Der Schmu mit den Manager-Schwüren


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Der Schmu mit den Manager-Schwüren

 
14.08.02 09:06
Für den US-Wertpapier-Sheriff Pitt ist der 14. August ein historisches Datum, der Anfang vom Ende der Börsenskandale: Bis heute müssen die Bosse der 697 größten US-Unternehmen schwören, dass ihre Bilanzen in Ordnung sind. Doch Raum zum Schummeln bleibt reichlich.
 
New York - Das Fax von General Electric ging am 31. Juli um 12.05 Uhr bei der Börsenaufsicht SEC ein. In der Anlage fand sich das Statement von Jeff Immelt. "Nach meinem besten Wissen", schrieb der GE-Chef, könne er beschwören, dass die Bilanz von GE sauber sei. Als Zeugin unterzeichnete die Notarin Claire Kersey.

Jeff Immelt ist ein Musterknabe, genauso wie Steve Jobs von Apple. Die beiden zählen zu der kleinen Avantgarde jener Unternehmenschefs, die ihre eidesstattlichen Erklärungen bereits Tage vor Ablauf der Eingangsfrist am 14. August um fünf Uhr nachmittags losgeschickt haben.

Steuerflüchtlinge leben bequemer

Noch vorbildlicher ist Chrysler-Chef Dieter Zetsche. Der schickte seinen Schwur an die SEC, obwohl er nicht mal musste. Unternehmen wie DaimlerChrysler, deren Zentralen im Ausland liegen, sind von der Anordnung ausgenommen. Das führt unter anderem dazu, dass die neuen Chefs von Tyco und Global Crossing nicht schwören müssen. Beide Skandalfirmen haben ihren Hauptsitz im Steuerparadies Bermuda.

Bis Dienstagabend waren über 200 Erklärungen bei der SEC eingegangen. Zum Schwur aufgefordert sind die Vorstandvorsitzenden und Finanzchefs der US-Unternehmen mit mehr als 1,2 Milliarden Dollar Umsatz. Das sind insgesamt 947. Weil Geschäftsjahre jedoch variieren, haben 250 Unternehmen mehr Zeit, zum Teil bis Ende November.

"Das hier ist nicht überraschend"

Hewlett-Packard zum Beispiel muss erst am 16. September tätig werden, ebenso wie der bankrotte Einzelhändler Kmart. Microsoft hat Zeit bis zum 30. September, Jeanshersteller Levi Strauss sogar bis zum 15. Oktober. Die vollständige Liste ist auf der Website der SEC (www.sec.gov) einsehbar.

Nach dem Willen von Kongress und SEC soll der 14. August das offizielle Ende der Skandal-Ära markieren. Von diesem Tag an, so die Botschaft, können Anleger amerikanischen Unternehmensbilanzen wieder vertrauen.

Bummelanten unter Druck

Doch zumindest an der Wall Street wird es ein Tag wie jeder andere, prognostizieren Börsianer. "Der 14. August hat die gleiche Bedeutung wie der 1. Januar 2000", sagte der Portfolio-Manager Wilson Jaeggli dem "Wall Street Journal". "Marktbewegende Ereignisse kommen überraschend. Das hier ist überhaupt nicht überraschend."

Unter Druck geraten könnten allerdings die Aktien der Unternehmen, die die Frist nicht einhalten. Das werden einige sein. In dem Fall erwartet die SEC eine Erklärung, warum die Manager nicht schwören wollen. Jedes Unternehmen kann auch eine Fristverlängerung um fünf Tage beantragen, doch der Aktienkurs würde höchstwahrscheinlich trotzdem leiden: Anleger fackeln in diesen Tagen nicht lange, sie verkaufen erst mal und fragen später.

Ganz legale Betrügereien

Die große Mehrheit der Unternehmen scheint bis zur letzten Minute warten zu wollen. Am Dienstagabend fehlten noch zig bekannte Namen, darunter AOL Time Warner, Philip Morris, Warren Buffets Berkshire Hathaway, Ford, Lucent, McDonald's, die New York Times und - WorldCom.

Der 14. August ist vor allem ein symbolisches Datum. Wirklich ändern werde sich nichts, sagen Kritiker. Schon unter den bisherigen Regeln mussten Bilanzen wahrheitsgetreu sein, das heißt, den General Accepted Accounting Principles (GAAP) entsprechen. Der einzige Unterschied ist, dass Manager jetzt schwören müssen - und höhere Gefängnisstrafen drohen. Doch das eigentliche Problem bleibt: Die GAAP-Regeln erlauben viel zu viele Bilanzierungstricks. So waren Enrons Buchungs-manöver hauptsächlich legal.

