Das Biotechunternehmen Medigene will weitere Medikamente kaufen, um beim geplanten Aufbau eines eigenen Vertriebes in Europa über ein größeres Sortiment zu verfügen. Das sagte Medigene-Vorstandschef Peter Heinrich gegenüber der Wirtschaftszeitung Euro am Sonntag.
Nach Angaben Heinrichs sollen die eigenen Dermatologie-Produkte Polyphenon-E-Salbe und Oracea die Grundlage des Vertriebssortiments bilden. "Außerdem versuchen wir, andere Produkte zu akquirieren, um sukzessive ein größeres Portfolio aufzubauen", sagte Heinrich. Dabei konzentriere sich Medigene auf schwere dermatologische Erkrankungen wie zum Beispiel Genitalwarzen oder Aktinische Keratose. Heinrich wörtlich: "Grundsätzlich gehen wir in den Bereich von verschreibungspflichtigen Dermamedikamenten."
Der Medigene-Chef bekräftigte, bereits konkrete Vorstellungen der neuen Medikamente zu haben: "Wir screenen den Markt ständig und sprechen mit vielen. Wir konzentrieren uns hierbei auf Produkte, die ein jährliches Umsatzpotential zwischen 20 und 50 Millionen Euro haben. In den nächsten Jahren sollten wir auf vier bis fünf dieser Produkte kommen."
Nach dem schwierigen Jahr 2007 für deutsche Biotechunternehmen beurteilt Heinrich die aktuelle Stimmung im Markt als "immer noch verhalten". Vieles hänge davon ab, wie sich die Kapitalmärkte allgemein entwickeln. Heinrich: "Ich persönlich glaube, dass sich die Stimmung gegenüber Biotech- und Pharmawerten im zweiten oder dritten Quartal aufhellen wird. Das höre ich auch aus den Gesprächen heraus, die ich immer wieder in den USA führe. Man darf nicht vergessen, dass es insbesondere in den USA sehr viele Life-Sciences-Fonds gibt, die in diese Branche investieren müssen und nur auf den geeigneten Zeitpunkt des Einstiegs warten. Nach meiner Einschätzung schauen sich viele dieser US-Investoren auch in Europa um. Hier können sie in zahlreiche unterbewertete Unternehmen einsteigen. Das einzige Manko dabei ist derzeit der niedrige Dollarkurs."
Hier das ausführliche Interview mit Medigene-Chef Peter Heinrich
Euro am Sonntag: Was sind auf der Produktseite Ihre Ziele für 2008?
Peter Heinrich: Wir werden in diesem Jahr die Wirksamkeitsdaten der Phase-II-Studie von Endotag 1 zur Behandlung von Bauchspeicheldrüsenkrebs sehen. Das ist für uns sehr wichtig, denn wir haben in dieses Projekt in den vergangenen Jahren viel Geld investiert.
Euro am Sonntag: Wann sollen die Daten kommen?
Heinrich: Wir rechnen damit im ersten Halbjahr. Dabei wird es im Kern um eine Verlängerung des Überlebens gehen, dem wichtigsten Kriterium bei Krebsmitteln.
Euro am Sonntag: Wie groß muss die Lebenszeitverlängerung ausfallen, damit ein neues Krebsmedikament als wirksam anerkannt wird?
Heinrich: Mit Pankreaskarzinom haben wir uns eine der schwierigsten Indikationen ausgesucht. Die mittlere Lebenserwartung Überlebensrate nach Diagnosestellung bei nicht operablen Patienten liegt bei etwa sechseinhalb Monaten. Wenn wir zeigen, dass wir mit unserem Medikament diese Zeitspanne um ein oder zwei Monate verlängern können, wäre das fantastisch.
Euro am Sonntag: Haben Sie Indikationen, wie die Ergebnisse ausfallen könnten?
Heinrich: Unsere Zwischenanalysen waren ziemlich positiv. Die Sicherheit des Medikaments war gut. Außerdem haben wir erste Wirksamkeitstrends in der frühen Phase nach Diagnosestellung gesehen.
Euro am Sonntag: Sie testen das Mittel auch in der Indikation Brustkrebs...?
Heinrich: Ja. Das ist eine Phase-II-Studie in einer ebenfalls schwierigen Indikation. Hier geht es um Brustkrebspatientinnen, die mit herkömmlichen Therapien nicht behandelbar sind. Diese Frauen haben eine sehr schlechte Prognose.
Euro am Sonntag: Wann erwarten Sie Ergebnisse?
Heinrich: 2009. Es ist wichtig zu wissen, dass wir mit Endotag eine Plattformtechnologie für die Krebstherapie haben. Dabei wird die Blutzufuhr von soliden Tumoren unterbrochen. Die Tumore können nicht weiter wachsen.
Euro am Sonntag: Heißt das, Endotag 1 kann auch für andere Indikationen angewendet werden?
Heinrich: Ja. Für dieses Medikament kommen solide Tumore wie Leberkrebs, Lungenkrebs und Prostatakrebs in Frage.
Euro am Sonntag: Werden Sie all diese Entwicklungen aus eigener Kraft stemmen können?
Heinrich: Nein. Am Ende können es sechs oder acht Indikationen sein. Das können wir nicht alles selber machen. Dafür werden wir Entwicklungspartnerschaften mit großen Pharmaunternehmen eingehen. Diese werden den größten Teil der Finanzierung tragen. Aber wir werden Vertriebsrechte zurückbehalten, um künftige Medikamente selber in Europa vertreiben zu können.
Euro am Sonntag: Welche Pharmaunternehmen kommen für Sie in Frage?
Heinrich: Eigentlich alle großen.
Euro am Sonntag: Mit denen Sie bereits im Gespräch sind?
Heinrich: Ja, mit einigen.
