"Jeder sollte ein Weinkenner sein"
Hawesko profitiert vom Trend zum edlen Tropfen. Und Vorstand Alexander Margaritoff will weiter expandieren. Ein Börsenfrühstück zum Thema Genuss
WELT am SONNTAG: Herr Margaritoff, sind Sie mit dem Weinjahrgang 2003 zufrieden?
Alexander Margaritoff: Es gibt sicher eine Reihe von sehr konzentrierten, dichten Weinen, darunter wird es auch einige absolute Spitzenprodukte geben. Aber die große Hitze hat natürlich nicht allen Anbaugebieten gut getan.
WamS: Kann Hawesko denn die höheren Einkaufspreise für besonders gute Weine bei den Endverbrauchern durchsetzen?
Margaritoff: Im Ultra-Premiumsegment, das so etwa bei 20 Euro beginnt, auf jeden Fall. Wer sich da ein bisschen auskennt, der weiß zum Beispiel, dass ein 2000er Bordeaux teurer ist als ein 91er. Und bezahlt das auch. Bei den wahren Liebhabern müsste es schon ziemlich zur Sache gehen, ehe die auf ihr Gläschen hochwertigen Wein verzichten.
WamS: Geiz ist geil gilt also nicht für Wein?
Margaritoff: Das kommt auf die Preislage an. Im mittleren Segment, das heißt in Deutschland ab sieben Euro, haben wir in den vergangenen zwölf Monaten die Kaufzurückhaltung schon gespürt. Da gehen die Leute dann halt erst mal in den Keller und schauen, was noch so da ist, ehe sie was Neues kaufen.
WamS: Dafür hat sich die Hawesko-Aktie zuletzt erfreulich entwickelt und notiert nahe ihrem 52-Wochen-Hoch. Wird die Luft jetzt wieder dünner?
Margaritoff: Wir sind immer noch stark unterbewertet. Hawesko bewegt sich im Fine-Wine-Bereich, und der wächst stabil. Die Zahl der Haushalte, in denen Wein getrunken wird, hat sich binnen zehn Jahren von 60 auf 70 Prozent erhöht, im selben Zeitraum stieg der Pro-Kopf-Verbrauch um 20 Prozent. Und Hawesko profitiert mit seinen drei Vertriebskanälen Versand-, Groß- und stationärer Einzelhandel gleichermaßen von diesen Trends.
WamS: Wer Hawesko-Aktien zum Börsengang gekauft hat, musste Mitte 1998 rund 44 Euro hinblättern. Sehen die Aktionäre der ersten Stunde ihren Einsatz jemals wieder?
Margaritoff: Davon bin ich absolut überzeugt. Wer zwei bis drei Jahre Zeit mitbringt, wird sich auch wieder über Kurse von 45 bis 50 Euro freuen können.
WamS: Und woher nehmen Sie diese Zuversicht?
Margaritoff: Schauen Sie nur mal auf unseren Wettbewerb. Die britische Weinhandelskette Majestic Wines ist wohl international am besten mit uns vergleichbar. Die ist deutlich höher bewertet als Hawesko, was durch fundamentale Daten nicht gerechtfertigt erscheint.
WamS: Für höhere Kurse fehlt aber offenbar noch die Aufmerksamkeit größerer Investoren. Und die schauen nun mal nicht auf den S-Dax, in dem Hawesko gelistet ist.
Margaritoff: Das könnte sich aber bald ändern. Wenn die Aktie erst mal bei 23 Euro steht, steigt die Marktkapitalisierung auf über 100 Millionen Euro. Und oberhalb dieser Bewertung haben uns auf einen Schlag diverse Fondsgesellschaften und Versicherungen wieder auf dem Radar.
WamS: Aber die kommen ja nicht von allein.
"Jeder sollte ein Weinkenner sein" (2)
Margaritoff: Nein. Da muss man immer wieder nachhaken, immer wieder auf sich aufmerksam machen. Es ist eine wahnsinnig harte Arbeit, Vertrauen am Markt aufzubauen - zumal nach solch einer Börsenphase. Aber es zahlt sich aus, dranzubleiben und vor allem immer zu sagen, was Sache ist. So haben wir es auch geschafft, von sechs Analysten gecovert zu werden. Das ist für ein Unternehmen unserer Größe beachtlich.