Und selbst wenn sich eine Bilanz im nachhinein als nicht koscher erweist: Die Einschränkung "nach meinem besten Wissen" erlaubt dem Manager immer noch die Verteidigung, die Bilanztricks seien außerhalb seines besten Wissens geschehen. Das sagt Enron-Chef Kenneth Lay bis heute.  
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Ja, aber... - Der Schwur fällt nicht immer leicht

 
16.08.02 10:49
629 der 700 größten US-Firmen beeiden Bilanz

Dick Parsons war die ganze Sache spürbar unangenehm. „Ich werde unterzeichnen“, grummelte der Chef des Medienkonzerns AOL Time Warner vor ein paar Tagen auf die Frage, ob er einen Eid auf die Finanzergebnisse seines Unternehmens ablegen werde. Parsons hat den Schwur geleistet – allerdings mit einer Fußnote. Er räumte ein, dass sein Onlinedienst womöglich Umsätze in Höhe von 49 Mill. Dollar in den vergangenen sechs Quartalen falsch verbucht habe.

su/tor NEW YORK/DÜSSELDORF. Ja, aber – so lautete auch der Schwur von Peter Dolan, Chef von Bristol Myers Squibb. Der Pharmagigant kündigte ebenfalls eine mögliche Korrektur seiner Ergebnisse an. Der Grund: Das Unternehmen hat seine Großhändler offenbar gedrängt, mehr Medikamente als nötig zu lagern. Umsatz und Gewinn des Pharmakonzerns in den vergangenen zwei Jahren wurden auf diese Weise geschönt. Jetzt droht eine formale Untersuchung des Vorgangs durch die US-Börsenaufsicht Securities and Exchange Commission (SEC).

AOL und Bristol Myers sind nur die bekanntesten Beispiele von mehr als einem Dutzend US-Unternehmen, die erst nach einer Korrektur ihrer Zahlen in letzter Minute den Schwur auf ihre Bücher geleistet haben. Mit einem blauen Auge davongekommen ist auch der Versicherungsmakler Aon, der seine Zahlen nach einer SEC-Untersuchung nur leicht korrigieren musste. Insgesamt waren 695 US-Unternehmen mit einem Umsatz von mehr als 1,2 Mrd. $ von der Börsenaufsicht aufgefordert, bis zum Mittwoch ihre Bilanzen zu zertifizieren. 629 unterzeichneten. Weitere 247 Firmen mit einer vom Kalenderjahr abweichenden Rechnungsperiode haben dafür noch bis zum Herbst Zeit.

Einige Unternehmen haben den Eid jedoch schlicht verweigert. Dazu gehören zum Beispiel der Pleite gegangene Energiehändler Enron und die bereits in Bilanzskandale verwickelten Telekomanbieter Worldcom und Qwest. Aber auch die Energie-unternehmen CMS Energy, Dynegy und Mirant haben ihre Bilanzen gar nicht oder nur eingeschränkt beeidet. Die Energiefirmen stehen im Verdacht, ihre Umsätze mit Luftbuchungen manipuliert zu haben. Der ebenfalls von Skandalen gebeutelte Mischkonzern Tyco fiel auf Grund seines Firmensitzes auf Bermuda nicht unter die SEC-Order. Dennoch wollte das Unternehmen zunächst den Eid leisten, zog aber nach einer Intervention seines neuen Chefs Edward Breen sein Angebot zurück.

Zu den Unterzeichnern gehört auch der Chef des US-Konzerns General Electric, Jeffrey Immelt. Nach Ansicht einiger Mitarbeiter war das jedoch voreilig: Angestellte des Münchener Systemhauses GE Compunet, einer Tochter des US-Konzerns, haben bei der Kölner Staatsanwaltschaft gestern Anzeige gegen das Management erstattet. Sie werfen dem Unternehmen vor, Aufträge fiktiv gebucht zu haben. Die Behörde hat deswegen jetzt eine Voruntersuchung eingeleitet, bestätigte ein Sprecher dem Handelsblatt. Ziel sei es, herauszufinden, ob überhaupt ein Anfangsverdacht besteht. GE dementiert die Vorwürfe.

