Kirch will auf jeden Fall die Mehrheit an der Formel 1 übernehmen
Kirch-Vize Dieter Hahn über das Sport-Engagement, die Konkurrenz der Automobilhersteller und das Zahlfernsehen
Formel 1, WM-Rechte und die Zukunft des Zahlsenders Premiere World: die Kirch-Gruppe sorgt wieder einmal für Furore. Aber auch der Gegenwind ist kräftig. Dieter Hahn, der zweite Mann nach Leo Kirch, nimmt Stelllung zur aktuellen Lage.
> Herr Dr. Hahn, halten Sie die Kirch-Gruppe im Mediengeschäft eigentlich für gut positioniert?
Da sind wir sicher heute deutlich weiter als vor fünf Jahren. Aber das ist ein kontinuierlicher Prozeß.
> Aber die Situation bei Ihnen ist doch so: Im Inland sind Sie ein Riese, international sitzen Sie in der zweiten Reihe, und das ganze Unternehmen hängt immer noch stark an der Person von Leo Kirch.
Das Unternehmen hat den großen Vorteil, noch einen wirklich aktiven Unternehmer zu haben. Das ist ein Vorteil im Hinblick auf die Entscheidungsfähigkeit und im Hinblick darauf, daß man einer klaren unternehmerischen Vision folgt. Also würde ich das als Stärke und nicht als Schwäche sehen. Das andere ist: Auch im Inland würde ich uns nicht unbedingt als Riesen sehen, aber sicherlich sind wir im audiovisuellen Markt ein führendes Unternehmen. Wir sind klar fokussiert. Das heißt, wir haben einen Kernmarkt, nämlich das deutschsprachige Gebiet. Als solches ist es glücklicherweise kein ganz kleines, sondern der größte Einzelmarkt in Europa und auch international nach den Vereinigten Staaten und Japan der zweit- oder drittgrößte Markt.
> Die WM 2002 haben Sie mit Erfolg an ARD und ZDF weiterverkauft. Wie sieht es in anderen Ländern Europas und in den Vereinigten Staaten aus?
Wir haben in Europa neben Deutschland in Spanien, den Niederlanden, Polen, in Skandinavien und zahlreichen weiteren europäischen Ländern abgeschlossen. Ich denke, daß wir in den nächsten Monaten auch in zwei weiteren großen europäischen Ländern wesentliche Abschlüsse tätigen werden. Großbritannien bleibt ein schwieriger Fall, aber ich erwarte, daß wir ansonsten bis zum Herbst in weiten Zügen durch sind.
> Wie geht es weiter bei ISMM/ISL? Ist die Gruppierung noch werthaltig? Allein für die zusätzlichen außereuropäischen Rechte für die Fußballweltmeisterschaften 2002 und 2006 müßten Sie ja noch einmal 1,8 Milliarden DM beibringen, um die Option wahrzunehmen.
Was jedenfalls sehr werthaltig ist bei ISL und ISMM, sind die Weltmeisterschaftsrechte, die in deren Territorium genauso erfolgreich vermarktet worden sind, wie sie von uns in Europa vermarktet werden. An diesen Rechten haben wir Interesse. Sie wären eine sinnvolle Ergänzung unseres Portfolios.
> Andererseits wird die Finanzsituation der Kirch-Gruppe immer wieder als wacklig bezeichnet. Wie hoch ist denn die Eigenkapitalquote?
Also für die Gesamtgruppe haben wir da noch keine Auskunft gegeben. Zunächst: Die Kirch-Gruppe ist sehr solide finanziert. Was man aber unterscheiden muß: Im Sportrechtegeschäft ist der Vorfinanzierungsanteil relativ gering, weil im Prinzip die wesentlichen Lizenzzahlungen um den Event selber anfallen und nur gelegentlich, wie bei der Fußballweltmeisterschaft, vorfinanziert werden. Solche Vorauszahlungen werden mit den verschiedenen Fernsehpartnern kongruent durchgehandelt, die am Ende diese Rechte ausstrahlen. Im übrigen investieren wir - das ist der Bereich, wo bei uns hauptsächlich Finanzbedarf entsteht - unverändert stark in den Ausbau des Pay-TV-Geschäftes und in den Aufbau langfristiger Rechte im Fiction-Bereich.
Darüber hinaus haben wir gerade eine Großinvestition wie die Formel 1 getätigt. Hier haben wir in Größenordnungen von knapp 1,6 Milliarden Dollar investiert. Das ist sicherlich für uns eine große Herausforderung, die aber zu dem Wert des Assets und der Profitabilität dieser Beteiligung in einem angemessenen Verhältnis steht und keine übermäßige Belastung darstellt.
> Bei der Formel 1 haben Sie ja die Chance auf die Mehrheit, indem Sie von EM.TV die Zwischenholding Speed weitgehend übernehmen. Werden Sie zugreifen?
Das halte ich grundsätzlich für möglich, denn es ist nicht sehr wahrscheinlich, daß EM.TV bei Speed eine Rückzahlung des Kredits finanzieren kann. Und es war auch eine Grundüberlegung in der Struktur, daß über den Einstieg von uns in das Asset Formel 1 EM.TV so weit entschuldet wird, daß es insgesamt saniert werden kann. EM.TV kann jetzt kaum noch einmal eine halbe Milliarde Dollar Kredit schultern für die Formel 1. Deswegen ist davon auszugehen, daß wir diese Option zur Wandlung wahrnehmen werden.
