Gewinner der Krise


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Gewinner der Krise

 
09.10.01 23:19
Gewinner der Krise

Von Lucas Zeise, Frankfurt

Staatsanleihen sterben nicht aus, denn die Regierungen brauchen Geld für Konjunkturprogramme. Dennoch werden die Renditen vorerst noch weiter sinken - weil Firmen weniger investieren.

Krieg, Terror, Depression. Die schöne Welt der 90er Jahre ist vorbei. Seit dem 11. September ist nichts mehr, wie es war, sagen Politiker und Beobachter gleichermaßen. Aber sie vergessen, dass die Weltwirtschaft schon vorher in eine Konjunkturflaute geschlittert war. Nur die Worte Rezession, Deflation oder Depression waren geächtet - außer in einigen provokanten Kommentaren.

Die Regierung in Berlin hat das Vermeiden solch unschöner Bezeichnungen einige Wochen lang als ihren Beitrag zur Wirtschaftspolitik gesehen. Wenn man schon etwas Gutes an den Terroranschlägen in New York und Washington finden will, dann das: Die schlechte Verfassung der nationalen Volkswirtschaften wird jetzt weniger tabuisiert. Unternehmen und Regierungen haben die Anschläge dazu genutzt, außerhalb ihrer Macht stehende Ereignisse für ausbleibende Gewinne oder wieder steigende Arbeitslosigkeit verantwortlich zu machen. Die Europäische Zentralbank (EZB) war sogar so klug, die ohnehin fällige Reduktion ihrer Zinsen vorzuziehen und mit einem halben Prozentpunkt kräftig ausfallen zu lassen.

Was die Terroranschläge ökonomisch für Folgen haben, lässt sich in Wirklichkeit einfach nicht abschätzen. "Das ist momentan wie Kaffeesatzlesen", räumt der ob dieser Ehrlichkeit zu lobende Präsident der Deutschen Bundesbank, Ernst Welteke, ein. Dennoch hat Welteke als Mitglied des Europäischen Zentralbankrates die drastische Zinssenkung mit beschlossen. Wie die anderen Mitglieder des Gremiums erkannte er die Gunst der Stunde. Die Zinssenkung konnte als Ausnahmeereignis verkauft werden, ohne dass Anleger argwöhnen mussten, die EZB gehe von der alten Bundesbank-Politik ab, bei der die Inflationsbekämpfung in jedem Fall höchste Priorität besitzt.

Investoren erwarten rasche Besserung


Wenn man die langfristigen Kapitalmarktzinsen als Indikator für die Inflationserwartungen heranzieht, hat die Zinssenkung vom 17. September keinen solchen Argwohn erregt. Die Renditen zehnjähriger Bundesanleihen zogen in der Woche nach der Leitzinssenkung zwar zunächst geringfügig an, rutschten danach allerdings umso stärker wieder ab. Heute liegen die Kapitalmarktzinsen in Euroland mit knapp unter 4,7 Prozent nur geringfügig unter dem Niveau vom Jahreswechsel. Die Zinsen für kurze Laufzeiten sind dagegen im Zuge der schrittweisen Lockerung der Geldpolitik viel stärker gefallen. Die damit beträchtlich steiler gewordene Zinskurve signalisiert, dass Investoren eine rasche Besserung der konjunkturellen Situation erwarten. Sie signalisiert auch, dass die niedrigen Zinsen der Notenbanken nur eine vorübergehende Erscheinung sind, weil diese der Inflationsbekämpfung bald wieder mehr Aufmerksamkeit schenken müssen.

Der nur zaghafte Rückgang der langfristigen Zinsen signalisiert nicht zuletzt, dass die Staatsdefizite sich im Zuge der schwachen Konjunktur sukzessive erhöhen werden. Wie in vielen Dingen gehen auch hier die USA voran. Nach den Terroranschlägen verdoppelte der Kongress kurzerhand jene Summe, die die Regierung Bush besonders stark betroffenen Branchen zur Verfügung stellen wollte. Finanzminister Paul O’Neill erhöhte eine zur Konjunkturbelebung vorgesehene Finanzspritze von 55 auf 115 Mrd.$.

Die Diskussionen gehen schon lange nicht mehr darum, ob der Überschuss im US-Bundeshaushalt verschwindet - sondern nur noch wann und mit welcher Geschwindigkeit. Im vergangenen Jahr war das Lieblingsthema der Bond-Analysten die Frage, wann der US-Markt für Staatsanleihen mangels Angebot ganz austrocknen werde. Davon ist nicht mehr die Rede. Jetzt schätzt die US-Investmentbank Merrill Lynch im Gegenteil, dass sich das Volumen der neu aufgelegten Staatsanleihen in den Vereinigten Staaten im kommenden Fiskaljahr um 130 auf über 370 Mrd. $ erhöhen wird.

Bush will Konjunkturprogramme in Europa


Da Europa später von der Konjunkturschwäche erfasst wurde als Amerika, ist es verzeihlich, dass der Schwenk in der Fiskal- und Geldpolitik langsamer erfolgt. Aber er wird kommen. Die EZB hat bereits zögernd begonnen, die Zinsen zurückzunehmen. Weitere Zinssenkungen werden folgen. In den Hauptstädten der EU denkt man längst offen über Konjunkturprogramme nach. Zwar lehnten die Finanzminister der sieben größten Industriestaaten noch am letzten Wochenende bei ihrem Treffen in Washington ein koordiniertes Vorgehen zur Bekämpfung der Wachstumsschwäche ab. Gleichzeitig aber wurde deutlich, dass die USA auch von Europa eine expansive Geld- und Fiskalpolitik verlangen.

Eine höhere Staatsverschuldung zeichnet sich auf beiden Seiten des Atlantiks ab. Das damit einhergehende steigende Angebot an Staatsanleihen wird am Bond-Markt weiter für Irritationen sorgen. Es wäre jedoch verfehlt, daraus den Schluss zu ziehen, die Kapitalmarktzinsen müssten zwangsläufig steigen - und damit die eigentlich beabsichtigte Wirkung, die Belebung von Nachfrage und Investitionen, konterkarieren.

Denn den vermehrten Finanzierungswünschen der Staaten steht eine geringere Kreditaufnahme der Privaten gegenüber. Grund dafür ist die mangelnde Investitionsneigung angesichts der Krise. Außerdem ist reichlich Geld vorhanden, das in den Anleihemarkt drängt. Das starke Wachstum der Geldmenge in Europa und den USA zeigt, dass Geld vermehrt zu niedrigen Zinsen und kurzen Fristen geparkt wird.

Auf mittlere Sicht werden die Kapitalmarktzinsen daher noch weiter sinken. In den USA sind die Zehnjahresrenditen mit 4,5 Prozent heute um einen halben Punkt niedriger als zu Jahresbeginn. Und das geschah, obwohl die Schätzungen des Staatsdefizits drastisch nach oben revidiert worden sind. Die Furcht vor Inflation gibt es nicht mehr, wenn die Wirtschaftsflaute anhält und den Namen Depression verdient. Die Rentenmärkte diesseits und jenseits des Atlantiks haben eine große Zukunft noch vor sich.

ftd.


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mod:

endlich, Arbeiter wieder mit interessanten Infos,

 
09.10.01 23:31
danke
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