Es wird uns schlechter gehen

Beiträge: 19
Zugriffe: 1.235 / Heute: 1
Es wird uns schlechter gehen kalle4712
kalle4712:

Es wird uns schlechter gehen

 
17.11.02 10:58
#1
(Beitrag aus der WamS: Herr von Weizsäcker äußert sich emotionslos und realistisch)

Carl Christian von Weizsäcker über die deutsche Misere, das wirtschaftspolitische Chaos von Rot-Grün und die trübe Zukunft dieses Landes - Interview
WELT am SONNTAG: Herr von Weizsäcker, höhere Steuern und Sozialabgaben bei geringem Wachstum. Mehr Arbeitslose und Riesenlöcher in den öffentlichen Kassen. Ökonomen schlagen vor Entsetzen die Hände über dem Kopf zusammen. Können Sie noch ein Konzept erkennen?

Carl Christian von Weizsäcker: Das, was die Schröder-Regierung derzeit tut, ist eine Ansammlung von Notmaßnahmen. Die werden jetzt ergriffen, weil die wahren Probleme nicht angefasst werden. Die Koalition versucht, den gegenwärtigen Status, der sich durch die schlechte Finanzlage allmählich als unhaltbar erweist, noch durch einige Flickmaßnahmen aufrechtzuerhalten. Aber das ist natürlich keine langfristige Perspektive und damit auch kein Konzept.

WamS: Flickschusterei ist nicht gerade das, was man von einer frisch ins Amt gewählten Regierung erwartet. Wo ist der Dritte Weg, wo die Neue Mitte? Sind die Herren der Regierung nicht nur konzeptlos, sondern auch ahnungslos bei dem, was sie derzeit anrichten?

Von Weizsäcker: Das, was wir erleben, entspricht sozialdemokratischen Vorstellungen, nämlich ein hoher Staatsanteil, insbesondere im Sinne dessen, was man das Soziale nennt. Wir leben in diesem Land mittlerweile mit einer Staatstätigkeit, die nicht mehr finanzierbar ist. Der Staat redet überall rein. Diese Programmatik hat sich in Deutschland durchgesetzt. Und jede Änderung daran wäre aus dieser sozialdemokratischen Perspektive nur ein Rückschritt.

WamS: Das ist doch die Rhetorik der Linken. Schröder galt einst als Genosse der Bosse ...

Von Weizsäcker: Man muss sich eines ganz klar machen: Die SPD und die Gewerkschaften finden das gut und richtig, wie wir leben. Wir haben einen komfortabel ausgebauten Wohlfahrtsstaat. Wir haben eine Arbeitsmarktverfassung, die den Gewerkschaften passt - da ist die Regierung weit davon entfernt, mit großem Feuereifer Reformen anpacken zu wollen. Deshalb ist die Koalitionsvereinbarung auch so entsetzlich langweilig zu lesen.

WamS: Noch mal. Sie sprechen von der SPD. Was ist mit dem "modernen Kanzler Schröder"?

Von Weizsäcker: Gerhard Schröder hat sich davon verabschiedet. Natürlich weiß er, dass es so nicht weitergehen kann. Aber er will sich die Hände nicht schmutzig machen mit schmerzhaften Maßnahmen. Da setzt er lieber Kommissionen ein, wie jetzt die zur Reform der Renten- und Krankenversicherung unter Bert Rürup, damit er die Verantwortung für unpopuläre Entscheidungen abladen kann.

WamS: Kann man einen Industriestaat wie Deutschland von Kommissionen regieren lassen?

Von Weizsäcker: Es ist offenbar Schröders Idee von Politik, große Runden diskutieren und sich auf ein Reformkonzept einigen zu lassen. Er hat das mit dem Bündnis für Arbeit probiert, das gescheitert ist. Jetzt versucht er es auf dem Kommissionsweg. Den Stier selbst bei den Hörnern zu packen, das traut er sich nicht.

WamS: Sie beobachten diese Republik schon seit langem. Haben Sie jemals eine Phase erlebt, in der weder Regierung noch Opposition eine Idee hatten, wie es weitergehen soll?

