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WELT AM SONNTAG: Herr Metzl, Krankheiten sind in der Vergangenheit oft entstanden, weil Viren von Tieren auf Menschen übergesprungen sind. Warum sollte es bei Sars-CoV-2 anders sein?
Jamie Metzl: Wir müssen eine Zoonose in freier Natur natürlich als eine Möglichkeit in Betracht ziehen, weil so gut wie jede andere große Pandemie auf diesem Weg entstanden ist. Nach meiner Analyse ist ein Laborunfall aber wahrscheinlicher. China hat jetzt mehr als 80.000 Proben sequenziert, und es gibt keinen Beweis für eine Zoonose. Wenn wir ein eindeutiges Vorläufervirus in freier Wildbahn finden würden, das, sagen wir, eine 99,9-prozentige Ähnlichkeit mit Sars-CoV-2 aufweist, würde das meine Sicht grundlegend verändern. Aber in Ermangelung dieses Beweises müssen wir uns auf die Indizien verlassen, die auf einen Laborunfall als Ursprung hindeuten....
Metzl: Wir kennen keine Übertragungskette, die von der Provinz Yunnan, wo Sars-CoV-2-ähnliche Viren in einem Bergwerk mit Fledermäusen gefunden wurden, ins weit entfernte Wuhan reichen würde. Wir wissen außerdem, dass das Virus, als es auftauchte, sehr gut an Menschen angepasst war, mehr als an jedes andere Tier. Wir wissen, dass das Wuhan Institute of Virology (WIV) die weltweit größte Sammlung von Fledermaus-Coronaviren hatte und aggressiv Forschung betrieb, die darauf abzielte, gefährliche Viren noch gefährlicher zu machen. Definitiv untersuchten die Forscher die Fähigkeit dieser Viren, menschliche Zellen zu infizieren. Wir wissen, dass es über das WIV erhebliche Sicherheitsbedenken gab. Und wir wissen, dass es in China eine massive Vertuschung nach dem Ausbruch gab. Dazu gehören die Zerstörung von Proben, das Verstecken von Aufzeichnungen, die Inhaftierung von Bloggern und ein Maulkorberlass, der chinesische Wissenschaftler daran hindert, ohne Genehmigung der Regierung irgendetwas über die Ursprünge der Pandemie zu sagen....
Wir wissen, dass die Forscher des WIV die furchterregendsten Viren gesammelt haben, die sie finden konnten. Und wir wissen mit Sicherheit, dass sie diese Viren in Kontakt mit menschlichen Lungenzellen und humanisierten Mäusen brachten. Diese wurden so verändert, dass sie den menschlichen ACE-2-Rezeptor auf ihren Zelloberflächen tragen. Sie testeten damit die Fähigkeit der Viren, Menschen zu infizieren. Und sie führten „serielle Passagen“ durch, das heißt, Viren wurden verschiedenen Zellkulturen ausgesetzt. Das könnte ihre Fähigkeit, Menschen zu infizieren, verstärkt haben.