Horst Weissenfeld
Flüster-Zahlen im Internet
"Heute ist die Utopie vom Vormittag die Wirklichkeit vom Nachmittag."
Truman Capote, amerikanischer Schriftsteller (1924-1984)
Einstmals war es ein besonderes Privileg der VIP-Kunden, von ihren Brokern frühzeitig von Analysen zu erfahren. Im Informations-Zeitalter steht dieses Privileg jedermann mit PC und Telefonanschluß offen. Im Internet-Zeitalter sind die an der Wall Street umlaufenden Gerüchte über die bevorstehenden Quartalsergebnisse der Unternehmen zum wichtigsten Einflußfaktor der Börsenkurse geworden. Tausende von Analysten geben ihre Gewinnerwartungen bekannt. An der Wall Street wird jedes Unternehmen an diesen Konsensuserwartungen gemessen. Viele Anleger greifen auf umlaufende Gewinnprognosen und Gerüchte zurück, da keine Daten verfügbar sind. Zahlreiche Studien haben aber ergeben, daß die Prognosen sehr ungenau sind, mit Prognosefehlern von teilweise 40%.
Die großen Unternehmen stehen bisher fest zu den Wall Street-Analysten. Sie tragen dazu bei, mit niedrigen Gewinnschätzungen die Erwartungen niedrig zu halten. Wenn der Termin für die Veröffentlichung der Quartalszahlen näher rückt, machen viele Unternehmen Druck auf die Analysten der Investmenthäuser, damit diese ihre Gewinnerwartungen im Vorfeld der Bekanntgabe senken. Die Unternehmen reden ihre Aussichten herunter, und die Analysten wiederholen, was ihnen die Konzerne sagen. Die Analysten tragen aber auf zwei Schultern. Den großen Kunden, Investmentfonds und Pensionsfonds, nennen sie ehrlichere und damit höhere Zahlen.
Erzielt ein Unternehmen höhere Gewinne als erwartet, hat das positive Auswirkungen auf den Kurs. Ziel ist es, den Markt mit positiven Zahlen zu überraschen und damit der eigenen Aktie Auftrieb zu geben: "Viele Analysten stecken mit den Gesellschaften unter einer Decke. Sie spüren den Druck der Unternehmen, die ja auch Kunden der Investmentbanken sind", beschreibt Kelly Black, Vorstandschefin des Internetdienstes Streetiq.com.
Kleinere Analysten-Unternehmen, wie EarnigsWhispers.com, bringen Bewegung in dieses Spiel mit gezinkten Karten. Die Web-Analysten wissen, was alle wissen. Sie nehmen die Zahlen, die mehr oder weniger von den Unternehmen vorgegeben wurden, und peppen sie auf. Da die Zahlen der Web-Analysten zuverlässiger sind als die der Wall Street-Analysten, braucht sich der Investor nur in das Internet einzuklinken.
Studien zeigen, daß es sich lohnt, auf Gerüchte zu hören. Die Professorin Susan Watts von der Krannert School of Management der Purdue University in Indiana untersuchte die Flüsterzahlen ("Whisper Numbers"): "Die Analystenprognosen sind in der Tendenz durchweg zu pessimistisch, die Gerüchte sind zu optimistisch, aber sie liegen viel dichter am tatsächlichen Gewinn." Daraus entwickelte Professorin Susan Watts eine Anlagestrategie: Sind die Gewinnschätzungen in der Gerüchteküche höher als die Konsensuserwartungen, dann sollten die Aktien 5 Tage vor Bekanntgabe der Zahlen gekauft und rechtzeitig wieder verkauft werden. Mit dieser Strategie kann der Anleger den Index aushebeln. Auch der längerfristige Investor, der solche Kurzfrist-Spekulationen nicht liebt, fährt mit der Strategie erfolgreich: "Das Resultat zeigt, daß der Aktienkurs sich an den Gerüchten ausrichtet und nicht umgekehrt", hat Professorin Watts herausgefunden.