Von Weizsäcker: Nein. Die Parteien wollen Wahlen gewinnen. Da ständig Wahlkampf ist, vermeiden die Parteien den Streit mit den Interessenverbänden. Das gilt auch für die Union. Sie ist jetzt wohl der Meinung, dass es besser ist, möglichst wenig davon zu reden, was da an unpopulären Maßnahmen auf uns zukommt, weil sie im Februar in Hessen und Niedersachsen die Wahlen gewinnen will.

WamS: Wollen die Deutschen unfähige Politiker?

Von Weizsäcker: Sicher nicht. Ich denke, es gibt eine ganze Menge von Leuten im Land, die wissen, dass es so nicht weitergehen kann, und die auch bereit wären, massive Einschränkungen auf sich zu nehmen. Der durchschnittliche Handwerksmeister und das durchschnittliche Gewerkschaftsmitglied sind durchaus vernünftige Leute. Aber die Vernunft, die beim Einzelnen da ist, verpufft in den Verbänden, weil die gegen jede Veränderung kämpfen. Jeder gute Krankenhaus-Manager weiß, dass wir eigentlich jedes zweite Krankenhaus im Land schließen könnten, aber die Verbände setzen durch, dass kein einziges geschlossen wird.

WamS: Die Lobbyisten drücken nur ihre Partikularinteressen durch. Die Parteien saugen diese nur gierig auf - wo driftet Deutschland in diesem Vakuum hin?

Von Weizsäcker: Politik ist wichtig, aber sie ist nicht das Wichtigste im Leben. Es werden Selbstkorrekturmechanismen in Gang kommen, nicht so sehr durch die Politik, sondern indem man einfach Vorschriften ignoriert. Die Schwarzarbeit wird sich ausdehnen, und man wird einfach trotz entgegenlaufender Bestimmungen der Gewerbeaufsicht Betriebe aufrechterhalten. In den mediterranen Ländern funktioniert das seit langem. Das wird auch bei uns kommen. Wenn der Staat sich nicht zurücknimmt, gleiten die Bürger durch zunehmende Missachtung der Gesetze und der Tarifverträge allmählich dem Staatsapparat und den Gewerkschaften aus den Händen.

WamS: Wo wird Deutschland 2006 nach noch mal vier Jahren Schröder stehen?

Von Weizsäcker: Es wird uns schlechter gehen als jetzt. Das ist sicher. Aber wir müssen gar nicht so weit vorgreifen. Wenn wir nichts tun, werden wir sehr viel schneller als 2006 in einer krisenhaften Situation sein. Die Kapitalmärkte werden sich von Deutschland abwenden. Kein Fonds in London investiert noch in deutsche Aktien. Und wenn sich in der Welt erst einmal herumspricht, dass die Stadt Berlin pleite ist und nur durch den Bund gerettet werden könnte, dass aber Herr Eichel noch nicht mal das Geld hat, Berlin zu retten, dann wird man sich fragen, ob man Deutschland eigentlich noch Geld leihen möchte. Das "Rating" für Bundesanleihen verschlechtert sich. Dann müssen Bund, Länder und Gemeinden höhere Zinsen zahlen. Dann setzt eine Spirale nach unten ein, an deren Ende die Regierung vielleicht doch gegen den Widerstand der Gewerkschaften die nötigen Reformen durchsetzen kann.

WamS: Wir sind doch schon ganz schön weit unten auf der Spirale.

Von Weizsäcker: Die Lage war seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs noch nie so kritisch wie jetzt, aber ich bin trotzdem optimistisch.

WamS: Na ...?

Von Weizsäcker: China zum Beispiel wird in 30 Jahren ein reiches Land sein und Deutschland überholen. Das Gleiche gilt für Indien. Die USA sind dann immer noch das reichste Land der Welt. Unser Lebensstandard wird nicht weitersteigen. Die Löhne werden sinken ...

WamS: Wo sehen Sie da Optimismus?

Von Weizsäcker: Wir können vom Reichtum der anderen profitieren. Die Chinesen und Inder kommen dann hierher und besichtigen den Kölner Dom oder den Reichstag in Berlin, und wir sind dann Reiseführer, wenn wir schon keine Maschinen mehr verkaufen können, weil unser Bildungssystem nicht funktioniert und ehrgeizige deutsche Ingenieure wettbewerbsfähige Innovationen im Ausland hervorbringen. Deutschland wird durch die Globalisierung gehalten werden. Die Weltwirtschaft wird sehr gut laufen. In deren Schatten leben wir dann ohne Ehrgeiz, bedeutungslos, gastfreundlich, aber nicht unglücklich.

