit verdient. Derweil wurden die Finanzverbindlichkeiten netto von 6,4 auf 4,7 Mrd. Euro gesenkt. Und die inzwischen durch die Decke geschossenen Stahlpreise werden sich erst dieses Jahr richtig im Ergebnis des Geschäftsfeldes niederschlagen.


Schon 2001/02 erzielte der Konzern nach eigener Rechnung einen freien Cash-Flow von 1,9 Mrd. Euro, nach 0,9 Mrd. im Vorjahr. Zu Recht mögen die Analysten den freien Cash anders definieren. Aber zweifellos kann sich die Kapitalflussrechnung sehen lassen, auch weil die Investitionen nach den heftigen Vorleistungen nunmehr sinken. Zudem haben Pensionsverpflichtungen auch eine etwas andere Qualität als echte Finanzschulden, da sich zumindest ein Refinanzierungsproblem nie stellt. Bezeichnend ist jedenfalls, dass gerade die in Sachen Informationspolitik vorbildliche Thyssen gezüchtigt werden soll, wo doch Ehrlichkeit am längsten währt.

EADS - Im Steigflug?


Dass die Luft aus der Luftfahrt raus ist, kriegt auch EADS langsam zu spüren. 2002 kam der Flugzeugbauer noch glimpflich davon. Aber die Aufträge sind um knapp 50 Prozent auf 31 Mrd. Euro gefallen - mit Listenpreisen gerechnet, also vor Rabatten an kriselnde Airlines.


Schon 2002 hat die Airbus-Tochter, die EADS zwei Drittel des Umsatzes und den gesamten Gewinn einbringt, neben 300 neuen Bestellungen auch 67 Annullierungen verkraften müssen. Netto wurden 303 Flugzeuge ausgeliefert. Da zwei Fünftel des Auftragsbestands von Leasinggesellschaften stammen, die jetzt reihenweise Maschinen von bankrotten US-Fluglinien zurückkriegen, wird es weitere Absagen hageln. Trotzdem beharrt Airbus auf der Prognose, heuer 300 Flugzeuge auszuliefern, obwohl Boeing die Prognose auf 280 gesenkt hat. Das Ziel wird kaum zu halten sein, selbst ohne Krieg.


Auch der Dollar tut weh. CSFB meint, dass eine zehnprozentiger Abwertung die Airbus-Gewinne um die Hälfte reduziert. Dass es Boeing in der zivilen Luftfahrt noch schlechter geht, ist kein Trost. Wenigstens hat Boeing ein einträgliches Militär- und Raumfahrtgeschäft. Bei EADS schreiben diese Sparten teilweise noch Verluste. Besonders die Raumfahrt bleibt nach den Rückschlägen mit der Ariane-Rakete ein Sorgenkind.


Obwohl der Kurs schon mächtig abgesackt ist, bleibt EADS mit dem 0,7fachen Umsatz und dem 6,6fachen 2003er Gewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen teurer als Boeing. Aus der Aktie muss noch Luft raus.

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