Seid geschreddert, Milliarden
Haufenweise Papiergeld unter freiem Himmel. Echte D-Mark. Man erkennt blaue Hunderter, grüne Zwanziger. Auch ein bisschen Tausenderbraun scheint durch. Es quillt armdick aus einem Rohr und fällt in darunter stehende Container. Tonnenweise. Man kann den Geldstrom fast berühren, so nah ist er. Hunderte Millionen Mark müssen das mal gewesen sein. Und nur ein Gitterzaun trennt die Papierberge im Hof der Deutschen Bundesbank in Frankfurt von der Außenwelt.
Der Zaun ist eigentlich überflüssig. Die Millionen sind geschreddert. Jeder Schein fein säuberlich zerlegt in über 600 jeweils einen Millimeter breite und etwa einen Zentimeter lange Schnipsel. Gut gemischt und dann zur harten Papierwurst gepresst, werden sie aus dem Kellertresor unter dem grauen Betonkasten der Bundesbank ans Tageslicht befördert - und dann landet das Klein-Geld im Müllcontainer. "Nicht wieder zusammenzusetzen", sagt Peter Walter, verantwortlich für das Zerstörungswerk.
Der Mann, der das Geld zerreißen lässt - was uns Normalbürgern verboten ist -, hat berufsbedingt ein ganz besonderes Verhältnis zu Geld. Als Bundesbankdirektor und Leiter der Hauptkasse ist Walter zuständig für die Euro-Einführung, also den Druck und die Verteilung der neuen Euro-Banknoten, und für das Einsammeln und die Vernichtung der alten DM-Bestände. In Zahlen heißt das: 2,5 Milliarden Euro-Scheine werden für Deutschland ausgegeben, 2,7 Milliarden DM-Noten müssen weg. Seid geschreddert, Milliarden: 2.800 Tonnen Papiergeld werden klein gemacht. 262 Milliarden Mark sind sie wert. Und bleiben es bis zuletzt, denn die Bundesbank garantiert den Umtausch in Euro zeitlich unbegrenzt.
Genau das macht den Vernichtungsvorgang kritisch: Nicht mal ein klitzekleiner Zehner darf verloren gehen. Selbst die Schnipsel sollen nicht als Konfetti missbraucht, sondern korrekt entsorgt werden. Dafür ist Direktor Walter verantwortlich. Und das nimmt er ernst. Der Beamte im bankblauen Anzug und mit gelber Krawatte weiß alles über "sein" Geld: Er hat mehr falsche Fuffziger gesehen als die meisten Fälscher und mehr Geld gezählt als jeder Kassierer. Geldschnipsel sind für ihn kein Müll, sondern wollen "pietätvoll" entsorgt sein. Und heiles Geld soll immer tadellos aussehen, um im harten Konkurrenzkampf mit Kreditkarten-Plastik und elektronischer Zahlung weiterhin zu bestehen.

Gehäckselte Banknoten, gepresst
Geld hat Walter schon immer vernichtet: Ein Drittel aller Scheine, etwa 800 Millionen Stück, werden Jahr für Jahr als nicht mehr umlauffähig aussortiert, weil sie zu verdreckt, beschädigt oder zerknittert sind. Nur ein Bruchteil davon landet im Container unter Walters Bürofenster. Der größte Teil der Geldvernichtung läuft seit eh und je bei den Landeszentralbanken, den regionalen Filialen der Bundesbank.
Die Spur der Scheine bis zum Reißwolf verläuft immer ähnlich. Bei der hessischen Landeszentralbank etwa fahren die Transporter, die das Geld bei Banken oder größeren Geschäften abgeholt haben, durch eine Sicherheitsschleuse ins Gebäude. In einer Halle, die von einer panzerglasbewehrten Kanzel überwacht wird, laden die Mitarbeiter der Werttransportunternehmen das Geld auf vierrädrige Karren um. Mit dem Fahrstuhl gelangen sie in den ersten Stock und durch eine weitere Schleuse in einen kameraüberwachten Raum. In verglasten Kammern schieben sie die Geldbündel wie an einem überdimensionalen Bankschalter zu den Mitarbeitern der Landeszentralbank.
Hier übernehmen verbeamtete Geldbearbeiter wie Michael Seidel* (* Name geändert). Der 34-Jährige bedient in Jeans und Polohemd Maschinen, die aus harter D-Mark Altpapier machen. Täglich macht er sich am Bargeld die Hände schmutzig, denn unsere Währung ist, so seine Erfahrung, dreckig und stinkt: "Nach zwei Stunden sind die Finger schwarz, und manchmal riecht das Geld modrig." Wenn es besonders schlimm wird, trägt Seidel seine Dienstschürze. "Ich denke dann, das kommt vielleicht aus der Kaiserstraße, dem Rotlichtviertel Frankfurts."
