25. Oktober 2008 Am Anfang stand die Hoffnung, dass der Sturm an ihm vorüberzieht. Aber dann packte den New Yorker Banker immer mehr die Angst, dass sein Job in Gefahr sein könnte - und damit die ganze Bilderbuchexistenz seiner Familie: das stattliche Einkommen, die schicke Eigentumswohnung, die Privatschule für die Tochter, das sorgenfreie Geldausgeben. Bald konnte er nachts nicht mehr schlafen. Angstzustände beherrschten sein Leben, und er kam zu dem Schluss, dass er Hilfe braucht.
Das war vor sechs Wochen, und seither ist er Patient bei Clay Cockrell, einem Psychotherapeuten in der Stadt. Cockrell versucht, den Banker aufzurichten, und seine Aufgabe ist nicht leicht. Denn in der Zwischenzeit hat der Mann seinen Arbeitsplatz tatsächlich verloren. „Er war bei einer der Banken, die es mittlerweile nicht mehr gibt“, sagt Cockrell vage, um nicht zu viel über die Identität seines Patienten preiszugeben.
Eine krisensichere Branche
An Fälle wie diesen hat sich der Therapeut mittlerweile gewöhnt: Mehr als 15 seiner Patienten sind aus der Finanzbranche. „Vier von ihnen sind gerade arbeitslos geworden, und einigen anderen droht das gleiche Schicksal“, sagt er.
An der seelischen Gesundheit wird nicht gespart
New York ist traditionell eine Goldgrube für Cockrells Branche. Ein gerne zitiertes Klischee lautet, dass jeder New Yorker einen Therapeuten hat. Das mag etwas übertrieben sein, aber der Gang zur Therapie ist für New Yorker ganz normal und mit keinerlei Stigma verbunden. Es ist ein völlig akzeptables Partythema, über die Ratschläge seines Psychotherapeuten zu sprechen. Nun zeigt sich: Das Geschäft ist nicht nur krisensicher, sondern erlebt in der Krise sogar einen wahren Boom.
Die Angst um den Job ist allgegenwärtig
Die Angst um den Job ist allgegenwärtig
Clay Cockrell ist kein Einzelfall: Auch viele seiner Kollegen in der Stadt berichten von einem wahren Ansturm auf ihre Praxis in den vergangenen Wochen. Therapeutin Nancy Newhouse erzählt, dass sie im Moment 55 Patienten in der Woche hat, zehn mehr als üblich. Ein Viertel ihrer Patienten kommt aus der Finanzbranche. Das seelische Wohlbefinden gehört offenbar nicht zu den Dingen, an denen die New Yorker sparen, obwohl Psychotherapie ins Geld gehen kann: Clay Cockrell verlangt 150 Dollar in der Stunde, bei Nancy Newhouse sind 140 Dollar fällig.
Finanzkrise zieht alle in den Sumpf
Angst vor der Zukunft treibt die Menschen in New York dazu, Beistand zu suchen. Das Bild ist düster, denn kaum eine andere Stadt dürfte so stark von der Finanzindustrie abhängen wie New York. Fast ein Viertel des Einkommens aller Bewohner entfällt auf Mitarbeiter in der Finanzbranche. Mit ihren gigantischen Gehältern und Boni waren die Banker immer der Motor der Stadt. Ob Immobilienmakler, Restaurantbesitzer oder Autohändler: Viele Branchen haben davon profitiert, dass Banker ihr Geld mit vollen Händen ausgegeben haben.
Bei manchen spielt Geld keine Rolle
Auch Byram Karasu konnte sich in seiner Praxis vor Anrufen von Bankern zuletzt kaum retten. Mehrere Dutzend New Yorker aus der Finanzindustrie wollten einen Termin bei dem 73 Jahre alten Therapeuten haben, und er hat fast alle abgewiesen, weil er ausgebucht ist. Karasu ist ein Sonderfall in der Branche, denn seine Klientel ist hochelitär: Er berechnet 1000 Dollar für eine 45-Minuten-Sitzung und hat sich auf die Reichsten und Mächtigsten aus Wirtschaft und Politik spezialisiert. Vier von fünf seiner Patienten stammen aus der Finanzbranche, aber in einer derart hohen Liga, dass die jüngsten Turbulenzen sie nicht aus der Bahn werfen: „Bei denen kommt es auf ein paar hundert Millionen Dollar hin oder her nicht an.“
„Meine Patienten haben mit ihrem Reichtum eine Schwelle erreicht, bei der Geld seine Bedeutung verliert. Sie kommen zu mir, weil sie nach Gelassenheit und einem Lebenssinn jenseits von Geld suchen.“ Entsprechend unaufgeregt zeigen sich Karasus Patienten bei den Gesprächen, wenn es um die Folgen der Finanzkrise für ihr Vermögen geht: „Heute morgen hatte ich jemanden von einem Hedge-Fonds, der innerhalb von ein paar Tagen eine Milliarde Dollar verloren hat. Das hat er nur ganz nebenbei erzählt und dabei gelächelt. Dann sind wir zu unseren normalen Gesprächsthemen übergegangen.“
www.faz.net/s/...495~ATpl~Ecommon~Scontent.html?rss_wirtschaft
Das war vor sechs Wochen, und seither ist er Patient bei Clay Cockrell, einem Psychotherapeuten in der Stadt. Cockrell versucht, den Banker aufzurichten, und seine Aufgabe ist nicht leicht. Denn in der Zwischenzeit hat der Mann seinen Arbeitsplatz tatsächlich verloren. „Er war bei einer der Banken, die es mittlerweile nicht mehr gibt“, sagt Cockrell vage, um nicht zu viel über die Identität seines Patienten preiszugeben.