Das Gespräch führte Sonja Banze.
Es wird uns schlechter gehen gut-buy
gut-buy:

kalle eine Bitte :

 
17.11.02 11:08
#2
bevor du wieder ellenlange Artikel irgendwo rauskopierst,
schreibst du eine kurze Zusammenfassung und den Link dazu.

Es ist eine Seuche bei ariva, dass viele irgendwelche
Artikel in irgendwelchen Zeitungen für wichtig halten
und hier einstellen.

Ein paar eigen Gedanken solltest du dir schon auch machen.


Es wird uns schlechter gehen Kalif
Kalif:

Deutschland wird es sehr schlecht gehen!

 
17.11.02 11:18
#3
Viele Unternehmen verlegen den Sitz ins Ausland.
Die Wahl wurde hochgepuscht mit Penauts. Was sind 1-2 Milliarden Hochwasserschäden gegen 10-12 Milliarden EU -Strafe?. 20-30 Milliarden ....
Es wird uns schlechter gehen kalle4712
kalle4712:

@ gut-buy und kalif

 
17.11.02 12:37
#4
kalif: korrekt

gut-buy: Da hast Du ja eigentlich absolut recht. Allerdings bist Du bei mir wohl an der falschen Adresse: Es ist so ziemlich das allererste mal, dass ich einen Artikel kopiert und hier reingestellt habe. Da sind andere Arivaner tausendmal schlimmer als ich (denk z.B. an Happy End).

Außerdem ist der Artikel m.E. sehr gelungen. Ich hätte es (wenn die Zusammenhänge nicht verlorengehen sollen) kaum viel kürzer zusammenschreiben können.

Gruß
Kalle
Es wird uns schlechter gehen mod
mod:

aber kalle, Dein

 
17.11.02 12:42
#5
Vorgehen ist ok., danke.

Die Meinung des SPD-Mitglieds v.W. ist
schon bedeutsamer als ein Aufguss
oder Deine Meinung. ;-))

Viele Grüsse
m.
Es wird uns schlechter gehen mikelandau
mikelandau:

@kalle4712

 
17.11.02 12:49
#6
danke für den sehr aufschlußreichen artikel...

v. w. spricht vielen aus der seele..er hat es klar erkannt und präzise formuliert..
Es wird uns schlechter gehen kalle4712
kalle4712:

up für alle, die im Wochenende waren o. T.

 
18.11.02 11:47
#7
Es wird uns schlechter gehen jack303
jack303:

sehr informativer artikel, weiter so

 
18.11.02 12:00
#8
uf wiedrluagn jack

Es wird uns schlechter gehen 855624
Der ARIVA.DE Newsletter
Bleiben Sie informiert mit dem
wöchentlichen Marktüberblick
von ARIVA.DE!
E-Mail-Adresse
Ich möchte Benachrichtigungen von ARIVA.DE erhalten.
Ja, ich habe die Datenschutzhinweise gelesen und akzeptiert (Pflichtfeld).
Es wird uns schlechter gehen alapa01
alapa01:

oh hätte der doch nur die Ahnung seines Bruders

 
18.11.02 12:31
#9
"Die USA sind dann immer noch das reichste Land der Welt. " - habe ich das richtig verstanden ? Was ist mit dem riesigem Handelsbilanzdefizit ? Nur weil man das Geld ausgibt, heißt es ja noch nicht, das man es auch hat. Was ist mit der immensen Verschuldung der privaten Haushalte ?

"wenn wir schon keine Maschinen mehr verkaufen können, weil unser Bildungssystem nicht funktioniert und ehrgeizige deutsche Ingenieure wettbewerbsfähige Innovationen im Ausland hervorbringen" - aha, dann sind wohl die Verkaufszahlen unserer Autobauer wohl alles Makulatur, Airbus verkauft auch nix und unser doch recht starker Mittelstand steht kurz vor der Auflösung, weil hier keiner was drauf hat.