> Und für diese Übernahme haben Sie auch schon die Zustimmung von Bernie Ecclestone?
Wir sind uns da grundsätzlich einig. Bernie Ecclestone hat sich ohne jeden Zweifel sehr gegen unseren Einstieg gewehrt. Das hat ihm seinerzeit aus vielen Gründen nicht gefallen, weil er andere Lösungen befürwortet hat. Er ist aber, und so habe ich ihn in den letzten fünf Jahren kennengelernt, jemand, der zu seinem Wort und zu seinen Verträgen steht. Wir alle haben den Eindruck, daß die Beteiligten die bislang gefundenen Lösungen sehr begrüßen.
> Nach früheren Äußerungen wollen Sie keinen Einfluß auf die Vergaberechte für die Formel 1 nehmen. Warum so selbstlos, Herr Hahn?
Man muß zwei Dinge unterscheiden. Wir, und das begrüßt Ecclestone, möchten bei der Formel 1 einen Beitrag dazu leisten, daß dieses Unternehmen sich professionell weiterentwickelt, besonders auch in der professionellen Verwertung der Rechte weltweit. Von Sportvermarktung weltweit glauben wir etwas zu verstehen. Auf der anderen Seite haben wir uns im Kartellverfahren dazu verpflichtet, daß wir in Deutschland den Verkaufsprozeß als Auktion gestalten. So hat jeder Marktteilnehmer dieselben Möglichkeiten, die Rechte zu erwerben. Das heißt nicht, daß unsere Sender nicht vielleicht selber durchaus Interesse daran haben mitzubieten. Aber das heißt, daß der Prozeß - und das war eine der Auflagen des Kartellamts bei der Genehmigung des Einstiegs in die Formel 1 - so zu gestalten ist, daß in jedem Fall jeder diskriminierungsfrei Rechte erwerben kann.
> Aus Italien wird gemeldet, daß die Autohersteller jetzt doch von 2008 an eine eigene Rennserie veranstalten wollen. Was bedeutet das für Ihre Formel-1-Investition?
Ich bin überzeugt, daß grundsätzlich unsere Interessen nicht den Interessen der Automobilindustrie entgegenlaufen. Wir sind sicher, daß die Formel 1 eine langfristige Perspektive bietet. Unsere Offerte für Gespräche über Einfluß und Beteiligung der Autohersteller gilt nach wie vor.
> Die Fernsehgesellschaft Pro Sieben Sat.1 Media scheint bisher kein besonderer Erfolg zu sein. Der Börsenkurs hat sich halbiert. Die Werbeeinnahmen bei Sat.1 sinken, die Integration kommt nicht voran. Sind Sie enttäuscht?
Nein, überhaupt nicht. Die Fusion und auch beide Unternehmen sind eine Erfolgsgeschichte. Zum Börsenkurs: Im letzten Jahr hat überall Euphorie geherrscht. Ich glaube, Pro Sieben ist bei weitem nicht der einzige Börsenwert, der sich nach der Spitze halbiert hat. Die Fusion der beiden Sender ist für die Gesamtgruppe und für die Senderfamilie ein uneingeschränkter Erfolg. Sie kommt natürlich heute in ein Marktumfeld, das schwieriger ist. Vor einem halben Jahr noch haben alle ein sehr rosiges 2001 gezeichnet, heute zeigt sich, daß 2001 für alle Medienunternehmen, für die Werbewirtschaft, und dies nicht nur in Deutschland, ein eher schwierigeres Jahr ist. Und in einem solchen Umfeld werden natürlich immer Stimmen gehört, die aus einer Integration Schwierigkeiten ableiten.
> Die schwierigste Baustelle ist ja weiterhin der Zahlsender Premiere World.
Wir haben im letzten Jahr nach der Fusion von DF 1 mit Premiere erkannt, daß es noch erheblichen Verbesserungsbedarf gibt. Wenn Sie viele Dinge ändern in einem so komplexen Unternehmen, braucht es eine ganze Weile, bis die Änderungen greifen. Das wird dauern bis zur Mitte des Jahres. Premiere World sendet nicht einfach, sondern dahinter steht ein Abonnentengeschäft mit einer umfassenden technischen und kaufmännischen Logistik für den Zuschauer.
> Wann werden wir die erste Partnerschaft zwischen Premiere und einem der neuen Kabelnetzbetreiber sehen?
Ich glaube, daß man schon im Laufe dieses Jahres erwarten kann, daß entsprechende Geschäftsmodelle angegangen werden. Wir meinen, daß die künftigen Eigentümer des Kabelnetzes, ob sie nun Callahan, Klesh oder Malone heißen, unternehmerisch handeln werden. Und das wird für Premiere ein großer Vorteil sein, weil endlich Partner auf dem Markt sein werden, die auf dem Vertriebsweg Kabel aktiv die Erschließung von Haushalten für Unterhaltungsprogramme - nicht nur dafür, aber eben auch für Unterhaltungsprogramme - betreiben.
> Aber einen Zeitpunkt für den Break-Even bei Premiere World würden Sie nicht nennen wollen?
Ich glaube, daß es noch gut drei Jahre dauern wird, bis Premiere World wirklich profitabel wird.
> Sie sind ja nicht nur der Vize von Leo Kirch, sondern offenbar auch sein Nachfolger. Was ist daran Fakt, was Fiktion?
Ich hoffe, daß Leo Kirch noch lange keinen Nachfolger braucht.
Das Gespräch führte Jürgen Dunsch.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.05.2001