Ich bin ja eigentlich überhaupt kein Anhänger von „Verschwörungstheorien, aber....“
Immer wenn Sie so einen Satz lesen, können Sie sich denken, was kommt: Meistens gleitet der Autor daraufhin in die abwegigsten, diffusesten Theorien und Halbwahrheiten ab. Wenn ich heute schon so anfange, dann werde auch ich Sie ein wenig in die verführerische Welt der übergreifenden Zusammenhänge führen. Zunächst muss man dazu einige Beobachtung anstellen, die man anschließend in einem Zusammenhang setzt, um daraus eine verschwörerische These abzuleiten:
Mich hatte ein Kollege darauf aufmerksam gemacht, dass in den letzten Tagen in den Futures gegen 21:30 Uhr seltsam große Ordern auftauchten, die eigentlich keinen Sinn machten. Da ich ab 20.00 Uhr nicht mehr trade (irgendwann muss man ja Feierabend machen), konnte ich das nicht verifizieren. Später hörte ich die Meldung, dass Analysten bei dem von mir als „Short-Squeeze“ betitelten Anstieg Kaufprogramme ausgemacht haben wollten, auch hier wurden wieder diese großen Ordern entdeckt. Demnach haben hier also nicht kleine Anleger massiv ihre Short-Positionen ängstlich verkauft, sondern große Adressen sind mit großen Positionen eingestiegen.
Zunächst dachte ich mir bei diesen Information noch nichts, darauf komme ich aber später zurück.
Beobachtung 2: Carry-Trades in Gefahr?
Dann sah ich folgenden Chart:

Er zeigt den Verlauf des Yens zum Dollar Yen. Der erste Einbruch (roter Pfeil) führte Anfang dieses Jahres noch zu einer großen Angst vor der Auflösung der Carry-Trades. Der jetzige Einbruch, der genau die gleiche Spanne hat und eine ähnliche Dynamik aufweist, wird praktisch nicht mehr beachtet. Seltsam, aber gefährlich. Droht hier ein Crash?
Beobachtung 3: Sind der Fed die Hände gebunden?
Wenn jetzt tatsächlich ein Crash vor der Tür stünde, wie reagiert man normalerweise darauf? Man senkt die Zinsen, um den Markt mit Liquidität zu fluten. Eigentlich ganz einfach, oder? Leider nicht, denn wir haben da im Moment ein kleines Problem in den USA: Die Inflation ist zu hoch. Einerseits haben wir eine Niedrigzinsphase hinter uns, die zu einer enormen Ausweitung der Geldmenge geführt hat und zudem steht der Ölpreis natürlich viel zu hoch- Jetzt noch ein paar Zinssenkungen und die Gefahr eine sogenannten „galoppierenden Inflation“ ist gegeben. Besonders dann, wenn die Märkte Angst vor einer solchen Inflation kriegen.
Beobachtung 4: Finanzkrise in Deutschland = Finanzkrise weltweit?
Dann hörte man, dass der Chef der Finanzaufsicht BaFin, Jochen Sanio, vor der schwersten Bankenkrise seit 1931 gewarnt hat, sollte die Düsseldorfer Mittelstandsbank IKB zusammenbrechen. Sie haben sicherlich davon gehört, die IKB war aufgrund von Spekulationen im US-Immobilienmarkt in Schieflage geraten.
Erstaunlich schnell hatte sich daraufhin die gesamte deutsche Bankenszene auf eine milliardenschweren Rettungsaktion der IKB geeinigt, insgesamt wurden 3,5 Mrd. Euro zusammengebracht. "Es geht um die Stabilität des deutschen Finanzmarkts", erklärte auch der Bundesverband deutscher Banken. Ist es tatsächlich schon so dramatisch? Vielleicht sogar noch schlimmer, als wir uns vorstellen können?
Beobachtung 5: Sieht sich die EZB genötigt, die Massen zu beruhigen?