"China zum Beispiel wird in 30 Jahren ein reiches Land sein und Deutschland überholen. Das Gleiche gilt für Indien." - Kommt mir das bekannt vor ? Ach ja, Japan sollte ja schon mal wirtschaflich die Weltmacht an sich reissen: Europa und USA nur noch Vasallen der übermächtigen Japaner

China hat mehr als eine Leiche im Keller liegen: Komplett marode Staatsunternehmen, die bei fehlender Unterstützung zu einigen zich Millionen Arbeitslosen führen würden. Außerhalb der Wirtschaftssonderzonen ist auch eher Mittelalter. Und die Inder ? Hmm, die werden erst im Gesamten zur wirtschaftlichen Macht, wenn sie den Hinduismus über Bord werfen. Aber warum sollten sie das tun ? Um sich hier den "Kölner Dom anzuschauen" ?

Für mich wieder ein Beispiel, wo Leute mit "großem Namen" wieder sich eindeutig selbst überschätzen. Er ist halt doch "nur" ein Physiker und Philosoph.

Zu den anderen Sachen äußer ich mal mich nicht; muß ja heute noch was Produktives tun. ;-)
Es wird uns schlechter gehen mod
mod:

Irrtum, Euer Ehren, der

 
18.11.02 12:46
#10
ist Prof. für Wirtschaftspolitik und
das schon mit 27 Jahren.

Der Philosoph und Physiker sein Vater;
der Bruder von Richard.
Es wird uns schlechter gehen mod
mod:

Nur mal so ein kleiner Gedanke, alapa01

 
18.11.02 12:50
#11
Ich könnte fast das ganze Posting auseinandernehmen,
aber was solls.

Die Handelsbilanz als Teilbilanz der Zahlungsbilanz
erfasst Zahlungsströme, die mit der Vermögensbilanz
einer Nation als Bestandsgrösse nicht unbedingt
korreliert sein muss.
Usw., usw.
Es wird uns schlechter gehen BRAD PIT
BRAD PIT:

Eine Showbühne jagt die nächste.

 
18.11.02 13:21
#12
Es fing schon mit dem sog. "Bündnis für Arbeit" an. Da konnte man schon die Tendenz erkennen. Die lautet heute so:

"Wir tun mal so, als würden wir was tun". Gr0ße Laberrunden und das Volk wird unterhalten.  
Es wird uns schlechter gehen mod
mod:

stimmt, Brad Bit. Leider

 
18.11.02 13:34
#13
fehlt der wirtschaftliche Sachverstand.
Jeder, der mal selbständig war oder in
verantwortlicher Position (kann schon
ein Sachbearbeiter sein), hat mehr davon.

Viele Grüsse
m.
Es wird uns schlechter gehen maxperformance
maxperforma.:

der Artikel trifft es ganz gut

 
18.11.02 13:44
#14
Grüne Vernunft, rote Irrlehren

Von Christoph Keese

Angesichts der dramatische Schieflage der deutschen Wirtschaft versagt die SPD beim Aussprechen ökonomischer Wahrheiten. Nur die Grünen haben verstanden.

Von Woche zu Woche wird klarer, wer die wahre Reformkraft im Lande ist. Es sind die Grünen. Sie haben die richtigen Lektionen aus der Niederlage gelernt, die sie beim Streit mit Kanzler Gerhard Schröder um die Rentenerhöhung erlitten haben. Lektion Nummer ein: Der politische Instinkt des Kanzlers ist nicht untrüglich. Schröder hatte prognostiziert, die Rentner würden keinen Verzicht leisten und der Koalition bei den nächsten Landtagswahlen eine Niederlage zufügen, wenn die Rentenerhöhung nicht sofort beschlossen wird. Eine Fehleinschätzung: Laut jüngstem "ZDF-Politbarometer" der Forschungsgruppe Wahlen sind 50 Prozent der Rentner für eine Verschiebung der Erhöhung.
Lektion Nummer zwei: Die Grünen sind nicht nur eine Ökopax-Partei, sondern auch eine Partei der ökonomischen Vernunft. Seit Beginn der Friedens- und Umweltbewegung haben Grüne Firmen gegründet, um Alternativen am praktischen Beispiel vorzuleben. Diese Betriebe mussten meist ohne Subventionen auskommen. Wenn sie nicht scharf kalkulierten, gingen sie unter. Projekte wie die "tageszeitung" überlebten jahrelang durch Kreativität und fast ohne Kapital; zahlreiche Alternativ-Betriebe sind heute profitabel. In dieser Gründerkultur haben die Grünen ihre Wurzeln. Sie wissen: Geld, das man nicht verdient, kann man nicht ausgeben.

