Zukunft
Artikel aus Welt am Sonntag heute
Rücksichtsloser Wettbewerb
Die Festpreisregelung für Medikamente belastet die Pharmaindustrie. Trotzdem steigen vorerst die Gewinne
von Manfred Fischer
Ulla Schmidt wirkt. Die Gesundheitsreform der Ministerin, angefeindet von Patienten wie Pharmaindustrie, hat in den ersten sechs Monaten dieses Jahres 700 bis 800 Millionen Euro zusätzlich auf die Konten der Krankenkassen gebracht. Bis zum Jahresende wird sich die Summe auf 1,5 bis 1,6 Milliarden Euro addieren. Dies ist deutlich mehr als die angestrebte eine Milliarde, glaubt Bernd Wegener, Vorsitzender des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie (BPI).
Die Ursache für den willkommenen warmen Regen in die Kassen des leidenden deutschen Gesundheitssystems ist der zum Jahresanfang von sechs auf 16 Prozent erhöhte Zwangsrabatt auf patentgeschützte Arzneimittel. Das Geld wird von den Apotheken überwiesen, stammt aber von den Pharmaunternehmen. Die erwarten von dem planwirtschaftlichen Eingriff in das Marktgeschehen ein endgültiges Aus für die Pharmaforschung und damit für die Pharmaindustrie in Deutschland. "Der Zwangsrabatt schlägt sich in voller Höhe auf das Ergebnis nieder. Das hat wiederum Auswirkungen auf Investitionen und die Forschung in Deutschland", sagt Emmanuel Puginier, Deutschland-Chef des Schweizer Pharmaunternehmens Novartis.
Noch von einer zweiten Seite werden die Hersteller in die Zange genommen. Ihr Absatz in den Apotheken sinkt, weil die neuen Zuzahlungsregeln die Schluckbereitschaft der Patienten dämpft und außerdem die nicht verschreibungspflichtigen Medikamente aus eigener Tasche bezahlt werden müssen.
Allerdings lässt der Konsumverzicht der Kranken nach. War der Pillenabsatz in den ersten beiden Monaten diesen Jahres geradezu im freien Fall in die Tiefe gerauscht, weil erst einmal die Hamstervorräte aus dem alten Jahr verbraucht wurden, hat sich die Talfahrt zuletzt doch deutlich verlangsamt. Für das erste halbe Jahr ergibt sich ein Rückgang des Apothekenumsatzes mit Arzneimitteln von 5,8 Prozent, nach Abzug des Zwangsrabatts.
Allerdings gibt es Unterschiede in der Schadensbilanz der Pharmaunternehmen: "Am oberen Ende sehen wir eine gewisse Konsolidierung", sagt BPI-Vorsitzender Wegener. Will heißen: Je teurer Arzneimittel sind, umso weniger werden ihre Absatzzahlen vom Rabatt gedrückt. Kleine Unternehmen, die mit nicht patentgeschützten Medikamenten, den Generika, ihr Geld verdienen, trifft die Kaufzurückhaltung bei Hustensaft und Nasentropfen härter.
In den Bilanzen der großen deutschen Pharmakonzerne lassen sich vorerst nur schwer Schleifspuren der Gesundheitsreform finden. Die Berliner Schering AG hat nach guten Zahlen für das ersten halbe Jahr gerade ihre Gewinnprognose für 2004 von 663 auf mehr als 700 Millionen Euro heraufgesetzt. Die Deutschland-Tochter des US-Pharmariesen Eli Lilly kann für das zweite Quartal von einem Umatzplus von 29 Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal berichten. Auch bei der Altana AG, neben Schering das zweite Pharmaunternehmen, das im Deutschen Aktienindex Dax notiert wird, ist nach Analystenmeinung nicht mit großen Überraschungen zu rechnen, wenn das Unternehmen am 3. August seine Geschäftszahlen für die erste Hälfte des Jahres präsentiert.
Fairerweise wird allerdings allenthalben eingeräumt, dass die richtig großen Gewinne der Pillenbranche in den USA eingefahren werden. Dort sind die Preise für Spitzenmedikamente, die neu und patentgeschützt sind, fast doppelt so hoch wie in Deutschland. Die hiesigen Pillenläden nehmen dagegen eher bei Durchschnittsware die im Volksmund so genannten Apothekenpreise. Auch helfen die Rationalisierungsanstrengungen der Branche in Deutschland dabei, die Ertragszahlen weiter zu steigern.
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