Trotz einzelner Ungereimtheiten habe der Bilanz-Eid sicher nicht geschadet, bewertete der frühere SEC-Chef Arthur Levitt gestern die Aktion. „Bilanzbetrug wird es jedoch auch weiterhin geben“, sagte er. Analysten erhoffen sich von der SEC-Aktion einen Vertrauensschub für die depressiven Aktienmärkte. „Fast alle Chefs haben das SEC-Formular unterzeichnet“, zog Edward Yardeni, Chefstratege bei der Anlagegesellschaft Prudential Financial, Bilanz. Keith Janecek vom Konkurrenten Legg Mason Wood Walker ist vorsichtiger: „Der Schwur beruhigt die Anleger – bis zum nächsten Skandal.“ Die Börse reagierte positiv auf die Maßnahme. Sowohl der Dow Jones als auch der technologielastige Nasdaq zogen an.

Die wohl kurioseste Entschuldigung für die Verweigerung des Zahlen-Schwurs lieferte die kleine Ölfirma Adair International aus Texas. Obwohl gar nicht zum Eid auf die Bücher verpflichtet, teilte das Unternehmen der SEC mit, man verfüge über keinerlei Bilanzunterlagen. Der Grund: Das gerade gefeuerte Management habe sämtliche Firmendokumente mitgehen lassen.  
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Deutsche sprechen mit gespaltener Zunge

 
19.08.02 19:31
Die an US-Börsen gelisteten deutschen Konzerne reagieren widersprüchlich auf den geplanten Zwang zum Bilanzschwur. Während führende Dax-Konzerne und ihr Bundesverband Ausnahmen fordern, meiden einige prominente Abweichler die Konfrontation mit den Amerikanern.

Berlin - Siebzehn Aktien deutscher Konzerne sind an der New Yorker Börse notiert, dazu gehören die Papiere von Siemens, der Deutschen Bank, Bayer und Schering. Im Namen dieser Unternehmen hat der Bundesverband der Deutschen Industrie, der BDI, einen Brief an die US-Börsenaufsicht SEC geschickt. Darin fordert er, nicht alle neuen US-Börsenvorschriften auf ausländische Emittenten anzuwenden.

In einigen Punkten seien die verschärften US-Bestimmungen mit europäischen und deutschen Standards nicht vereinbar, teilte der BDI zur Begründung mit. Vor einer endgültigen Entscheidung solle die SEC mögliche Konflikte mit ausländischen Rechtssystemen näher untersuchen.

Die Mehrzahl der betroffenen Konzerne habe den Aufruf unterschrieben, teilte der BDI lediglich mit. Namen wurden nicht genannt. Nach und nach wird aber aus Kreisen oder durch offizielle Mitteilungen bekannt, wer in den Protest-Chor eingestimmt hat - und wer die Abweichler sind. So haben mit der Allianz, BASF, Bayer, DaimlerChrysler, der Deutschen Bank, der Telekom, E.ON und Infineon zahlreiche Dax-Konzerne das BDI-Anliegen unterstützt.

Das Lager der Dissidenten

Celanese hingegen fährt einen eigenen Kurs und hat den Brief nicht unterschrieben - das bestätigte ein Sprecher des Chemiekonzerns am Nachmittag. Ob dies bedeutet, dass Celanese die SEC-Forderungen vollständig erfüllen werde, wollte der Sprecher nicht beantworten. Auch der Pharma-Konzern Schering, der mit seiner Anti-Baby-Pille Jasmin vom US-Markt abhängig ist, will das Schreiben nach eigenen Angaben nicht unterzeichnen. Der wohl empfindlichste Rückschlag für den BDI: Ausgerechnet der Technologieriese Siemens hat sich - so heißt es zumindest aus Unternehmenskreisen - ins Lager der Dissidenten geschlagen.

Auch die Unternehmen, die den BDI-Aufruf unterschrieben haben, unterstützen nach Angaben des Verbandes die verschärften Börsenregeln des neuen Sarbanes-Oxley-Gesetzes - im Prinzip. Sie weisen aber auf wesentliche, ihrer Ansicht nach problematische Unterschiede zwischen europäischer und amerikanischer Gesetzgebung hin. So sei das US-System eines einheitlichen Boards inkompatibel mit dem zweistufigen, deutschen Vorstands- und Aufsichtsratssystem. Nach deutschem Recht sei der Vorstand als Ganzes für die Geschäftsführung verantwortlich, nicht ein einzelnes Vorstandsmitglied wie der amerikanische Vorstandschef, der CEO.