Horst Weissenfeld
03.07.2001
Flüster-Zahlen im Internet
"Heute ist die Utopie vom Vormittag die Wirklichkeit vom Nachmittag."
Truman Capote, amerikanischer Schriftsteller (1924-1984)
Einstmals war es ein besonderes Privileg der VIP-Kunden, von ihren Brokern frühzeitig von Analysen zu erfahren. Im Informations-Zeitalter steht dieses Privileg jedermann mit PC und Telefonanschluß offen. Im Internet-Zeitalter sind die an der Wall Street umlaufenden Gerüchte über die bevorstehenden Quartalsergebnisse der Unternehmen zum wichtigsten Einflußfaktor der Börsenkurse geworden. Tausende von Analysten geben ihre Gewinnerwartungen bekannt. An der Wall Street wird jedes Unternehmen an diesen Konsensuserwartungen gemessen. Viele Anleger greifen auf umlaufende Gewinnprognosen und Gerüchte zurück, da keine Daten verfügbar sind. Zahlreiche Studien haben aber ergeben, daß die Prognosen sehr ungenau sind, mit Prognosefehlern von teilweise 40%.
Die großen Unternehmen stehen bisher fest zu den Wall Street-Analysten. Sie tragen dazu bei, mit niedrigen Gewinnschätzungen die Erwartungen niedrig zu halten. Wenn der Termin für die Veröffentlichung der Quartalszahlen näher rückt, machen viele Unternehmen Druck auf die Analysten der Investmenthäuser, damit diese ihre Gewinnerwartungen im Vorfeld der Bekanntgabe senken. Die Unternehmen reden ihre Aussichten herunter, und die Analysten wiederholen, was ihnen die Konzerne sagen. Die Analysten tragen aber auf zwei Schultern. Den großen Kunden, Investmentfonds und Pensionsfonds, nennen sie ehrlichere und damit höhere Zahlen.
Erzielt ein Unternehmen höhere Gewinne als erwartet, hat das positive Auswirkungen auf den Kurs. Ziel ist es, den Markt mit positiven Zahlen zu überraschen und damit der eigenen Aktie Auftrieb zu geben: "Viele Analysten stecken mit den Gesellschaften unter einer Decke. Sie spüren den Druck der Unternehmen, die ja auch Kunden der Investmentbanken sind", beschreibt Kelly Black, Vorstandschefin des Internetdienstes Streetiq.com.
Kleinere Analysten-Unternehmen, wie EarnigsWhispers.com, bringen Bewegung in dieses Spiel mit gezinkten Karten. Die Web-Analysten wissen, was alle wissen. Sie nehmen die Zahlen, die mehr oder weniger von den Unternehmen vorgegeben wurden, und peppen sie auf. Da die Zahlen der Web-Analysten zuverlässiger sind als die der Wall Street-Analysten, braucht sich der Investor nur in das Internet einzuklinken.
Studien zeigen, daß es sich lohnt, auf Gerüchte zu hören. Die Professorin Susan Watts von der Krannert School of Management der Purdue University in Indiana untersuchte die Flüsterzahlen ("Whisper Numbers"): "Die Analystenprognosen sind in der Tendenz durchweg zu pessimistisch, die Gerüchte sind zu optimistisch, aber sie liegen viel dichter am tatsächlichen Gewinn." Daraus entwickelte Professorin Susan Watts eine Anlagestrategie: Sind die Gewinnschätzungen in der Gerüchteküche höher als die Konsensuserwartungen, dann sollten die Aktien 5 Tage vor Bekanntgabe der Zahlen gekauft und rechtzeitig wieder verkauft werden. Mit dieser Strategie kann der Anleger den Index aushebeln. Auch der längerfristige Investor, der solche Kurzfrist-Spekulationen nicht liebt, fährt mit der Strategie erfolgreich: "Das Resultat zeigt, daß der Aktienkurs sich an den Gerüchten ausrichtet und nicht umgekehrt", hat Professorin Watts herausgefunden.
Horst Weissenfeld
03.07.2001