Euro am Sonntag: Die Umsatzerwartung für Endotag 1 bei der Indikation Bauchspeicheldrüsenkrebs haben Sie mit über 200 Millionen Euro pro Jahr angegeben. Gilt das nach wie vor?
Heinrich: Ja. Aber das große Umsatzpotenzial liegt in anderen Indikationen wie Brustkrebs oder Leberkrebs.
Euro am Sonntag: Bei Ihrem Mittel Oracea gegen eine bestimmte Hauterkrankung soll nach Verzögerungen in diesem Jahr über die EU-Marktzulassung entschieden werden. Wann genau wird das sein?
Heinrich: Wir sind ein gebranntes Kind. Es ist schwer, in Bezug auf die europäische Zulassungsbehörde EMEA eine genaue Prognose abzugeben. Ich denke aber, dass die Entscheidung im ersten Halbjahr kommt.
Euro am Sonntag: Und wann wird dann die Markteinführung sein?
Heinrich: Unser Ziel ist es, das noch in diesem Jahr zu schaffen. Gleichzeitig mit Markteinführung dieses Produktes möchten wir einen eigenen Vertrieb aufbauen.
Euro am Sonntag: Leiten Sie damit einen strategischen Wandel ein – weg von der Forschung, hin zu einem Vertriebsunternehmen?
Heinrich: Wir verfolgen eine duale Geschäftsstrategie. Unser Ziel ist, dass der Vertrieb langfristig unsere Forschungs- und Entwicklungsausgaben finanziert.
Euro am Sonntag: Dazu müssen Sie größer in das Vertriebsgeschäft einsteigen.
Heinrich: Ja. Wir wollen uns als europäischer Vertriebspartner kleinerer US-Unternehmen positionieren. Wie das geht, haben wir mit unserem Partner Collagenex bereits gezeigt. Wir wenden uns dabei vor allem an Spezialpharmaunternehmen in den USA, die Produkte mit einem Umsatzpotential zwischen 50 und 100 Millionen Euro zum Vertrieb in Europa anbieten. Damit würden wir eine interessante Nische besetzen.
Euro am Sonntag: Wie werden die Vertriebsverträge aussehen? Wieviel bleibt bei Ihnen hängen, wie viel bei ihren Partnern?
Heinrich: Wir haben mit Collagenex einen Lizenzvertrag, bei dem wir einen Bruttoprofit von etwa 80 Prozent haben.
Euro am Sonntag: 20 Prozent für ihren Partner, den Medikamentenhersteller, und 80 Prozent für Sie?
Heinrich: Ja. Wenn Sie als Pharma- oder Biotechunternehmen Geld verdienen wollen, brauchen Sie den Vertrieb. Nur so erwirtschaften Sie höhere Margen. Wenn man nur mit Distributionspartnern zusammenarbeitet, fließen 65 bis 70 Prozent des Bruttoprofits in deren Kassen. Das heißt, wir müssen mit den restlichen 30 Prozent wirtschaften. Damit wollen wir uns in Zukunft nicht mehr zufrieden geben.
Euro am Sonntag: Mit wie viel eigenen Leuten werden Sie den Vertrieb starten?
Heinrich: Wir agieren relativ vorsichtig. Wir werden in Deutschland mit etwa 15 Pharmareferenten beginnen.
Euro am Sonntag: In diesem Jahr?
Heinrich: Sobald die Zulassung für Oracea kommt.
Euro am Sonntag: Werden Sie den Vertrieb auf andere Länder ausweiten?
Heinrich: Mit Oracea werden wir in Deutschland und England beginnen. Mittelfristig wollen wir unseren Vertrieb auf die fünf Großen fokussieren: Deutschland, Italien, Spanien, Frankreich und England. In den anderen Ländern wollen wir Verträge mit Distributionspartnern abschließen.
Euro am Sonntag: Was wird Sie der Aufbau des Vertriebs kosten?
Heinrich: Man muss mit etwa 200.000 Euro Kosten pro Jahr und Pharmareferent rechnen. Insgesamt kalkulieren wir rund fünf Millionen Euro.
Euro am Sonntag: Werden diese MediGene-Referenten nur Oracea vertreiben?
Heinrich: Nein. Die Polyphenon-E-Salbe wird auch dabei sein. Außerdem versuchen wir, andere Produkte zu akquirieren, um sukzessive ein größeres Portfolio aufzubauen.
Euro am Sonntag: Sie haben vor einigen Wochen angekündigt, ihre Forschungsaktivitäten fokussieren zu wollen. In welche Richtung soll das gehen?
Heinrich: Wir haben ein Luxusproblem. In unserem Unternehmen laufen zu viele Projekte. Wir sind zum Schluss gekommen, dass wir uns auf bestimmte Projekte und Indikationen fokussieren müssen. Unsere Kernkompetenz ist im Bereich der Onkologie, Dermatologie und Autoimmunerkrankungen. Die Forschungsprojekte in Oxford, England, gehen darüber hinaus. Deshalb wollen wir die englischen Forschungsaktivitäten in eine separate Firma auslagern, die von Dritten finanziert wird – typischerweise von Venture-Capitalisten.
Euro am Sonntag: Wer könnte das übernehmen?
Heinrich: Wir sind mit einer Reihe von Finanzinvestoren im Gespräch. Es zeichnet sich ab, dass einige stark interessiert sind.
Euro am Sonntag: Wie wird sich das für Sie finanziell auswirken?
Heinrich: Wir werden dadurch jährlich sechs bis acht Millionen Euro an Forschungskosten sparen. Im Gegenzug geben wir Assets in diese Firma ein und werden ein wesentlicher Anteilseigner sein. Dadurch profitieren wir langfristig von den Forschungsergebnissen.
Interview: Thorsten Schüller