Mails/Nachrichten vom 31.05.2002, Bernecker & Cie.
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Guten Morgen, meine Damen und Herren,
die Index-Wette im DAX habe ich verloren. Diejenige im Markt dagegen nicht. Das ist ein wesentlicher Unterschied. Aber was gestern in Deutschland trotz halben Geschäftes gelaufen ist (umsatzmäßig), macht mich doch besorgt. Das Durchrutschen des DAX ist zunächst einmal eine optische Frage. Aber der „vorauseilende Gehorsam“ des deutschen Marktes in Bezug auf New York geht doch etwas zu weit. Denn der Verlauf von New York ist für mich nach wie vor kein Problem. Dennoch: Die nächsten 1 - 2 Wochen werden kritisch, und dies wiederum zweiseitig:
Sowohl die Wall Street als auch der DAX 100 bzw. die beiden Technologie-Märkte wie Nasdaq und Nemax sind extrem überverkauft. So bleibe ich dabei: An einer massiven Rally nach oben kommen wir nicht vorbei. Auch dann nicht, wenn ich damit um 3 Wochen daneben liege. Offen ist, wie es anschließend weitergeht. Gestern war nämlich spürbar, daß es mehr um allgemeine Meinungen geht als um definitive Fakten. Sie entnehmen dies auch der heutigen Kommentierung in den entsprechenden Medien.
Greenspan wörtlich zu nehmen, wie ich es im März tat, war zunächst richtig. Die Schwäche des Dollars ging in den letzten Tagen weiter, als ich vermutet hatte, bleibt aber noch in meinem Rahmen. Das nächste Ziel liegt bei knapp 96 Cents, aber auch hier gilt: Deutlich überverkauft. Folge:
Eine solche Dollar-Konstellation ist für die Amerikaner natürlich sehr hilfreich. Die Wirkung ist allerdings frühestens in 6 oder 9 Monaten spürbar. Wissen müssen Sie es dennoch, weil dies für den größten Exporteur der Welt mit über 1 Bill $ nun einmal eine Größe ist. Das daraus aber noch kein Inflationspotential erwächst, ist ebenso klar. Ich wundere mich daher sehr, wenn derartige Überlegungen gestern in einigen Kommentaren auftauchten. Was jedoch eine gewisse Abwertung bedeutet, zeigen die Japaner in ihren Ergebnissen nach rd. 22 % Yen-Abwertung in den vergangenen 18 Monaten, die jetzt beendet ist.
Wall Street konkret: Die Trendwerte schnitten gestern deutlich besser ab als die gesamte Technologie. Auf dieser Schiene fahre ich weiter sehr komfortabel. Ordnen Sie dazu auch weitere 3 Aktien ein, die eine Art Mittelding zwischen Technologie und Klassik darstellen: Hewlett Packard gewinnt an relativer Stärke. Schauen Sie sich diese Aktie an. Honeywell in gleicher Art und Weise. Auch Unisys und United Techn. Ich komme darauf in Kürze zurück. Fazit: Diese Werte favorisiere ich weiterhin, weil sie die Konjunktur im Rücken haben.
TMT und andere Technologien bleiben auf der schiefen Ebene. Davon gehe ich nicht ab. Keine dieser Aktien ist jetzt ein zwingender Kauf, wobei ich kurzfristige Tradings natürlich immer ausnehme. Nichts führt daran vorbei: Was zu teuer ist, hat keine Chance. Auch hier wiederhole ich mich:
Alle diese Werte werden in der nächsten technischen Rally blendend aussehen. Sie werden aber darauf achten müssen, den günstigsten Exit zu finden. Sie liegen in diesen Werten wahrscheinlich alle massiv schief. In der genannten techn. Rally gewinnen diese aber bis zu 50 % und mehr. Deshalb ist ein akt. Verkauf nicht diskutabel. Tradingkäufe halte ich für vertretbar und Maßstab für Sie ist der Nasdaq 100 Tracking Stock, der 28 $ nicht unterschreiten darf. Schauen Sie sich diesen Chart auf Seite 7 der heutigen AB an. Das ist eine tolle Konstellation.
Frankfurt hat eine gefährliche Schieflage. Nämlich eine Meinungsbörse ohne echte substantielle Begründung. Das Theater um Dt. Telekom ist nun einmal ein deutsches Theater. So etwas läuft nicht ewig und Sie kennen meine Meinung dazu. Auf einen Euro lege ich mich nicht fest und natürlich ist es möglich, daß das Ziel der Hedge Funds mit 10 E. noch aufgeht. Daß in dieser Aktie über einen Zeitraum von 12 - 15 Monaten ein riesiges Potential steckt, kann sogar ein Sechsjähriger erkennen. Indes: Die Schwäche der zwei großen Versicherer beunruhigt mich. Beide Charts sind kaputt. Die gestrige Begründung ist nicht hinreichend stichhaltig. Mir fällt aber auf, daß die Markttechnik aller Versicherer in Europa sehr ähnlich, nämlich schwach, aussieht. Ich hatte dies vor etwa 5 Wochen anders gesehen. Ich werde deshalb sämtliche Versicherungen in der nächsten Woche überprüfen müssen. Die bisherigen Verluste sind erträglich, um ca. 5 - 10 %. Gegebenenfalls nehme ich lieber diese Verluste hin, um freie Liquidität zu gewinnen. Wir können nicht daran vorbei: Wenn solche Schwergewichte schwach werden, ist „Gefahr im Verzug“. Schließlich:
Die Technologie-Lieblinge im DAX sind noch nicht komplett unten. Sie kennen meine Ansicht zu Infineon, Epcos und SAP und damit indirekt auch zu Siemens. Kommentar überflüssig. Auch hier gilt: In einer techn. Rally gewinnen diese Titel locker 20 %, dann sind wieder alle happy, und anschließend geht es wieder erneut nach unten. Also: Trading ja, Investment nein.
Die Konjunktur-Aktien gefallen mir dagegen weiterhin gut bis sehr gut. Natürlich schwanken auch diese in einer labilen Börse um 2 - 5 %. Damit sollten Sie leben können. Ergo:
Heute am Freitag kann eigentlich nicht extrem viel passieren. Wird es noch einmal richtig schwach, so müßten Sie auf die Käuferseite gehen. Zum Wochenende tue ich dies ungern, aber Sinn macht es dennoch.
Gesamteindruck: Die gestrige Börse gefiel mir nicht, die heutige bringt keine wesentlichen Erkenntnisse, aber schauen Sie sich die Kurse einzeln und in Ruhe und wenn möglich im Zusammenhang mit einem Chart an, um zu wissen, was im Markt wirklich passiert. Grundlage für Sie: Die Konjunktur in den USA läuft nicht schlechter und nicht besser als in den letzten Wochen präzise formuliert. Daß nun auch die Europäer etwas mehr an Fahrt gewinnen, ist um so positiver. Dann können Sie sicher sein:
Mit diesem Hintergrund stehen wir vor einer guten und längerfristigen Börsenentwicklung, aber einer weiterhin sehr kritischen Schlagseite im Sektor „Überbewertungsblase“. Diese Wunde ist noch nicht verheilt.
Ich wünsche Ihnen damit gleichwohl ein zuversichtliches Wochenende.
Aristoteles begleitet Sie: „Auch das Denken schadet bisweilen der Gesundheit“.
Herzlichst Ihr
Hans A. Bernecker
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