ftd.de, Sa, 29.12.2001, 7:00
Themen 2001: Microsoft - Jetzt erst recht!
Von Henry Lübberstedt, Hamburg
Microsoft Chefstratege Bill Gates und Firmenchef Steve Ballmer können zufrieden auf das endende Jahr blicken. Beide bereiten den Konzern auf eine dominierende Rolle im Internet vor. Unter anderem mit Mitteln, die im laufenden Gerichtsverfahren kritisiert wurden.
Vor einem Jahr sah es im anhängigen Kartellprozess gegen das US-Justizministerium recht finster aus für den weltgrößten Softwarekonzern: Zerschlagung per Gerichtsbeschluss, weitgehendes Verbot der Kopplung von Betriebssystem und Zusatzprogrammen sowie eine andauernde scharfe Beobachtung durch die US-Kartellbehörde. Microsoft tat damals alles, um das Verfahren in die Länge zu ziehen. Dabei dürfte die millionenschwere Unterstützung der Republikaner im Präsidentschaftswahlkampf zu den erfolgreichsten Langzeit-Investitionen des Konzerns zählen. Die microsoftkritische Clinton-Regierung unterlag im Wahlkampf. Bei dem neuen US-Präsidenten George W. Bush konnte sich Gates eine liberale Haltung gegenüber dem "freien Unternehmertum" ausrechnen. Seine Kalkulation ging voll auf, wie sich heute zeigt.
Im September 2001 ließ die neue Klägerin im übernommenen Prozess die Forderung nach dem Zerschlagen von Microsoft in ein Betriebssystem- und ein Office-Software-Unternehmen fallen. Auch die umstrittene Verschmelzung von Betriebssystem und weiteren MS-Programmen will die US-Jutiz künftig nicht mehr weiterverfolgen. Damit fiel ein Kernpunkt der Anklage auf Monopolmissbrauch. Nach US-Recht sind Monopole nicht strafbar. Allerdings darf das marktbeherrschende Unternehmen seine Macht nicht ausnutzen, um auf anderen Gebieten ebenfalls eine Vorherrschaft anzustreben. Eben dies wurde Microsoft mit der Integration des Webbrowsers in Windows vorgeworfen – und nun verworfen.
Umstrittene Einigung
Wenige Wochen später einigte sich Microsoft mit dem US-Justizministerium. Danach soll unabhängiges Kontrollgremium den Softwarekonzern fünf Jahre überwachen, ob er die Auflagen der Einigung einhält:
Einheitliche Windows-Lizensierung für alle PC-Hersteller
Freiheit der PC-Hersteller Kooperationen mit anderen Softwareanbietern einzugehen
Offenlegen bestimmter Server-Protokolle, damit andere Hersteller ihre Produkte ebenso gut an Microsofts Serversoftware angepasst ist, wie die Programme von MS selbst.
Die Übereinkunft löste Jubel bei Microsoft aus. Die "dunklen Wolken über Redmont haben sich verzogen" sagte Bill Gates. Ernüchterung hingegen bei Hard- und Softwareherstellern. "Angesichts dieser Vereinbarung drängt sich die Frage auf, ob es nicht wirtschaftlicher ist, die Gesetzte zu brechen anstatt sie zu befolgen," kommentierte Ransome Love, Chef der US-Softwarefirma Caldera die Entscheidung.
Keine Handhabe trotz zahlreicher Beweise
Tatsächlich wurde zwar die drohende Zerschlagung abgewendet, die von der Vorinstanz angefertigte Tatsachenfestestellung jedoch behielt ihre volle Gütigkeit. Das mehr als einhundert Seiten umfangreiche Dokument weist dem Redmonder-Konzern den Erhalt seines Monopols mit illegalen Mitteln nach, deckt Machenschaften und Knebelverträge mit PC-Herstellern und Internet-Providern auf. Gerichtlich verwerten ließ sich das allerdings nicht. Die US-Justizbehörde als Klägerin der Clinton-Regierung konnte nicht glaubhaft machen, dass Microsoft gegen den Sherman-Act verstoßen und damit Kartellrecht verletzt habe.
Ausschlaggebend für die milde Entscheidung war offenbar auch die wirtschaftliche schwierige Lage der USA. In der zweiten Jahreshälfte war eine Rezession der US-Wirtschaft abzusehen, die Terroranschläge vom 11. September verschärften die Lage weiter. Vor allem die IT-Industrie traf es nach der geplatzten E-Commerce-Blase hart. Zehntausende von Entlassungen und Firmenpleiten waren die Folge. Insofern hatte die Bush-Regierung kein Interesse, ein Vorzeige-Unternehmen mit drakonischen Maßnahmen zu belegen.
Im Februar 2002 will das Gericht über die vorgelegte Einigung der beiden Parteien entscheiden. Doch auch wenn es zustimmt, ist das Kartellverfahren nicht abgeschlossen. Insgesamt 18 US-Bundesstaaten hatten geklagt, die Hälfte von ihnen stimmte der Einigung nicht zu und fordert härtere Strafen für den Konzern. Auch in Europa ist für Microsoft noch nicht alles ausgestanden. Wettbewerbskommissar Mario Monti bereitet sich auf einen Kartellprozess vor, bei dem das Servergeschäft von Microsoft untersucht werden soll.
