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Leni Riefenstahl


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hjw2:

Leni Riefenstahl

 
17.08.02 18:38
Tristes Lehrstück deutscher Fernseh-Kultur:Frau Maischberger befragt Leni Riefenstahl

Auch Sandra Maischberger scheitert an Leni Riefenstahl


Die Moderatorin saß im hellen Hosenrock auf der gelben Couch im Wohnzimmer des modernen Glashauses; ihr gegenüber die fast hundertjährige Regisseurin, geschminkt und blond gefärbt. Dann stellte Sandra Maischberger die wohl seltsamste Frage dieses Interviews: "Etwas haben Marlene Dietrich und Sie gemeinsam, nämlich nach dem Krieg in Deutschland nicht beliebt gewesen zu sein. Sie war deshalb nicht beliebt, weil sie von Amerika aus Propaganda gegen Deutschland gemacht hat; Sie waren unbeliebt, weil Sie genau das Gegenteil gemacht haben und ja offiziell später auch als Mitläuferin eingestuft wurden. Was sagt denn das? Daß man als Frau in gehobener Position es nicht richtig machen konnte?"

"Nun", antwortete Leni Riefenstahl gönnerhaft, "ich kann es hundertprozentig verstehen, wie Marlene sich verhalten hat" (als handele es sich bei Marlene Dietrichs Emigration in die Vereinigten Staaten um einen ärgerlichen, aber entschuldbaren Fauxpas). "Es ist selbstverständlich, daß sie, die besonders viele jüdische Freunde hatte, alles hassen mußte, was mit dem Nationalsozialismus zusammenhängt." Gibt es vielleicht noch andere Gründe? Dazu keine Nachfrage von Frau Maischberger, die das am Donnerstag auf Arte ausgestrahlte Gespräch moderierte. "Als Frau": Sollten Marlene Dietrich und Leni Riefenstahl Opfer einer Männergesellschaft sein; sollte die Frage, ob es verantwortbar war, sich als Künstlerin dem "Dritten Reich" anzudienen, eine Gender-Frage sein, ein Thema für Geschlechterdebatten?

Man hatte sich noch gar nicht erholt von Frau Maischbergers feminismustheoretisch inspirierter Sicht auf zwei Frauen, die es vielleicht beide ja gar nicht richtig machen konnten, da durfte Riefenstahl schon weiter erzählen. Daß sie gezwungen wurde, für Hitler zu arbeiten. Daß sie "vielleicht etwas naiv ist". Ob sie sich die Männer habe aussuchen können? Sie habe nur vier Männer gehabt, mehr nicht. Aber doch sicherlich mehr sexuelle Beziehungen? Schon, aber nicht viel mehr. Und überhaupt: viel Pech mit Männern. Man beginnt, die alte Dame zu bedauern, bis einem einfällt, daß einige Menschen auch aufgrund der hervorragenden künstlerischen Fähigkeiten von Leni Riefenstahl im Deutschland der dreißiger und vierziger Jahre noch ein wenig mehr Pech hatten.

So plätscherte das Gespräch vor sich hin. Nur einmal fragt Maischberger, warum Riefenstahl, wenn sie zu den NS-Filmen gezwungen wurde, nicht "Dienst nach Vorschrift gemacht" habe, statt ein demagogisches Meisterwerk zu produzieren. "Es liegt mir nicht, Schlechtes zu machen." Ach so. Keine Frage von Sandra Maischberger zu den Fotos, die Riefenstahl zeigen, wie sie 1939 bei Konskie ein Massaker der Nazis mitverfolgt. Keine Frage, warum sie nicht, wie alle anderen (und wie Marlene Dietrich, die zeigte, wie man es "richtig" macht), ausgewandert ist; warum sie lügt, warum sie behauptet, nichts gewußt zu haben. Keine Frage zu der Behauptung, sie habe "alle Zigeuner, die in ,Tiefland' mitgewirkt haben, nach Kriegsende wiedergesehen, und keinem einzigen ist etwas passiert". Nach den Dreharbeiten mußten die Darsteller ins Konzentrationslager zurück.

Sandra Maischberger gewann den Hanns-Joachim-Friedrich-Preis, den Deutschen Fernsehpreis, die Goldene Kamera und das Goldene Schlitzohr. Sie gilt als die beste Journalistin ihres Faches. Sie unterrichtet in München an der Journalistenschule mit Schwerpunkt "Interviewtechnik". Das Interview mit Reifenstahl war ein Lehrbeispiel der abschreckenden Art. Wie ihren Vorläufern gelang es auch ihr nicht, irgendetwas aus Riefenstahl herauszubekommen, sie zum Nachdenken über ihre Schuld und ihr Tun zu bringen. Es habe "wohl nicht viel Sinn", über Hitler zu sprechen? "Kann man es auf den Punkt bringen, daß er sie ausgenutzt hat", fragt Frau Maischberger, offenbar geleitet von der Idee, auch das Verhältnis von Hitler und Leni Riefenstahl zur Gender-Frage zu erklären. Kein Wort dazu, daß diese Frau wie niemand anders den Männlichkeitswahn des dritten Reichs ins Bild gesetzt hat. Am Ende sagt Leni Riefenstahl noch, sie sei "extrem menschenliebend".