Lektion Nummer drei: Mit dem Aussprechen ökonomischer Wahrheiten können die Grünen Punkte bei vielen Bürgern machen, die das Schönreden und Gesundbeten anderer Politiker nicht mehr ertragen. Der Reformhunger ist groß geworden, die Opferbereitschaft wächst. Derzeit greifen nur die Grünen diese Stimmung auf. Nachdem Schröders Instinkte so erkennbar versagt haben, gewinnen sie neues Selbstbewusstsein und räumen offen ein, dass es ein Fehler war, dem Kanzler nachzugeben. Parteichef Fritz Kuhn hat das am Wochenende deutlich gesagt.

Wahrheiten aus der Fraktion

 
AP

Vorschläge ohne Rücksicht auf die Lobbys: Grünen-Fraktionsvorsitzende Göring-Eckhardt


Erstaunlich viel Statur hat die neue Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckhardt gewonnen. Sie fordert jetzt völlig zu Recht, dass künftig auch Beamte in die Rentenkasse einzahlen sollten. Sie bezweifelt, dass Staatsdiener beamtet werden müssen, wenn sie keine hoheitlichen Aufgaben ausüben. Einen späteren Eintritt in die Rente will sie überdenken. Und für Minister und Staatssekretäre verlangt sie ein Ende der Doppelversorgung durch Parlament und Regierung. All das sind neue Töne - unpopulär bei den Betroffenen, aber vernünftig in den Ohren aller anderen. Wer etwas ändern will, darf die Reform nicht vom Beifall der Reformierten abhängig machen. Die Grünen haben das verstanden, werfen alte Konzepte über Bord und riskieren einen Konflikt mit Interessengruppen.

Ganz anders die SPD. Wenn Sozialdemokraten eine Reform angehen, berufen sie gerne Experten wie den Wirtschaftsprofessor Bert Rürup und übertragen ihm ein komplexes Problem - wie die Sanierung des Renten- und Gesundheitssystems. Der Experte referiert dann den Stand der Wissenschaft, und die Sozialdemokraten prüfen, ob das zu ihrem Dogma passt. Falls nicht, schneiden sie ihm das Wort ab und verordnen Denkverbote.

Bestreiten der Forschungsergebnisse

Genau das musste Rürup vergangene Woche erleben. Er trug die ökonomische Binsenweisheit vor, dass die Rente nur zu retten ist, wenn künftig alle länger arbeiten und die heutigen Pensionäre etwas Verzicht üben. Prompt bezweifelten führende Mitglieder der SPD-Fraktion Rürups Eignung als Chef der Reformkommission. Traditionelle Sozialdemokraten haben ein Problem mit der empirischen Wissenschaft. Oftmals bestreiten sie das Ergebnis der Forschung und pochen auf ihr Dogma.

Besonders von einem Glaubenssatz möchten die linke SPD und große Teile der Gewerkschaften nicht lassen: dass die Summe der Arbeit in einer Volkswirtschaft feststehe und nur fair auf alle Arbeitswilligen verteilt werden müsse. Kein anderer Irrglaube richtet so großen Schaden an wie dieser. Beschäftigung ist das Ergebnis einer makroökonomischen Funktion und damit flexibel. Wenn man die Parameter richtig einstellt, ist Vollbeschäftigung auch in Deutschland jederzeit möglich. Diese Erkenntnis blendet die traditionelle Sozialdemokratie so hartnäckig aus wie fundamentalistische Christen die Evolution.

Jüngstes Beispiel: SPD-Fraktionschef Franz Müntefering, Sozialministerin Ulla Schmidt und Familienministerin Renate Schmidt lehnen eine Erhöhung des Rentenalters kategorisch ab. "Jetzt, bei hoher Arbeitslosigkeit, ist dafür der falsche Zeitpunkt", sagen sie zur Begründung. Nach ihrem Verständnis nehmen alte Leute den jungen die wenigen Jobs weg, wenn das Rentenalter steigt. Auch darin steckt die Annahme einer fixen Beschäftigungsmenge. Das Weltbild dieser Politiker ist nicht dynamisch. Sie verstehen nicht, dass eine Volkswirtschaft auf einen Wachstumspfad geraten kann, wenn mehr Menschen arbeiten. Beschäftigung kann Wachstum bringen, nicht nur umgekehrt.