Microsoft muss sich neu erfinden
Doch für Microsoft ist die Angelegenheit im Grunde Schnee von gestern. Der Konzern kämpft mit Hochdruck längst auf anderen Gebieten - mit weitgehend den gleichen Methoden, wie sie im Kartellverfahren angeprangert wurden. So wird der Microsoft Media Player mit Windows XP gekoppelt und soll den Real Player von Konkurrent Real Networks erübrigen. Auch das weit verbreitete Musikformat MP3 hat Microsoft im Visier. Die Microsoft-Abspielsoftware versteht MP3 nur nach einem kostenpflichtigen Update für rund 60 DM, was das eigene Musikformat WMA stärken dürfte. Gegen den AOL Instant Messenger positioniert Microsoft sein eigenes Chatprogramm - ebenfalls fest in Windows eingebaut. Doch Windows XP und die genannten Anwendungen sind lediglich die vordergründigen Produkte einer größeren Strategie. Die eigentliche Umwälzung ist weit weniger greifbar, sie heißt ".Net" (sprich dot-net).
Wachstunmsprobleme
.Net soll eines der größten Probleme von Microsoft lösen: Bei einem Marktanteil von 95 Prozent kann das Unternehmen mit dem Lizenzverkauf von Betriebssystemen und Office-Anwendungen nicht mehr so stark wachsen wie in den vergangenen Jahren. Zudem ist das Softwaregeschäft starken Schwankungen unterworfen, da die Bereitschaft zum Software-Update bei den Kunden spürbar nachlässt. Dem versuchte Microsoft mit neuen Lizenzmodellen ab Mitte 2001 entgegen zu wirken. Danach wird derjenige Software günstiger erhalten, der regelmäßig zur neuen Version greift. Wer hingegen ein Update auslässt – wie die meisten Unternehmen – zahlt drauf. Nach Bekanntgabe der Pläne im Juli blies den Vertriebs-Managern bei Microsoft heftiger Wind entgegen. Die Unternehmen und Behörden sahen Millionen von zusätzliche Kosten auf sich zukommen. Microsoft vertagte das Problem und schob für wichtige Kunden die neuen Lizenzbestimmungen weit ins neue Jahr.
Ein stetig anhaltendes Wachstum mit einem kontinuierlichen Umsatzstrom verspricht hingegen eine Mittlerrolle bei Internet-Dienstleistungen zwischen Unternehmen und ihren Kunden. Microsoft kann hierbei als weltweit einziges Unternehmen einen Trumpf ausspielen: sein Millionenheer von Windows-Anwendern. Als Verbindungsstelle zwischen Kunde und Anbieter möchte Microsoft künftig als Dienstleister an Transaktionen im Web mitverdienen.
Lizenz zum Gelddrucken
Gelockt werden sollen beide Seiten mit der Aussicht auf einfache und dennoch sichere Internet-Geschäfte. Die Windows-Anwender können einen "Internet-Pass" (Passport) bei Microsoft beantragen. Dieser Ausweis wird auf Servern bei Microsoft gespeichert, er enthält neben dem Namen, Anschrift, Geburtsdatum auch Kreditkarten und Kontoinformationen. Die Anbieterseite kann für ihre Internet-Geschäfte .Net-Anwendungen entwickeln und bei Microsoft anmelden. In diesen Geschäften gilt dann der Passport als Zahlungsmittel, womit für den Kunden das immer wiederkehrende Ausfüllen von Formularen entfällt. .Net ist jedoch auch eine neue Art Windows-Anwendungen zu programmieren, so dass sie sich über eine Internetverbindung starten und bedienen lassen. Bisher war das nur mit der von Sun entwickelten Programmiersprache Java möglich. Entsprechend harsch war die Reaktion von Sun: Microsoft bereite nach bewährtem Muster die Machtübernahme im Internet vor, prophezeite Sun-Chef Scott McNealy.
Mit .Net lassen sich Produkte und Dienstleistungen gleichermaßen über das Internet verkaufen. Ein Bündel solcher Services entwickelt Microsoft derzeit selbst. So können Passport-Inhaber ihre Termine und Mailverkehr über .Net-Dienste abwickeln. Erster Großkunde soll die Bank One werden. Das sechstgrößte US-Geldinstitut will in den kommenden drei Jahren rund 30 Mio. $ in entsprechende Dienste investieren. Ende Dezember locktem Microsoft Online-Kunden mit Rabatten bis zu 100 $ bei Online-Einkäufen, falls sie via Passport bezahlen würden.
Mittelfristig sieht sich Microsoft selbst als größten Passport-Kunden. Die von Steve Ballmer unlängst ausgegebene Losung ist klar: Der Verkauf von Software auf CD gegen einmalige Lizenzgebühr wird durch die Vermietung von Programmen im Abonnement ersetzt. Sollten .Net und das neue Lizenzmodell ein Erfolg werden, hat Microsoft sich selbst neu erfunden und wieder eine Lizenz zum Gelddrucken wie in den Jahren zuvor.
© 2001 Financial Times Deutschland