Eine krisensichere Branche
An Fälle wie diesen hat sich der Therapeut mittlerweile gewöhnt: Mehr als 15 seiner Patienten sind aus der Finanzbranche. „Vier von ihnen sind gerade arbeitslos geworden, und einigen anderen droht das gleiche Schicksal“, sagt er.
An der seelischen Gesundheit wird nicht gespart
New York ist traditionell eine Goldgrube für Cockrells Branche. Ein gerne zitiertes Klischee lautet, dass jeder New Yorker einen Therapeuten hat. Das mag etwas übertrieben sein, aber der Gang zur Therapie ist für New Yorker ganz normal und mit keinerlei Stigma verbunden. Es ist ein völlig akzeptables Partythema, über die Ratschläge seines Psychotherapeuten zu sprechen. Nun zeigt sich: Das Geschäft ist nicht nur krisensicher, sondern erlebt in der Krise sogar einen wahren Boom.
Die Angst um den Job ist allgegenwärtig
Die Angst um den Job ist allgegenwärtig
Clay Cockrell ist kein Einzelfall: Auch viele seiner Kollegen in der Stadt berichten von einem wahren Ansturm auf ihre Praxis in den vergangenen Wochen. Therapeutin Nancy Newhouse erzählt, dass sie im Moment 55 Patienten in der Woche hat, zehn mehr als üblich. Ein Viertel ihrer Patienten kommt aus der Finanzbranche. Das seelische Wohlbefinden gehört offenbar nicht zu den Dingen, an denen die New Yorker sparen, obwohl Psychotherapie ins Geld gehen kann: Clay Cockrell verlangt 150 Dollar in der Stunde, bei Nancy Newhouse sind 140 Dollar fällig.
Finanzkrise zieht alle in den Sumpf
Angst vor der Zukunft treibt die Menschen in New York dazu, Beistand zu suchen. Das Bild ist düster, denn kaum eine andere Stadt dürfte so stark von der Finanzindustrie abhängen wie New York. Fast ein Viertel des Einkommens aller Bewohner entfällt auf Mitarbeiter in der Finanzbranche. Mit ihren gigantischen Gehältern und Boni waren die Banker immer der Motor der Stadt. Ob Immobilienmakler, Restaurantbesitzer oder Autohändler: Viele Branchen haben davon profitiert, dass Banker ihr Geld mit vollen Händen ausgegeben haben.
Bei manchen spielt Geld keine Rolle
Auch Byram Karasu konnte sich in seiner Praxis vor Anrufen von Bankern zuletzt kaum retten. Mehrere Dutzend New Yorker aus der Finanzindustrie wollten einen Termin bei dem 73 Jahre alten Therapeuten haben, und er hat fast alle abgewiesen, weil er ausgebucht ist. Karasu ist ein Sonderfall in der Branche, denn seine Klientel ist hochelitär: Er berechnet 1000 Dollar für eine 45-Minuten-Sitzung und hat sich auf die Reichsten und Mächtigsten aus Wirtschaft und Politik spezialisiert. Vier von fünf seiner Patienten stammen aus der Finanzbranche, aber in einer derart hohen Liga, dass die jüngsten Turbulenzen sie nicht aus der Bahn werfen: „Bei denen kommt es auf ein paar hundert Millionen Dollar hin oder her nicht an.“
„Meine Patienten haben mit ihrem Reichtum eine Schwelle erreicht, bei der Geld seine Bedeutung verliert. Sie kommen zu mir, weil sie nach Gelassenheit und einem Lebenssinn jenseits von Geld suchen.“ Entsprechend unaufgeregt zeigen sich Karasus Patienten bei den Gesprächen, wenn es um die Folgen der Finanzkrise für ihr Vermögen geht: „Heute morgen hatte ich jemanden von einem Hedge-Fonds, der innerhalb von ein paar Tagen eine Milliarde Dollar verloren hat. Das hat er nur ganz nebenbei erzählt und dabei gelächelt. Dann sind wir zu unseren normalen Gesprächsthemen übergegangen.“
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