He, Sie da! - Ja genau Sie meine ich!
Sie haben sich doch bestimmt schon mal gefragt, wo all die tollen Ideen herkommen, mit denen andere Leute tagtäglich Millionen scheffeln, während Sie sich ständig fragen müssen, ob Ihnen das Finanzamt überhaupt noch genug Geld übrig lässt, um die Müllgebühren, die Schulbücher Ihrer Kinder oder die Zuzahlung beim Zahnersatz berappen zu können.
Tjaaa, so was ist natürlich nicht ganz einfach. Da gehört schon ordentlich was zu. Ich meine, da könnte ja jeder kommen, sich mal eben - hopplahopp - ein "Steuervergünstigungs- Abbaugesetz" ausdenken und damit schlanke vier Milliarden einstreichen! Sooo einfach geht's nicht.
Da muss man schon etwas mehr in der Birne haben.
Andererseits muss man natürlich auch offen zugeben, dass die großen Ideen auf dieser Welt doch eher dünne gesät sind. Es ist nun mal nicht jedem gegeben, sich einen Klettverschluss, den Gewerbesteuerhebesatz, das Schwarzpulver oder das perforierte Klopapier auszudenken. So richtig tolle Genieblitze bleiben die Ausnahme.
Also gilt das alte Sprichwort, dass da, wo die Inspiration nicht ausreicht, die Transpiration herhalten muss. Soll heißen, wenn man schon selbst keine Idee hat, dann sucht man sich eine und dreht die so lange durchs Mühlchen, bis sie irgendwie neu aussieht.
Zum Beispiel das mit dem Superstars: Besonders neu ist das nicht. Superstars werden irgendwie ständig gesucht und das seit Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten: Es gibt Misswahlen, Oskarverleihungen, Bestsellerlisten, die Royal Society, die Académie française oder den index librorum prohibitorum. Wer es in diese erlauchten Zirkel schafft, ist berühmt und erfolgreich. Und offenbar haben auch diejenigen, die diese Institutionen betreiben, ausgesorgt.
Einziger Nachteil: Wer in diese Kreise aufrücken will, muss schon was geleistet haben - eine neue Konjugation erfinden, ein Buch schreiben, ein Naturgesetz verabschieden, eine Brustvergrößerung und all so Zeugs eben.
Das schränkt naturgemäß den Kandidatenkreis drastisch ein. Und damit auch die Gewinnchancen der Betreiber dieser Veranstaltungen. Also hat irgendwer die grundlegende Idee so lange durchs Mühlchen gedreht, bis dabei etwas hinreichend Neues herauskam: Man sucht sich irgendwelche Nobodys (die findet man, wenn man einen modrigen Stein umdreht), führt sie einem großen Publikum vor und behauptet einfach, am Ende käme dabei ein neuer Superstar raus.
Nicht dass Sie jetzt glauben, ich würde diese Veranstaltung selbst verfolgen. Weit gefehlt. Mein Leben ist zu kurz zum Fernsehen. Dennoch kaufe ich mir ab und zu mal eine Zeitung und ein paar Zigarren und kann dabei nicht umhin, auch die dicken Schlagzeilen der dünnen Blättchen zur Kenntnis zu nehmen. So weit ich das also mitbekomme, scheinen die Betreiber der Veranstaltung die sprichwörtlichen Millionen zu scheffeln, und das Publikum scheint sich auch nicht weiter daran zu stören, dass die telegene Suche bislang zwar keinen Superstar, wohl aber jede Menge kleiner Arschlöcher zu Tage gefördert hat.
Sie sehen: Das funktioniert also.
Daher möchte ich Sie schon jetzt auf ein Spitzenprodukt des Deutschen Fernsehens hinweisen, das nach exakt diesem Muster gestrickt ist und ganz bestimmt sofort in Produktion gehen wird, so wie sich dieser Text etwas herumgesprochen hat. (Der schönen Form halber mache ich Sie darauf aufmerksam, dass ich das Urheberrecht für die folgenden Ausführungen in Anspruch nehme.)
Sie erinnern sich doch bestimmt an diese Fernseh- Dokumentation, die vor ein paar Wochen die Nation in Atem hielt: "Schwarzwaldhof 1902" - oder so ähnlich. Die hab sogar ich gesehen.
Dabei ging es um eine vormals unbescholtene Berliner Familie, die es freiwillig auf sich nahm, einige Monate in einem Bauernhof im Schwarzwald zu leben - und zwar unter den möglichst exakten Bedingungen des Jahres 1902.
Doch, das hatte was. Ich finde, aus der Idee lässt sich was machen. Natürlich wäre es ganz nett, wenn man auf die ganzen negativen Details verzichten könnte: Also das Hühnerschlachten, die Geschichte mit dem Bruchband, die harte Arbeit, das Schweineverkaufen, die ganze Kuhkacke und so. Also ist Mühlchendrehen angesagt.
Wie wäre es also, wenn man die ganze Geschichte nicht im Jahr 1902 spielen lässt, sondern sagen wir mal im Jahr 2000? Damit hat man sich schon mal jede Menge Unannehmlichkeiten erspart. Wenn wir jetzt noch auf den Einödhof im Schwarzwald verzichten, haben wir eine völlig neue Idee. Allerdings fehlt dann doch irgendwie das Exotische, gelle?
Also suchen wir uns jetzt eine Situation, die im Jahr 2000 spielen kann und dennoch weit genug von unserer Alltagswirklichkeit entfernt ist, um ein Milliardenpublikum über Wochen an den Bildschirm zu fesseln.
Das ist nun wirklich einfach: Das ganze spielt in Hamburg oder Berlin in einem zum Großraumbüro umgebauten Loft - also einer alten Fabrik- oder Lagerhalle aus der Gründerzeit. Dort siedeln wir eine vormals unbescholtene Familie - sagen wir mal aus Deggendorf oder so - an und lassen sie eine eBusiness Company gründen.
Klar: Auch dafür brauchen wir so eine Art Zeitblase, in der die historischen Zustände möglichst genau nachgestellt werden. Sie erinnern sich: Wer den Schwarzwaldhof 1902 besuchen wollte, musste vorher seine Handys, Laptops und Gameboys abgeben undsoweiter. Wer also das Loft 2000 besuchen will, bekommt vorher noch ein paar Extra- Handys unter die Weste gejubelt. Überall legen wir Wirtschaftszeitungen aus, die vom endlosen Boom künden. Das Loft steht voller Hydrokultur- Pflanzen (Ficus benjaminii) und Apple- Computer und in der Tiefgarage parken ein paar Firmen- Porsches.
Dann schicken wir jede Menge Investoren rein. Dreiundzwanzigjährige frischgebackene Millionäre, Jung- Banker und Investment- Profis mit Pickeln, die unserer vormals unbescholtenen Familie Risikokapital anbieten, Null Ahnung haben, was ein Geschäftsmodell ist und - sofern sie ganz furchtbar kritisch veranlagt sind - bestenfalls etwas über die "Cash- Burn- Rate" erfahren wollen. (Für diejenigen unter Ihnen, die das Jahr 2000 tatsächlich in Deggendorf oder so verbracht haben: Die Cash- Burn- Rate bezeichnet den Zeitraum, den es braucht, bis ein neu gegründetes Unternehmen sein eingesammeltes Risikokapital restlos verbrannt hat und dringend Nachschub braucht.)
Tja, und dann warten wir mal ab, was passiert.
Merken Sie sich auf jeden Fall den Sendetermin schon mal vor. Ich sag Ihnen Bescheid, wenn's so weit ist.