Doch der dortige Umsatz dürfte für Seidels Arbeitstag kaum reichen: "Rund zehn Millionen Mark", schätzt er, "hatte ich heute allein in den ersten zwei Stunden meiner Schicht in den Händen." Alles Fünfziger. "Wenn ich an der Maschine für die Tausender stehe, sind es auch schon mal 100 oder 200 Millionen Mark." Etwa 3.000 Mark verdient er damit. "Anfangs war das noch aufregend, aber man gewöhnt sich daran." Der Gedanke, dass mit dem vielen Geld die Wohnung längst abbezahlt sein könnte, kommt nicht mehr. Der Umgang mit den Riesensummen ist für ihn längst Alltag, Geld auch nur bedrucktes Papier. Und der Job ist allemal besser als die zwölf Jahre Bundeswehr, die er hinter sich brachte, bevor er 1999 das schwierige Auswahlverfahren der Bundesbank durchlief und die Ausbildung zum Geldbearbeiter begann.

Frankfurter Geschnetzeltes: die Mark
Die Geldbearbeitung verläuft weitgehend maschinell. Jeweils zehn Geldbündel legt Seidel auf ein Förderband. Die Maschine zieht die Bündel ein und löst die Banderolen. 600 ähnliche Anlagen gibt es bundesweit. Das reicht auch für die komplette Vernichtung der Mark. An jeder Maschine arbeiten zwei Personen. Nach dem Vieraugenprinzip soll einer den anderen bei der Arbeit kontrollieren. Die Scheine werden einzeln eingezogen, anhand ihrer Sicherheitsmerkmale elektronisch auf Echtheit geprüft und gezählt. Dann heißt es: tschüs, D-Mark. Das Geld geht direkt in den kleinen Schredder. Pro Sekunde jagen bis zu 40 Banknoten durch die Anlage.
Am Ende des Arbeitstages wird geprüft, ob genauso viel Geld den abgeschlossenen Bereich der Geldbearbeitung wieder verlassen hat, wie hineingegeben wurde. Solange die Kasse nicht stimmt, darf keiner den Sicherheitsbereich verlassen. Die Suche nach dem Geld beginnt, denn "es fiel schon einmal ein Päckchen Hunderter vom Tisch", sagt Seidel. Hat man alle Scheine beisammen, ist Feierabend. Durchsucht worden ist Seidel auf dem Weg nach draußen noch nie. Unnötig, wenn nichts fehlt. Trotzdem hängen überall Überwachungskameras. "Erst mal ein komisches Gefühl", sagt er, "aber die dienen ja meiner Sicherheit. Jeder soll sehen: Ich mache alles richtig."
Nach dem Schreddern ist es mit der perfekten Sicherheit vorbei: Die gehäckselten Scheine sind technisch gesehen Hausmüll. Je nach Region kostet die Entsorgung einer Tonne Altgeld zwischen 60 und 600 Mark. Alle Versuche, etwas Sinnvolles aus den Scheinen zu machen, sind gescheitert. Banknotenpapier besteht aus Baumwolle und ist nicht wasserlöslich, also auch nicht wieder zu Papier zu verarbeiten. Zwar gelang es, Geld in Ziegelsteine einzuarbeiten, Methanol daraus zu destillieren, Dämmmaterial, Turnhallenböden, ja sogar einen Koffer aus Altgeld zu fertigen. Doch es war zu teuer, die Schnipsel mit Lastwagen zu den jeweiligen Herstellern zu karren.
Kompostieren kommt wegen geringer Schwermetallreste in den Druckfarben nicht infrage. Bleibt nur das Verbrennen. Schön gemischt mit feuchtem Hausmüll, damit der hohe Brennwert des Geldes die Öfen nicht beschädigt, werden sich sämtliche DM-Scheine in Rauch auflösen. Nur ein kleiner Rest geht an Künstler oder wird im bundesbankeigenen Geldmuseum als eingeschweißtes Geldbrikett verkauft. Ein Souvenir "zum Selbstkostenpreis", wie Bundesbankdirektor Walter versichert. Der Block Geldscheine kostet fünf Mark. Solange der Vorrat reicht.
Quelle: Stern