Ein Aufschwung kann sich selbst tragen und die Gesellschaft wie von Zauberhand wohlhabender machen. Solange die linke SPD und Gewerkschaften ihre ökonomischen Irrlehren in der Praxis ausprobieren dürfen und sich von keiner Falsifizierung belehren lassen, wird die SPD das Land nicht aus der Krise führen. Die Grünen sind damit die Kraft, auf die es ankommt. Sie müssen Kontra geben und für die Vernunft kämpfen. Ohne sie ist Rot-Grün verloren.

Christoph Keese ist Chefredakteur der "Financial Times Deutschland"
Es wird uns schlechter gehen calexa
calexa:

Super Artikel in diesem Thread

 
18.11.02 14:29
#15
@ kalle

Stell ruhig weiter solche Artikel rein. Hier wird soetwas gebraucht. Ignorier einfach die Kritiker...;-)

So long,
Calexa
www.investorweb.de
Es wird uns schlechter gehen n1608
n1608:

@maxperformance - hervorragender Beitrag

 
18.11.02 14:45
#16
der das aktuelle dilemma anschaulich verdeutlicht!
Es wird uns schlechter gehen MaMoe
MaMoe:

Ich habe am Sa. mal wieder "braver Sohn" gespielt

 
18.11.02 14:55
#17
und an einer Familienfeier teilgenommen, bei der unter anderem 6 Fondsmanager für Großinvestoren beteiligt waren ... 3 davon legen Gelder u.a. für die Rentenversicherungskassen an ... diese 3 treffen sich entsprechend den Vorgaben nun alle 6 Wochen mit den "Vorständen", um die Strategie für die kommenden 6 Monate festzulegen ... unter anderem unterhält man sich dabei auch über andere Dinge ... und so hat mich der Grundtenor aller 3 etwas überrascht: Zitat von einem ziemlich "hohen Tier" der Sozialversicherungsträger: "die Erhöhung des Rentensatzes auf 19,5 % ist reine Makulatur: selbst eine Erhöhung auf über 80% würde uns nicht retten (...) der absolute Zusammenbruch mit Zahlungsunfähigkeit der Rentenkassen wird in 12 Jahren Wirklichkeit sein (...) es ist vollkommen gleich, um wieviele Prozentpunkte noch erhöht wird, denn dieses Sache ist ein für alle mal gelaufen ..."

Das hat mich etwas erstaunt, wie gesagt ... aber je ehr, je besser ... es wird Zeit zu Einschnitten ... scheint, als würden die Herren doch besser die Zukunft planen, als manch andere Anleger ...

ich weiss nicht, ob ich traurig sein soll, oder doch ehr lachen, denn ich zahl nix ein in die Rentenkasse ...
MaMoe ....
Es wird uns schlechter gehen BRAD PIT
BRAD PIT:

@Mamoe

 
18.11.02 15:00
#18
Das mit 80% Erhöhung kann hinkommen.
Man wird aber auch Probleme bekommen, ohne je Rentenbeiträge gezahlt zu haben, denn der Staat wird alle auf die verschiedensten Weise zur Kasse bitten.
Es wird uns schlechter gehen MaMoe

@BradPit: ich zähle die Ökosteuer auch als Renten-

 
#19
kassenbeitrag ... insofern hast du recht: ich habe doch bereits was eingezahlt ... aber euch sollte jeder Cent bitter weh tun, der abgezogen wird, denn davon seht ihr Nichts mehr ...
Und das hat mich doch etwas stutzig gemacht ...

Im übrigen muss es: "alle 6 Monate" und nicht "6 Wochen" heissen ...
und ich hasse Familienfeiern, denn dann kriegt man mal wieder gezeigt, dass man es im Grunde im Vergleich mit den anderen zu nix gebracht hat ...
Aber da stehn wird och drüber, oder ??
;-))
MaMoe ...


Börsenforum - Gesamtforum - Antwort einfügen - zum ersten Beitrag springen
--button_text--