Als zusätzlich noch die EZB eine überraschende Pressekonferenz einberief, nur um die Märkte zu beruhigen (mal so hineingedeutelt), hätte man eigentlich schon auf die Idee kommen können, dass hier etwas anbrennt. Natürlich gab es keine Zinssenkungen oder Ankündigungen dazu oder auch nur Andeutungen einer Aussetzung der nächsten Erhöhung. Nur allgemeine Beschwichtigungen. Neuigkeitsgehalt gleich null. Warum hätte man das nicht auch wie sonst in einer kleinen Pressemeldung unterbringen können? Weiß Trichet mehr, warum diese Aktion? Das muss man doch als Hinweis auf eine große Krise werten!
Und dann zum Schluss will noch einer Gold kaufen....
Als mich gestern Abend in meiner Redaktionssprechstunde des Target-Traders ein Leser fragte, ob man nicht jetzt einen Teil seines Geldes in physischem Gold anlegen solle, erinnerte ich mich plötzlich an all diese „interessanten“ Theorien, die in den Jahren 2000-2004 hip waren.
Ganz besonders jedoch die Thesen zum kurz bevorstehende Zusammenbruch des globalen Finanzsystems und natürlich das berühmt, „berüchtigte“ „Plunge-Protection Team (PPT)“, das in den USA geschaffen worden sein soll, um die Märkte vor solchen großen Krisen zu schützen.
In den Crash-Jahren wurde immer wieder dieses ominöse PPT für deutliche Käufe nach schärferen Einbrüchen verantwortlich gemacht, vielleicht erinnern Sie sich.
Verschwörerische These (nicht ganz ernst gemeint)
Wenn man nun all diese Nachrichten so zusammenstellt, und sie in Richtung "Crash/Katastrophe" interpretiert, wie ich es hier getan habe, dann kann einem schon mulmig werden. Wenn man dann auch noch diese seltsam großen Ordern in den Futuren sieht, ist der Schluss geradezu zwingend, diese Käufe, in dieser angespannten Lage dem PPT zuzuschreiben! Besonders nachdem so wichtige Unterstützungsmarken gebrochen wurden!
Denn, wenn man jetzt rechtzeitig die Kurse stützt, kann man vielleicht doch noch verhindern, dass es zu einem richtigen Crash kommt. Wahrscheinlich stecken sogar alle Zentralbanken mittlerweile unter einer Decke!!! Schließlich gibt es mittlerweile eine intensive Vernetzung zwischen den Regierungen, der Wirtschaft und des Bankensystems weltweit. Das ist keine Verschwörungstheorie, sondern im Informationszeitalter alltägliche Realität! Aber wenn das PPT schon stützen muss, dann ist wahrscheinlich alles viel schlimmer, als wir alle mitkriegen – es weist eindeutig alles auf eine riesige Katastrophe hin...
Kommen wir auf den Boden der Realität zurück
Schon steckt man in der schönen Welt der Verschwörungen. Ich will mich gar nicht großartig in den Streit ob, beziehungsweise in welcher Form das PPT existiert einmischen. Ich weiß es schlichtweg nicht, es ist mir auch vergleichsweise egal. Das natürlich jeder Regierung für Notfälle Spezialisten und Organisationen zur Verfügung stehen, ist unumstritten und natürlich auch gut so.
Aber zwei wichtige Punkte sollte man in diesem Zusammenhang bedenken:
1. Hang zum paranoiden Denken
Ein Faktor des paranoiden Denkens ist es, Fakten in einen Zusammenhang zu bringen, die eigentlich in keinem Zusammenhang stehen. In deutlich abgeschwächter Form neigen wir auch im normalen Alltag immer wieder dazu, Dinge miteinander in Verbindung zu bringen, die tatsächlich wenig oder nichts miteinander zu tun haben und daraus "überschießende" Schlussfolgerungen abzuleiten.
Gerade an der Börse ist es einfach in so ein „Fehl-Denken“ zu verfallen, da so ungemein viele Faktoren, die alle auch irgendwie einen Einfluss aufeinander haben, eine entscheidende Rolle spielen. Doch aus diesem „Einfluss“ einen direkten kausal adäquaten „Zusammenhang“ zu stricken oder sogar spezielle Schlussfolgerungen zu ziehen, ist oft eine Quelle massiver Fehlinterpretationen! Die Börse hat auf diese Art und Wiese schon viele gute Analysten zu extrem seltsamen Argumentationsketten verleitet.
