Wenn Opa vom Krieg erzählt
Der Luftfahrtkonzern EADS buhlt um den größten Rüstungsauftrag der US-Geschichte - und zieht dabei alle Register. Selbst Veteranen und Ex-Generäle kommen zum Einsatz.
MARKUS FASSE | WASHINGTON Wenn Charles Coolidge den Raum betritt, dann verteilt er erst einmal Kröten. Der nette, ältere Herr setzt die grünen Stofftierchen gerne als Sympathieträger für seine Sache ein. Sie tragen ein blaues T-Shirt der US Air Force, ihr Ärmel ziert das Sternenbanner. Und auch die Abkürzung auf dem T-Shirt ist immer einen Lacher wert: "Ohne Sprit tritt niemand einem anderen in den Hintern." Rätseln die Beschenkten über das merkwürdige Präsent, und sie rätseln oft, dann tritt Coolidge, pensionierter General der US-Luftwaffe, gerne zum Aufklärungsunterricht an. Tanker-Kröten, das sind im Militärjargon Luftbetankungsflugzeuge.
Tanker-Kröten gehören zu Coolidges Familie. Er ist Großvater, am liebsten erzählt Opa vom Krieg. Als der noch kalt war, flog er eine KC-135 von Boeing. Da gibt es viele Anekdoten zu berichten rund um das Kunststück, Kampfjets bei Tempo 800 km/h mit einem Saugrüssel in der Luft zu betanken. An der Technik habe sich nichts geändert, sagt Coolidge, sein Sohn fliegt heute noch das gleiche Flugzeug - und genau das ist Großvaters Thema. "Wenn unsere Politiker jetzt nicht handeln", sagt er, "dann steigt mein Enkel in die gleichen uralten Maschinen."
Deshalb und für einen kleinen Nebenverdienst verteilt Coolidge Kröten und Argumente in Washington. KC-30 heißt das Tankflugzeug, für das Coolidge die Werbetrommel rühren soll. Seine Auftraggeber sind der amerikanische Rüstungskonzern Northrop Grumman und der europäische Luftfahrtriese EADS. Es geht um den größten Rüstungsauftrag der US-Geschichte. Und das ist EADS viel Geld wert.
Die Lobbyisten der Europäer sind in Washington längst in Stellung gebracht. Während im fernen Europa die EADS-Manager nach dem Desaster um die Lieferverzögerungen und dadurch bedingte Milliardenausfälle beim Riesenairbus A380 noch ihre Wunden lecken, sehen sie in den USA jetzt eine einmalige Chance. Die Dimensionen, die hier in Rede stehen, sind Mitteleuropäern nur schwer zu vermitteln.
Tankflugzeuge bilden das Rückgrat der globalen amerikanischen Militärpräsenz, ihre Turbinen stehen niemals still. 533 Maschinen unterhält die Air Force, das sind mehr, als die Lufthansa Passagierflugzeuge zählt. Doch die gegenwärtige Tankerflotte hat ein Durchschnittsalter von über 40 Jahren auf dem Buckel. Modelle wie die Boeing 707 sind von zivilen Airlines längst verschrottet, bei der US-Luftwaffe kreisen sie immer noch als KC-135 am Himmel, im Kampf gegen den Terrorismus. Das soll sich jetzt ändern. Noch im Januar will das Pentagon die Angebotsunterlagen für den Auftrag herausschicken, im Oktober soll der Kongress entscheiden. 179 Tanker will die US-Luftwaffe in einer ersten Tranche bestellen, der Wert alleine dieses ersten Teilauftrages beträgt 30 Milliarden Dollar.
Zwei Konsortien sind im Rennen: Boeing und die EADS. Die Europäer treten mit ihrer Flugzeugtochter Airbus und dem amerikanischen Rüstungskonzern Northrop Grumman an. Doch der amerikanische Partner zeigt mittlerweile Nerven. Anfang der Woche drohte der US-Rüstungskonzern mit dem Ausstieg aus dem Projekt, sollte die Ausschreibung des Pentagons das Boeing-Angebot bevorzugen. Northrop und die EADS bieten ein größeres Tankflugzeug, das auch Fracht transportieren kann, Boeing einen fast reinen Tanker. Der Haken des Tanker-Airbus: Er ist teurer.
Auch Boeing ist nervös. Der Haus- und Hoflieferant der US-Militärs hatte den Auftrag 2001 eigentlich schon in der Tasche. Doch Boeing-Mitarbeiter verschafften sich illegal Zugang zu den Ausschreibungsunterlagen, der Auftrag musste neu ausgeschrieben werden. Seitdem entwickelt die EADS ein eigenes Tankflugzeug auf Basis der Passagierversion der A330, Boeing-Konkurrent Northrop Grumann bot sich als Generalunternehmer an.
"Wir haben keinen Grund zu glauben, dass es nicht fair zugeht", sagt EADS-Chef Tom Enders mit Blick auf die Ausschreibung. Enders weiß: Der Tankerauftrag wäre der Durchbruch im ewigen Kampf mit dem Rivalen aus Seattle. Bislang hat Boeing schwache Zeiten im Flugzeuggeschäft mit monströsen Aufträgen des Pentagons ausgleichen können - die Europäer haben diesen Markt nicht.
Mit dem Tankerauftrag könnte Airbus eine Flugzeugproduktion in den USA errichten, mitten im Heimatmarkt des Erzrivalen. In Australien und Großbritannien hat sich Airbus mit seiner KC-30 schon gegen Boeing durchgesetzt. Auch für Enders selbst geht es ums Prestige: Denn während sich sein gleichberechtigter EADS-Co-Chef Louis Gallois in den kommenden Wochen als Airbus-Sanierer präsentieren wird, würde er als Sieger im Tankflugzeugstreit auch in Frankreich erheblich an Prestige gewinnen.