Das Deprimierende an dem Interview war seine Ergebnislosigkeit. Es ist nichts dagegen zu sagen, auf den hundertsten Geburtstag einer so einfluß- und folgenreichen Künstlerin wie Leni Riefenstahl in irgendeiner Form zu reagieren. Aber ein Interview muß etwas Neues herausfinden, eine Wahrheit, eine Entdeckung, eine Revision. Was hier zu sehen war, war vor allem nicht das, was die Talk-Helden zu machen behaupten: Journalismus. Statt dessen wurde das Gespräch zur Selbstfeier der Interviewerin und der Interviewten.

In diesem seltsamen Treffen spielte Frau Maischberger die kritische, einfühlsame Maischberger, und Leni Riefenstahl spielte Riefenstahl. Ob sie an Gott glaube, fragte Sandra Maischberger, und Frau Riefenstahl wollte nicht antworten. Das, sagte Sandra Maischberger nun mit einem Lächeln, sei ja erstaunlich, da habe man über alles offen geredet, und ausgerechnet darüber wolle sie nicht reden? Was ein Meisterstück an rhetorischer Irreführung des Zuschauers war - denn es war weder über die NS-Zeit "offen" geredet worden, noch hatte Frau Maischberger vorher irgendeine wirklich kritische Frage gestellt. Übrig war nur die Pose der Kritik.

Genau diese Selbstfeier des Interviewers, dessen Fragen keineswegs die Geschliffenheit seines Auftretens haben, ist das Grundproblem deutscher Talkshows. Das brutal einfühlsame Introspektionsgeplauder taucht leider auch in Sandra Maischbergers Sendungen auf. Warum mußte man Helmut Kohl so verständnisvoll bohrend über seine Gefühle angesichts des Selbstmordes seiner Frau ausfragen? Warum werden Helmut Schmidt in dem Buch "Hand aufs Herz - Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger" mit aller Gewalt Stellungnahmen zu seinem 1945 im Alter von neun Monaten verstorbenen Sohn Helmut Walter abgenötigt? Frage: "Ist Ihnen schon einmal der Gedanke gekommen, wie es gewesen wäre, einen Sohn zu erziehen?" Antwort von Schmidt: "Sie neigen zu hypothetischen Fragen." - "Und Sie neigen dazu, diese Fragen nicht zu beantworten. Ich frage mich trotzdem, ob Sie ein guter Vater für einen Sohn gewesen wären." - "Das weiß ich auch nicht." Lernt man solche Dialoge an der Münchner Journalistenschule? Ist dieses Bohren in privaten Wunden guter Journalismus?

Sandra Maischberger ist oft schlagfertig, ihre Popularität ist nur mit der von Joschka Fischer zu vergleichen. Wie dieser hat sie - als ehemalige Greenpeace-TV-Moderatorin - eine ökologisch bewegte Vergangenheit hinter sich, und wie dieser hat sie zu einer abgeklärt-kritischen Milde gefunden, die allgemein sehr gut ankommt. Frau Maischbergers schlechteste Sendung ist, das muß man ihr zugute halten, besser als jede Witwenschüttlersitzung eines Johannes B. Kerner. Sandra Maischberger ist nicht unkritisch - aber eben auch nur so kritisch, daß sie es sich nicht ernsthaft mit jemandem verscherzt. Sie ist für die Unterhaltungsbranche das, was Gerhard Schröder für die Politik ist: der Prototyp einer professionellen, freundlichen Generation von Pragmatikern, die sich nichts vormachen und nicht im mindesten erkennen lassen, was sie wollen, wofür sie stehen, was sie wirklich bewegt. Einer Generation, die alles "interessant" findet, mit einer kritischen Distanz, die zur Pose verkommt.

Das Interview mit Leni Riefenstahl ist ein Beweis für die Renaissance dessen, was Walter Benjamin einmal "linke Melancholie" genannt hatte. Es bringt keine neuen Erkenntnisse, es hakt die kritischen Fragen pflichtschuldig ab, ohne damit jene Aufklärung zu erreichen, die einmal das Ziel von Kritik war. Es ist diese Selbstfeier eines liberalen Establishments, die Benjamin meinte, als er über jene schrieb, die "in negativistischer Ruhe sich selbst genießen. Die Verwandlung des politischen Kampfes in einen Gegenstand des Vergnügens - das ist der letzte Schlager." Was von Sandra Maischbergers Interview mit Leni Riefenstahl bleibt, ist allein das Bild zweier freundlicher Damen: einer offensichtlich zur Kultfigur mutierten, sehr alten Person, die bunte Fische filmt, und einer smarten Moderatorin auf einem gelben Sofa. Aber das ist, journalistisch gesehen, ein bißchen zu wenig.

NIKLAS MAAK

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.08.2002, Nr. 190 / Seite 33



NIKLAS MAAK <---------- Schwachmat
Antworten
Anarch:

Darauf habe ich gewartet, hjw!

 
17.08.02 18:41
Gratulation. Aber auch Du wirst feststellen: Das Thema ist gar nicht mehr so aktuell.
Antworten
Schnorrer:

NIKLAS MAAK---------- Schwachmat

 
17.08.02 18:45
FAZ und so wenig Sensibilität für Dinge, in denen man einfach nicht mehr herumrührt (unabhängig vom Wahrheitsgehalt, das interessiert eh keinen)?

Dem gebe ich noch sechs Monate ...
Antworten
Anarch:

Ich bin froh um jeden Anständigen.

 
17.08.02 18:52
Werdet Eurem Anspruch gerecht!
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