Also hüten Sie sich vor falschen Schlussfolgerungen und Zusammenhängen.
2. Was hätte das PPT den Märkte gebracht?
Wenn man es im Nachhinein betrachtet, ist die These, dass es in dem großen Crash 2000-2003 Stützungskäufe gegeben hätte, ziemlich abwegig. Denn schauen Sie sich doch an, wie es letztendlich ausgegangen ist. Hätte es Stützungskäufe gegeben, hätten diese offensichtlich ihre Wirkung komplett verfehlt – die Märkte sind so oder so derart massiv eingebrochen, dass man zumindest von keinem Erfolg reden kann.
Es gab aber natürlich Aktionen der Fed und auch der Regierung, um die Märkte zu stützen. Jedoch handelte es sich um keine Geheimaktionen. Die Regierung hat Gesetzte erlassen, zum Beispiel um die Steuern zu senken. Auch die Fed hat damals reagiert, eben durch massive Zinssenkungen. Und erst diese massive Liquidität, die damals in die Märkte gespült wurde, hat die Wende geschafft. Letzten Endes war es aber auch das Ende des Irak-Krieges, der einen großen Einfluss hatte.
Zentralbanken haben begriffen, dass Interventionen im Devisenmarkt nur von sehr kurzer Dauer sind.
Und noch deutlicher wird es, wenn man sich die Devisenmärkte anschaut. Immer wieder hat es hier Interventionen von Regierungen und Zentralbanken gegeben. Doch diese waren nur sehr selten von langfristigem Erfolg gekrönt. Die Märkte funktionieren nach eigenen Regeln und sobald sie Beeinflussung von außen „mitbekommen“, reagieren sie zunächst in die Richtung der Intervention, um sich dann massiv dagegen zu stellen.
So schön auch alles zusammenpasst
So schön auch die oben aufgebaute Argumentationsführung fast zwingend auf Interventionen hingewiesen hat, so unwahrscheinlich sind diese.
Ich wollte diesen Zusammenhang jedoch nutzen, um darzustellen, wie einfach es an den Börsen ist, in die falsche Richtung zu denken...
Viel wahrscheinlicher ist es, dass hier tatsächlich computergesteuerte Kaufprogramme aufgrund einiger charttechnischer Signale unter anderem der 200 Tage Linie eingestiegen sind, oder irgendwelche andere Faktoren eine Rolle spielen.
Wenn Sie das nicht überzeugt, sehen Sie sich einfach die großen Langfristcharts der Indizes an, und sie werden erkennen, dass zurzeit an den Börsen noch nichts ansatzweise Schlimmes passiert ist.

Eine Konsolidierung war längst überfällig, ist sogar nach der Übertreibung positiv zu werten. Im Chart des S&P500 erkennt man, dass sie sich bisher noch in einem völlig normalen Rahmen aufhält.
Viele paranoide Grüße
Ihr
Jochen Steffens
P.S. Witzig, jetzt gerade, nachdem ich mit diesem Text fertig bin, erhalte ich folgende Mail eines Lesers;
Sehr geehrter Herr Steffens,
Ich habe hier eine Variante zur Erklärung (von Trader Tom Hougaard) des „Wahnsinns-Anstieg“ gestern Abend bei den Amis:
The SP500 rally last night was apparently due to an error. A US house made a mistake and bought 5400 futures when they should have bought just 54 futures. This turned all long var players, who were going to sell the close, into buyers. Since you cannot cancel MOC orders in the last 10 minutes, these var swap delta buyers had to buy back their MOC amount plus more to get the right hedge.
This amounted to $5billion worth of fake buying, causing the Dow to rally 250 points in 20 minutes...
Quelle: http://www.tradertom.com/analysis.htm
Auch eine Erklärung....