WamS: Aber um mal wieder auf 45 bis 50 Euro zu kommen, dürfte das Deutschland-Geschäft allein kaum ausreichen. Wie steht es mit Ihren Expansionsplänen?
Margaritoff: Wir haben vor etwa fünf Jahren erstmals den Schritt über die deutsche Grenze gewagt und sind nach Österreich gegangen. Wir haben hier wertvolle Erfahrungen gesammelt, die uns auch bei der Expansion in weitere Nachbarländer weiterbringen werden.
WamS: Gerade beim Wein müssten aber doch die kulturellen Unterschiede von Land zu Land enorm sein. Was nützt dann das beste Know-how über Weinvertrieb in Deutschland?
Margaritoff: Sicher gibt es große Unterschiede. Selbst innerhalb Deutschlands werden im Süden eher italienische Weine bevorzugt, im Norden sind dafür Rotweine mehr gefragt. In Österreich kommt ein Drittel der verkauften Weine aus dem Land selbst, und in Italien bräuchten wir vermutlich eine umfangreiche Mahnbuchhaltung, wenn wir die Ware im Versand per Rechnung verkaufen würden. Aber unsere Verbindungen zu den Top-Winzern der Welt, unsere Erfahrung mit Datenbanken, dem Katalogverkauf und im Großhandel sind im Prinzip ja überall anwendbar. Im Übrigen behaupte ich: Wer sich auf dem schwierigen deutschen Markt durchsetzt, auf dem ja im Konsumbereich sehr viel nur über den Preis geht, der schafft es überall.
WamS: In Deutschland steht jetzt erst mal das vierte Quartal an, das für Hawesko wegen des vorweihnachtlichen Präsentgeschäfts so große Bedeutung hat. 2002 gab es in diesem Bereich ein Umsatzminus von 16 Prozent, weil immer mehr Firmen ihr Geschenkbudget entweder gespendet oder ganz gestrichen haben. Was tun Sie, wenn sich dieser Trend verschärft?
Margaritoff: Ich glaube, dass wir nicht aufhören werden, uns zu Weihnachten gegenseitig zu beschenken. Natürlich sparen Firmen auch mal in dieser Ecke, wenn es ihnen besonders schlecht geht. Aber andere Unternehmen wollen sich gerade jetzt dem Geschäftspartner in Erinnerung bringen. Wir werden hier in diesem Jahr auch wieder von der deutlich aufgehellten Verbraucherstimmung profitieren. Im Übrigen fallen viele der Belastungsfaktoren von vor einem Jahr wie Irak-Krise, Jahrhundert-Flut und Bundestagswahl diesmal weg.
WamS: Muss man als Vorstandsvorsitzender von Europas größtem Weinhändler ein perfekter Weinkenner sein?
Margaritoff: Jeder Mensch sollte ein perfekter Weinkenner sein. Aber im Ernst: Es ist natürlich wichtig, etwas von diesem Geschäft zu verstehen. Ich hab schon als Schüler während der Ferien im Betrieb gearbeitet, den mein Vater damals geführt hat. Als ich dann 1981 in das Geschäft einstieg, habe ich zwei Jahre lang sämtliches Wissen über Wein in mich hineingesogen. Da Wein auch ein Stück Kultur ist, kann ich das Geschäftliche mit dem Angenehmen verbinden.
WamS: Haben Sie einen Lieblingswein?
Margaritoff: Immer das Neueste, was es auf dem Markt gibt. Die Vielfalt ist zu groß, um sich auf einen festzulegen. Ich habe immer nach bulgarischem Wein Ausschau gehalten, weil mein Vater aus Bulgarien stammte, und da gibt es jetzt einen sehr interessanten: Den Zar Simeon, das ist ein hervorragender Cabernet Sauvignon, top im Preis-Leistungs-Verhältnis und für die kommende kühlere Jahreszeit bestens geeignet.
Das Gespräch führte Michael Höfling
Artikel erschienen am 28. Sep
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