Ruf nach neuem Bretton Woods (Heute auf ORF Hompage)
Rückkehr zum Willen von 1944
Auf der Suche nach einem neuen Ordnungsrahmen für die internationalen Finanzmärkte kam in den letzten Stunden wieder ein Schlagwort in Mode: Bretton Woods. 1944 wurde in der US-Stadt ein Währungssystem mit festen Wechselkursen und Goldbindung beschlossen. Für die Finanzmärkte des 21. Jahrhunderts hieße ein neues Bretton Woods: Wirksame und nachhaltige Regeln für die Finanzmärkte, an die sich alle Schlüsselspieler halten. Ein Auftakt in diese Richtung könnte der EU-Sondergipfel am Sonntagabend bringen.
Ruf nach einem Gipfel der Weisen
Der deutsche Bundespräsident Horst Köhler, früher Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF), hat sich für eine internationale Konferenz nach dem Beispiel der Tagung von Bretton Woods aus dem Jahre 1944 ausgesprochen, um die Konsequenzen aus der Finanzkrise zu ziehen.
"Ich plädiere für ein Bretton Woods II. Wir brauchen einen wirksamen internationalen Ordnungsrahmen für die globale Ökonomie", sagte Köhler dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" in einem am Samstag veröffentlichten Interview.
Das System Bretton Woods
Die der Konferenz von Bretton Woods wurde 1944 ein Währungssystem mit festen Wechselkursen und Goldbindung beschlossen. Noch während des Zweiten Weltkrieges arbeitete die USA an der Weltwirtschaftsordnung für die Zeit nach dem Ende der Kampfhandlungen. Dabei sollten die Fehler, die nach dem ersten Weltkrieg gemacht wurden (Hyperinflation durch Reparationszahlungen) unbedingt vermieden werden. Nach 1971 wurde aus dem System die Goldbindung entfernt, die Wechselkurse zwischen den Währungen waren seither flexibel.
Berlusconi ließ Idee durchblicken
Bereits am Freitag hatte Italiens Premier Silvio Berlusconi durchblicken lassen, dass innerhalb der G-8 über über eine neue Konferenz von Bretton Woods mit Regeln für die Finanzmärkte nachgedacht werde.
Deutschlands Präsident Köhler sieht allerdings in der heutigen Situation Unterschiede zur Weltwirtschaftskrise Ende der 20er Jahre. "Ich halte die Krise für beherrschbar. Wir haben es in der Hand", sagte Köhler.
"Ein paar Weise" sollen tagen
Er würde sich wünschen, dass die Regierungen "ein paar Weise" auswählten, wie damals unter anderen den Ökonomen John Maynard Keynes, die über Regeln für die globalisierten Welt berieten, sagte Köhler.
Dazu gehöre für ihn auch, dass die Bekämpfung der Armut und des Klimawandels als gemeinsame strategische Fragen für Industrieländer, Schwellenländer und Entwicklungsländer verstanden werde. Notwendig sei auch eine wirksame Regulierung für die Finanzmärkte, ethisches Handeln der Manager und ein Frühwarnsystem, das Warnungen nicht nur für Experten verständlich mache, sagte der Bundespräsident.
Das Krisentreffen am Sonntag
Die französische EU-Ratspräsidentschaft hat offiziell einen Krisengipfel der Staats- und Regierungschefs der 15 Länder der Euro-Zone anlässlich der aktuellen Finanzkrise einberufen. Das Treffen werde am Sonntag ab 17.00 Uhr in Paris stattfinden, teilte der EU-Vorsitz am Freitagabend mit. Auch Bundeskanzler Alfred Gusenbauer (SPÖ) wird teilnehmen.
Die Finanzkrise ist bereits Thema der regulären Herbsttagung der EU-Staats- und -Regierungschefs am kommenden Mittwoch und Donnerstag in Brüssel. Angesichts der aktuellen Entwicklung hat Frankreich aber einen weiteren Gipfel der Eurozone einberufen.
Verstärkte staatliche Beteiligung
Angesichts der Finanzkrise könnten sich die europäischen Länder verstärkt am Kapital der Banken beteiligen. Diese Möglichkeit soll nach Angaben der französischen Wirtschaftsministerin Christine Lagarde am Sonntag bei einem Krisengipfel der Staats- und Regierungschefs der 15 Länder der Euro-Zone in Paris besprochen werden. In Frankreich sei eine solche Kapitalbeteiligung gegenwärtig allerdings "nicht notwendig", sagte Lagarde am Samstag im Radiosender France Info.
Danach befragt, ob sie eine stärkere Kapitalbeteiligung der europäischen Länder an den Banken wünsche, sagte Lagarde: "Es ist sehr wahrscheinlich, denn die europäischen Banken sind auch unterkapitalisiert." Sie erinnerte weiter daran, dass Großbritannien bereits 25 Mrd. Pfund (31,3 Mrd. Euro) zur Kapitalisierung der englischen Banken aufgewendet habe. Seitens der französischen Banken gäbe es diesbezüglich keinen Handlungsbedarf.
Es könnte noch einmal abwärts gehen
Die Finanzkrise könnte die internationalen Märkte nach Einschätzung eines IWF-Experten im schlimmsten Fall noch einmal um 20 Prozent einbrechen lassen. Das Risiko einer neuen Weltwirtschaftskrise sei aber praktisch gleich null, zitierte die italienische Zeitung "Corriere della Sera" am Samstag den IWF-Chefökonomen Olivier Blanchard.
"Im schlimmsten Fall brauchen die Regierungen noch ein paar Wochen, um die richtigen Maßnahmen zu ergreifen, und die Märkte könnten weitere 20 Prozent fallen." Dann komme es aber zur Erholung.
Die letzten Beschlüsse der G-7
Die G-7-Finanzminister und -Notenbankchefs hatten am Freitag beschlossen, zum Schutz der Finanzsysteme Zusammenbrüche großer Banken zu verhindern und den Sektor mit staatlichen Mitteln zu schützen. Der Zusammenbruch großer Banken solle "mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln" verhindert werden, heißt es in dem Fünfpunkteplan.
Bush: "Wir stecken gemeinsam drin"
US-Präsident George W. Bush bekräftigte am Samstag, dass er in der Lösung der Finanzkrise eine globale Aufgabe sieht. "Wir stecken gemeinsam drin und wir werden gemeinsam herauskommen", sagte Bush nach einem Treffen mit den Finanzministern der G-7 und den Chefs von Weltbank und Internationalem Währungsfonds (IWF), Robert Zoellick und Dominique Strauss-Kahn, im Weißen Haus.
Bush sprach von einer "produktiven Begegnung", bei der US-Finanzminister Henry Paulson die jüngsten amerikanischen Schritte zur Wiederherstellung der Liquidität auf dem Finanzmarkt erläutert habe.