
Japan vor neuer Rezession
Im Land der aufgehenden Sonne trüben dunkle Wolken am Konjunkturhimmel die Hoffnung auf eine Erholung der schwächelnden Wirtschaft ein. Das wirtschaftliche Klima in Japan ist so schlecht wie seit eineinhalb Jahren nicht mehr. Wie die Bank of Japan (BoJ) am Montag in ihrem Quartalsbericht erläutert, ist der Diffusionsindex für das Sentiment in den Großunternehmen des Verarbeitenden Gewerbes auf minus 16 gefallen, nachdem im vorhergehenden Tankan-Bericht noch ein Wert von minus fünf ausgewiesen worden war. Ökonomen hatten im Durchschnitt ihrer Prognosen eine Verschlechterung auf minus 18 erwartet. Die Stimmung in der japanischen Wirtschaft hat sich damit im zweiten Quartal des laufenden Jahres nochmals deutlich eingetrübt. Der Nikkei-Index für 225 führende Werte schloss 1,7 Prozent im Minus bei 12.751 Zählern.
Auch der Wert für mittelgroße Unternehmen des Verabeitenden Gewerbes verschlechterte sich deutlich. Hier wurde ein Rückgang des Index auf minus 30 registriert, nachdem der Wert im März-Bericht noch auf minus 15 beziffert worden war. Nach Ansicht von Beobachtern ist die Stimmungsverschlechterung vor allem der Abkühlung der US-Konjunktur zuzuschreiben, die sich in sinkenden Exporten niederschlage. Für die kommenden Monate erwarten die Großbetriebe im Verarbeitenden Gewerbe allerdings keine weitere Verschlechterung des konjunkturellen Umfelds; für September sehen sie den Indexstand des Geschäftsklimas bei minus 14. Der Diffusionsindex für Großunternehmen des Nicht-Verarbeitenden Gewerbes blieb unverändert bei minus 13. Mittlere und kleine Unternehmen dieses Sektors zeigten sich allerdings pessimistischer als im vorhergehenden Report. Bei den mittelgroßen Unternehmen fiel der Index auf minus 22 nach minus 21, während die Kleinunternehmen einen Indexrückgang auf minus 31 nach minus 28 verzeichneten.
"Jeder ist davon ausgegangenen, dass die Daten mittlerweile in den Kursen eingepreist sind. Aber die nackten Zahlen werfen nun doch einen weitaus dunkleren Schatten auf die zukünftigen Unternehmensgewinne", bemerkte am Montag Masatoshi Sato, Manager bei Mizuho Investors Securities. Darüber hinaus sieht Sato die Aussagen der Banc of Japan für das nächste Quartal als zu optimistisch an. Unter großen Angabedruck geriet zum Wochenauftakt nach der Veröffentlichung des Tankan-Berichts der Bankensektor. "Finanzinstitute profitieren von einer lebhaften, inflationären Wirtschaft. Was wir haben, ist das genaue Gegenteil", gab Analyst Naoto Odagiri von BNP Paribas Securities zu Bedenken.
Verbessert hat sich der Wert für die Investitionspläne von Großunternehmen, obwohl er weiter im Minusbereich liegt. Die befragten Unternehmen revhnen im Durchschnitt mit um 1,3 Prozent reduzierten Investitionsausgaben im laufenden Fiskaljahr (per 31. März 2002), während sie im März noch ein Minus von 4,7 Prozent erwartet hatten. Analysten geben allerdings zu bedenken, dass in den Unternehmen typischerweise im Juni die Investitionsausgaben nach oben korrigiert werden, so dass die verbesserten Daten lediglich saisonale Effekte und weniger eine allgemeine Stimmungsverbesserung widerspiegeln könnten. Auch hinsichtlich der Gewinnerwartungen zeigten sich die großen Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes wenig zuversichtlich. Sie rechnen im laufenden Fiskaljahr mit einem Rückgang des Vorsteuergewinns um 0,3 Prozent, während jene des Nicht-Verarbeitenden Gewerbes mit einem Gewinnanstieg um 1,3 Prozent kalkulieren.
Der japanische Regierungschef Junichiro Koizumi hatte am Wochenende bei seinem ersten Treffen mit US-Präsident George W. Bush noch einmal bekräftigt, dass seine Pläne zur Umstrukturierung der Wirtschaft einige Schmerzen wie zum Beispiel zwei bis drei Jahre schwachen Wirtschaftswachstums mit sich bringen würden. Wirtschaftsminister Takenaka bezeichnete es als schwierig, das Wachstumsziel von 1,7 Prozent im laufenden Fiskaljahr zu erreichen. Viele Ökonomen schließen im Gegenteil ein Schrumpfen der Wirtschaft nicht aus. Nach dem erneuten Ausweis eines Rückgang im BIP, also einem negativen Wirtschaftswachstums im ersten Quartal 2001, meinen Marktbeobachter, dass die japanische Wirtschaft zum vierten mal innerhalb eine Jahrzehnts in einen Rezessions-Zyklus eingetreten ist. Die Regierung hatte am 11. Juni von einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in den ersten drei Monaten 2001 um 0,2 Prozent berichtet. Damit belief sich das annualisierte Wirtschaftswachstum auf minus 0,8 Prozent. Für das gesamte Fiskaljahr 2000/2001 (31. März) wurde eine Wachstumsrate von 0,9 Prozent ausgewiesen. Die Regierung hatte für das Fiskaljahr ein Wachstumsziel von 1,2 Prozent anvisiert.