Welche Bank ist die nächste?
Von Conrad Mattern
Die SachsenLB scheint vorerst gerettet. Doch weil alle auf die Hypothekenkrise starren, vergessen sie, dass die Krise nun andere Märkte erschüttert.
Menschen können immer nur eine begrenzte Anzahl von Informationen gleichzeitig aufnehmen und verarbeiten. Angeblich fangen sie sofort an, Dinge zu ignorieren, sobald mehr als sieben Reize gleichzeitig auf sie einstürzen.
Allerdings ist das ein Durchschnittswert. Viele Menschen, einem Vorurteil zufolge vor allem Männer, haben schon bei viel weniger Informationen Schwierigkeiten, alle gleichmäßig zu berücksichtigen. Dies gilt vor allem, wenn eine dieser Nachrichten so dominierend ist, dass sie besonders viel Aufmerksamkeit auf sich zieht. Dann kann um einen herum die Welt zusammenfallen - man merkt es nicht mehr. Sondern wundert sich hinterher nur umso stärker, wieso denn plötzlich alles so anders aussieht.
An den Finanzmärkten, die ja vorwiegend von Männern bestimmt sind, ist so eine Situation gerade eingetreten. Alle starren sie auf die Subprime-Geschäfte. Gerade wurde die SachsenLB das Opfer dieser Immobilienkredite an Kreditnehmer mit schlechten Bonitätsnoten. Auch wenn inzwischen jeder halbwegs am Finanzmarktgeschehen Interessierte wissen dürfte, was darunter zu verstehen ist, und einige schon gelangweilt gähnen, übt die Krise trotzdem noch einen großen Reiz aus.
Weil dieser Reiz dominiert, fokussieren die Anleger ihre Aufmerksamkeit darauf. Das führt dazu, dass sie vieles, was auch noch geschieht, einfach übersehen. So verlieren sie den Überblick über das, was wichtig ist.
Die Intermarket-Analyse nutzt dagegen die Erkenntnis, dass alle Märkte mehr oder weniger stark miteinander verbunden sind. So haben Wechselkursveränderungen Einfluss auf die Gewinne der Unternehmen und damit auf deren Aussichten am Aktienmarkt. Gleichzeitig beeinflussen diese wiederum die Konjunktur- und Inflationsaussichten und somit die Erwartungen für die Geldpolitik oder die Rentenmärkte.
Nach dem Ansatz der Intermarket-Analyse ist es also wichtig zu berücksichtigen, wie die Bewegungen an einem Markt sich auf andere auswirken können. Dies gilt besonders dann, wenn die auslösenden Bewegungen sehr heftig ausfallen, wie dies zurzeit der Fall ist.
Doch während sich gegenwärtig die Aufmerksamkeit auf die Immobilienkrise richtet, wird über die Kursveränderungen an den Rentenmärkten wenig berichtet. Auch die Verwerfungen an den Devisenmärkten werden kaum wahrgenommen, vor allem wenn sie sich auf weniger geläufige Währungspaare beziehen.
Die Volumina, die an den Devisenmärkten bewegt werden, betragen jedoch ein Vielfaches der üblichen Aktienvolumina. Dies gilt vor allem für die diesbezüglichen Optionsgeschäfte. Da kann es leicht zu Schieflagen kommen, wenn außergewöhnlich starke Marktbewegungen zu verzeichnen sind. Das ist in den vergangenen Tagen geschehen.
Der Yen hat beispielsweise gegenüber dem US-Dollar so starke Kursbewegungen hingelegt wie seit Jahren nicht mehr. Noch heftiger fielen sie gegenüber dem Neuseeländischen Dollar aus, der zwischenzeitlich Tagesverluste in Höhe von neun Prozent hinnehmen musste.
Nun kann man sich auf den Standpunkt stellen, dass dies für Europa kaum von Interesse ist, da der "normale" europäische Investor sich nur selten in solchen Währungspaaren engagiert. Das mag richtig sein, trifft aber nicht für den Interbankenhandel zu. Da wird der Kiwi-Dollar von jeder mittleren Devisenhandelsabteilung abgedeckt.
Somit stellt sich die Frage, wann die ersten Banken damit herausrücken, dass sie im Eigenhandel in eine Schieflage geraten sind, weil sie die Intensität der Marktbewegung nicht vorhergesehen haben. Bis zur üblichen Berichtssaison, die im Oktober anfängt, ist es noch eine Weile hin. Aber niemand sollte überrascht sein, wenn es im Vorfeld zu ersten Gewinnwarnungen kommt, die nicht mehr alleine durch die Krise im Subprime-Sektor begründet sind. Doch wie viele solcher Negativmeldungen kann der Bankensektor noch vertragen? Möglicherweise weniger, als manche nun schon wieder hoffen.
Conrad Mattern ist Vorstand der Conquest Investment Advisory AG und Lehrbeauftragter an der Ludwig-Maximilians-Universität, München
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