Deshalb ist Enders in die USA gereist. Es ist sonnig an diesem Morgen, der drahtige Co-Chef der EADS steht im Hangar seiner Hubschraubertochter Eurocopter. Hier, in Columbus, Mississippi, feiern die Europäer ihren ersten Großauftrag für die US-Army. 322 Mehrzweckhubschrauber haben die Militärs bestellt, EADS hat sich gegen alle amerikanischen Bewerber durchgesetzt.
Zum Dank schmettert jetzt eine Firmen-Mitarbeiterin die amerikanische Nationalhymne, tennisplatzgroße Sternenbanner zieren die Hallenwände, und auf der Bildfläche erscheint ein echter Sioux-Indianer. Mit einem salbungsvollen Ritual weiht er die erste Maschine.
Ein paar hundert Arbeitsplätze schafft die Hubschrauberfertigung hier im amerikanischen Süden, der Gouverneur ist ganz entzückt von seiner neuen Industrieansiedlung. Gerne lässt er sich mit Enders und dem Häuptling vor dem neuen Helikopter ablichten. Im Hintergrund stehen die Lobbyisten Coolidge und Sam Adcock. Coolidge, der Herr mit den Stoffkröten, Adcock ist der Türöffner der EADS im politischen Washington.
"Niemand gibt uns einen Auftrag, nur weil wir das bessere Produkt haben", sagt Adcock. "Die US-Administration will ein Gegengewicht zu Boeing aufbauen, das ist unsere Chance." Der Südstaatler, dessen republikanische Gesinnung ebenso fest ist wie sein Händedruck, hat sein Büro bei der EADS North America in Washington. Diese Adresse mit Blick auf Kapitol und das Weiße Haus wählt, wer sich von der Nähe der Administration gute Geschäfte erhofft.
Zu Zeiten Bill Clintons waren hier gleich neben dem Potomac vor allem die High-Tech-Unternehmen wie Hewlett-Packard oder Microsoft vertreten. Jetzt dominieren die Schriftzüge der Rüstungskonzerne die Fassaden: Northrop Grumman, BAE Systems und Boeing strahlen über Washington.
80 Milliarden Dollar geben die USA pro Jahr für die Beschaffung neuer Waffen aus, mehr als alle anderen Nato-Verbündeten zusammen. Kein Logo an der Fassade, aber immerhin schon zwei Büroetagen hat die EADS in Washingtons Lobbyisten-Hochburg. Für das Rüstungsgeschäft mussten die Europäer auf einer eigenen Etage eine Tochter gründen. Hier kontrollieren die US-Militärs den Zutritt und den Datentransfer: Das ist eine Geschäftsbedingung für den sensiblen Kunden aus dem Pentagon.
Die andere ist Stimmungsmache. "Lobbyarbeit ist nun einmal die Muttermilch der Rüstungsindustrie", konstatiert EADS-Cheftrommler Adcock, der zuvor für Daimler-Chrysler seinen Einfluss geltend machte. Er kennt die Befindlichkeiten der amerikanischen Entscheidungsträger genau. Nur gute Verbündete kommen in den Genuss der US-Rüstungsmilliarden; der französische Staatsanteil der EADS gilt in diesem Zusammenhang als sensibel. Die militärische Haltung der Franzosen hat die Amerikaner oft geärgert.
Nichtsdestotrotz: Arbeitsplätze müssten in den USA entstehen, das Pentagon ist dem Grundsatz "Buy American" verpflichtet. Nur mit Stofftierchen kommt man da nicht weiter.
Um die Lobbyarbeit für den Tankerauftrag in Fahrt zu bringen, hat Adcock einen Köder ausgeworfen. Jeder Bundesstaat konnte sich für die Ansiedlung der Fabrik samt Airbus-Entwicklungszentrum bewerben. 1 000 High-Tech-Jobs hat er Gouverneuren und Kongressabgeordneten geboten. 39 Bundesstaaten haben am Verfahren teilgenommen, vier kamen in die Endausscheidung und bekommen nun eine großzügige Spende für ihre Hochschulen von der EADS. Gewonnen hat schließlich der Bundesstaat Alabama, der im Falle eines Zuschlags jetzt auf die Großansiedlung hoffen darf. "Seitdem leisten die im Kongress und im Beschaffungsausschuss eine tolle Überzeugungsarbeit für uns", freut sich Adcock.
Wie ernst Boeing, der Rivale aus Seattle, das EADS-Angebot mittlerweile nimmt, zeigt sich an einem kleinen Manöver am Rande. So hatten die Boeing-Lobbyisten im ersten Entwurf der Ausschreibung noch einen Passus einbauen können, der die Vergabe an den Ausgang eines Beihilfestreits vor der Welthandelsorganisation WTO knüpft. Dort schwelt seit Jahren ein Disput zwischen Airbus und Boeing über Entwicklungssubventionen. Im neuen Text soll davon keine Rede mehr sein, teilte die US-Luftwaffe kürzlich mit.
Ein kleiner Sieg. Doch bis zur Vergabe des Auftrages im Oktober müssen die EADS-Lobbyisten noch viele Hürden nehmen. Sollte Northrop Grumman vorzeitig abspringen oder das Pentagon einen reinen Tankerauftrag ausschreiben, dann ist das EADS-Angebot tot. Sam Adcock ahnt, was ihm in den nächsten Wochen blüht. "Machen wir uns nichts vor", sagt er in einem Anfall von Melancholie, "an einem guten Tag schickt Boeing zehnmal so viele Lobbyisten durch Washington." EADS weiß dafür immerhin eine eigene Armee auf seiner Seite, und die ist wenigstens lustig - und ganz aus grün-blauem Plüsch.
Fasse, Markus