OECD rät der EZB von baldiger Zinserhöhung ab
vom 29. November 2005 12:52
Paris, 29. Nov (Reuters) - Die Europäische Zentralbank (EZB) sollte sich nach Ansicht von OECD-Chefvolkswirt Jean-Philippe Cotis mit der angekündigten Zinserhöhung Zeit lassen.
"Wir würden die Zinsen erst nächsten Herbst anheben", sagte Cotis am Dienstag im Reuters-Interview. "Man sollte eine Situation vermeiden, in der man eine Zinserhöhung hat, die sich später als verfrüht herausstellt." Die meisten Beobachter rechnen aber nach klaren Worten von EZB-Chef Jean-Claude Trichet fest mit einer Zinsanhebung um 25 Basispunkte auf dann 2,25 Prozent schon an diesem Donnerstag.
Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) befürchtet aber, dass die Wirtschaftserholung in der Euro-Zone noch nicht stabil genug für steigende Zinsen ist. "Das Problem ist, dass wir einige Phasen hatten, in denen die Erholung abbrach", sagte Cotis. Die OECD prognostiziert selbst aber ein Wachstum im Euro-Raum von 2,1 Prozent 2006 nach nur 1,4 Prozent im laufenden Jahr. Allerdings warnte Cotis auch, die Effekte eines einzelnen Zinsschritts zu übertreiben: "Ein Erhöhung um 25 Basispunkte hat für sich genommen kaum Folgen für die Wirtschaft in die eine oder andere Richtung."
Viele Politiker haben bereits die Zentralbank heftig für den bevorstehenden Schritt kritisiert. Am Dienstag bezeichnete der österreichische Finanzminister Karl-Heinz Grasser eine Zinserhöhung zum jetzigen Zeitpunkt als falsches Signal. Die von der EZB gefürchteten Zweitrundeneffekte vom hohen Ölpreis seien nicht zu erkennen. Auch der Eurogruppen-Vorsitzende Jean-Claude Juncker betonte, der Inflationsausblick sei nicht so Besorgnis erregend, als dass man die Zinsen anheben müsste. Die Meinungsverschiedenheiten mit der EZB seien aber nicht verwunderlich. EU-Währungskommissar Joaquin Almunia lobte dagegen, bislang hätten die Entscheidungen der EZB die Stabilität in der Euro-Zone verbessert.
Die EZB hat zuletzt klar gemacht, dass sie die Zinsen wegen der Risiken für die Preisstabilität anheben müsse, ohne dass dies automatisch in einer Zinserhöhungsserie im Stile der US-Notenbank Fed enden werde. OECD-Chefvolkswirt Cotis ließ aber durchblicken, dass mehrere Zinsschritte in Folge notwendig sein könnten, um die gewünschte Wirkung zu erzielen. "Solch eine Zinserhöhung soll Wirkung auf die langfristigen Zinsen haben, und um das zu erzielen, braucht man einen (Erhöhungs-) Zyklus." Die OECD unterstellt in ihrer Prognose, dass die Zentralbank die Zinsen ab Herbst kommenden Jahres in kleinen Schritte um dann insgesamt 1,25 Prozent erhöhen wird.
füx