Um vollmundige Ankündigungen ist Ingo Endemann selten verlegen. Und so schaffte es der Werbefachmann auch, dass sein 1996 gegründetes Internet-Unternehmen beim Börsengang im März 1999 zu einem Shooting Star am Neuen Markt wurde. Der erste Kurs der Endemann Internet AG lag um gut das Viereinhalbfache über dem Ausgabepreis von 23 Euro. Die Neusser Gesellschaft trat mit dem Ziel an, etablierten Suchmaschinenbetreibern wie Yahoo oder Altavista den deutschen Markt streitig zu machen.
Mittlerweile sind die Anleger ernüchtert. Zwar ist Endemann nach eigenen Angaben näher an die Branchenführer herangerückt, und der Umsatz, der zu 85 % aus Werbeeinnahmen besteht, wächst stetig - operative Gewinne jedoch erwirtschaftet das Unternehmen nicht. Nach mageren 68 000 DM Betriebsergebnis im Jahr 1999 wird Endemann nach Angaben des Vorstandsvorsitzenden für 2000 sogar einen operativen Verlust von rund 3 Mill. DM ausweisen. Hohe Werbeaufwendungen gibt der Unternehmenschef im Gespräch mit der Börsen-Zeitung dafür als Grund an.
Anteile an Internet-Start-ups
Das Ergebnis - die Gesellschaft erwirtschaftete 1999 vor Steuern 4,6 Mill. DM, für 2000 rechnet sie mit einem Verlust von 6,5 Mill. DM - wird bisher von Beteiligungs- und Aktiengeschäften dominiert. Der Handel mit Beteiligungen ist denn auch bei der Hauptversammlung im Mai 2000 als zusätzlicher Unternehmensgegenstand in die Satzung aufgenommen worden. Endemann hat sich bei derzeit sechs Internet-Start-ups finanziell engagiert - strategische Beteiligungen, wie das Unternehmen betont. Die Partner liefern Inhalte für die Web-Seiten von Endemann. So diente die Kooperation mit der seit einem Jahr ebenfalls am Neuen Markt notierten Swing Entertainment dazu, den Bereich Spiele in den Internet-Diensten der Neusser zu stärken. Die Beteiligung an dem US-Anbieter Matchnet sicherte Inhalte für Single-Datenbanken.
Beteiligungen im Minus
Mit dem weltweiten Absturz der Internet-Aktien in der zweiten Jahreshälfte 2000 rutschte Endemann in die Verlustzone. Der Wert der Beteiligungspakete sank dramatisch. Da die Gesellschaft nach US-GAAP bilanziert und somit die aktuellen Marktwerte in ihren Abschlüssen ausweist, wurden aus den für 1999 ausgewiesenen satten Beteiligungsgewinnen plötzlich heftige Verluste.
Darüber hinaus steckte Endemann im März und April 2000 rund 8 Mill. DM in Aktienanlagen in Standardwerte wie DaimlerChrysler und McDonald's. Diese Positionen mussten zum Jahresende mit bis zu 50 % abgeschrieben werden. "Wir hatten zu Beginn des Jahres 2000 liquide Mittel von 19 Mill. DM im Festgeldbereich angelegt", sagt Ingo Endemann. Mit der Rendite dieser konservativen Anlageform war er nicht zufrieden und kaufte Aktien. Der Vorstandschef gibt sich mittlerweile reumütig: "Heute wissen wir, dass das ein Fehler war. Lieber 2,8 % Zinsen als Verluste." Und er beteuert, dass es solche Geschäfte in Zukunft in dem Maße bei Endemann nicht mehr geben werde. Bei der gerade begonnenen Expansion ins Ausland soll alles besser werden. Zunächst einmal hat Endemann seinen Bauchladen einzelner Suchmaschinen auf eine Kernmarke - Abacho - umgestellt. Mit diesem Label wollen die Neusser den europäischen Markt erobern. Anfang Januar gab Endemann die Kooperation mit dem französischen Online-Vermarkter Hi Media bekannt. Die Franzosen sollen für die Werbeeinnahmen im Ausland sorgen. Hi Media zahlt dabei einen garantierten Umsatz je Benutzer der Endemann-Suchmaschinen. Diese Garantie hat Endemann nach eigenen Angaben für acht europäischen Länder erhalten. "Das operative Geschäft wird hierbei profitabel und gewinnstark sein", heißt es in einer Pressemitteilung Mitte Januar.
Ziele teilweise realisiert
Die zum Börsengang angekündigten Ziele sind damit teilweise realisiert bzw. in Arbeit. Nicht verwirklicht wurde der Einstieg ins Digital-TV, den Endemann angepeilt hatte. "Das hat nicht mehr oberste Priorität", sagt der Firmenchef heute. Das Experiment Internet-Fernsehen hat sich als zu teuer herausgestellt. 650 000 DM haben Tests und Feldversuche gekostet, doch die sind laut Endemann nicht versenkt worden, sondern durch Werbeeinnahmen nahezu wieder hereingekommen. In einem größeren Rahmen aber, so glaubt Ingo Endemann, sei Digital-TV derzeit nicht Gewinn bringend zu betreiben.
Vertrauen verspielt
/b>
Das Vertrauen der Anleger in die Endemann-Aktie hat sich jedoch auch aus einem anderen Grund reduziert: Das Unternehmen zeigt sich wenig transparent. Der Geschäftsbericht der Neusser wurde von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz zum schlechtesten unter den Neuemissionen von 1999 gekürt. Zudem war die Gesellschaft in der Vergangenheit nicht abgeneigt, den Ad-hoc-Kanal als PR-Instrument zu missbrauchen. Etwa drei Mitteilungen dieser Art pro Monat gab Endemann bis zur Jahresmitte 2000 heraus. Fünf Mal insgesamt hob das Unternehmen seine Gewinnprognosen an. Doch dann sank mit dem Aktienkurs auch die Mitteilungsfreude. Etwa drei Monate herrschte gar absolute Funkstille. Wieder zeigt sich Ingo Endemann einsichtig. "Wir sind teilweise zu Recht angegriffen worden und haben unsere Politik deshalb geändert." Aber auch das hat ihn nicht daran gehindert, die Gewinnwarnung der Gesellschaft am 4. Januar dieses Jahres in einer Jubel-Ad-hoc über die Kooperation mit Hi Media zu verstecken.
"Kein Liquiditätsproblem"
Ein Liquiditätsproblem hat der Suchmaschinenbetreiber nach eigenen Angaben nicht. Endemann beziffert die derzeitigen liquiden Mittel seines Unternehmens auf 12 Mill. DM. Durch den Abbau von Aktienpositionen sollen sie bis Mitte des laufenden Jahres auf 16 bis 18 Mill. DM steigen.
Im laufenden Geschäftsjahr will Endemann weiter wachsen. Die Umsatzschätzung beläuft sich auf
30 Mill. DM, ein Plus von rund 35 % im Vergleich zum Vorjahr. Eine Anhebung der Prognose sei nicht ausgeschlossen, heißt es im Unternehmen. Die Gewinnaussichten wurden dagegen Anfang des Jahres zurückgenommen. Statt mit einem Vorsteuerergebnis von 18 Mill. DM rechnet Endemann derzeit nur mit einem "einstelligen Millionenbetrag". Wie hoch dabei der operative Anteil am Gewinn sein wird, ist eine spannende Frage.