Ministerin droht mit Vergeltung

Das strittige Sarbanes-Gesetz sieht vor, dass der CEO und der Finanzvorstand (CFO) die Richtigkeit der Bilanzen eidesstattlich versichern. Deklarieren diese Chefmanager falsche Bilanzen als richtig, drohen künftig hohe Geldstrafen und Haft bis zu 20 Jahren. Auch der deutsche Gesetzgeber, so der BDI, habe bereits strafbewehrte Vorschriften eingeführt, die Kursmanipulationen und Marktmissbrauch verhindern sollen. Insofern sei die Androhung weiterer Strafen unnötig.

Bundesjustizministerin Hertha Däubler-Gmelin (SPD) hat unterdessen den EU-Kommissar Frits Bolkestein aufgefordert, seine Initiative gegen die Anwendung des US-Gesetzes auf europäische Firmen fortzusetzen. Bolkestein solle die Amerikaner auch nach Verabschiedung des Gesetzes mit allen Mitteln von dem Vorhaben abbringen. Es sei zwar löblich, dass die Amerikaner das erschütterte Vertrauen in die Finanzmärkte wieder herstellen wollten. "Es kann aber nicht angehen, dass die US-Gesetzgebung gleichzeitig extraterritoriale Auswirkungen anstrebt", so die Ministerin. Sollten die Amerikaner dennoch an ihrem Plan festhalten, drohte Däubler-Gmelin mit einer Gegenreaktion. Mittelfristig werde dann geprüft, ob auch die Regeln, denen US-Unternehmen in Europa unterliegen, verändert und verschärft werden müssten.  
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Porsche-Chef will nicht schwören

 
21.08.02 06:06
Der Autobauer Porsche hat seine Pläne für eine Notierung an der New Yorker Börse auf Eis gelegt. Vorstandschef Wendelin Wiedeking hält einen Bilanzeid, wie er nun gefordert wird, für "unmöglich".

Leipzig - Es sei Unsinn, wenn ein Firmenchef eine Bilanz vereidige, an der tausende Mitarbeiter mitgewirkt hätten, sagte Wiedeking am Rande der feierlichen Eröffnung des neuen Porsche-Werkes in Leipzig. Das Vorhaben, mit der Porsche-Aktie  auch an der New York Stock Exchange (NYSE) vertreten zu sein, ist laut Porsche-Sprecher Manfred Ayasse vorerst gestoppt. "Wir warten ab mit unserer Entscheidung, wir machen das davon abhängig, wie sich die US-Börsenaufsicht SEC weiter verhält," sagte Ayasse gegenüber SPIEGEL ONLINE.
Wiedeking hatte mit der Möglichkeit einer Notierung an der NSYE kokettiert, nachdem die Porsche-Vorzugsaktie zu Jahresbeginn aus dem MDax verbannt worden war. Porsche hatte sich zuvor trotz des Drängens der Deutschen Börse mehrfach geweigert, Quartalsberichte zu veröffentlichen.

Am Frankfurter Aktienmarkt fiel das Papier des Autoherstellers bis zum Nachmittag um 2,64 Prozent auf 485,81 Euro. "Dass Porsche nun offenbar die Pläne erst einmal auf Eis legt, drückt heute den Kurs der Aktie", sagte ein Händler. Dennoch bewertet er die Kursschwäche als "ideale Kaufgelegenheit".

Porsche-Chef Wiedeking hat am Dienstag in Leipzig die Serienproduktion des Geländewagens Cayenne gestartet. "Wir wollen damit angesichts der dramatischen Ereignisse ein Signal für den Aufbruch geben", sagte er zur feierlichen Eröffnung des Werkes. "Das ist ein Leuchtturm, den die Menschen in diesen Zeiten brauchen", sagte Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD), der symbolisch die letzte Schraube am ersten Cayenne anzog.

In dem neuen Porschewerk sollen jährlich mindestens 25.000 Exemplare des sportlichen Geländewagens vom Band rollen. Mehr als 100.000 Interessenten aus aller Welt haben laut Wiedeking bereits ihre Kaufabsicht für den Cayenne bekundet. Der Porsche-Chef verwies darüber hinaus auf die Anfang Juli getroffene Entscheidung, von der zweiten Jahreshälfte 2003 an auch den künftigen Hochleistungs-Sportwagen Carrera Gt in Leipzig zu bauen. Zu den bereits vorhandenen 300 Arbeitsplätzen kämen dann 70 weitere hinzu. Porsche hat 127 Millionen Euro in das Werk investiert. Am Abend zuvor hatte der Autohersteller zwei Millionen Euro für die Opfer der Hochwasserkatastrophe gespendet.  
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