Madrid/Frankfurt (Reuters) - Die Europäische Zentralbank (EZB) hat den Leitzins im Euro-Raum wegen wachsender Inflationsgefahr wie erwartet leicht erhöht. Zugleich ließ sie die Tür für weitere geldpolitische Straffungen offen, die Experten nun frühestens Ende August erwarten.
Die EZB müsse die Unterstützung für die Konjunktur zunehmend reduzieren, wenn sich das Wachstum weiter wie von der Zentralbank erwartet festige, sagte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet am Donnerstag nach der EZB-Ratssitzung in Madrid. Die EZB geht von einem anhaltenden Aufschwung der Wirtschaft mit Wachstumsraten um zwei Prozent aus. Der Leitzins sei auch nach der Erhöhung um 25 Basispunkte auf 2,75 Prozent noch historisch niedrig, und es gebe noch immer Risiken für die Preisstabilität. "Wir werden weiter eingehend alle Entwicklungen beobachten, um Preisstabilität mittel- bis langfristig zu gewährleisten", sagte Trichet und betonte zugleich, der EZB-Rat habe weiter keinen festen Fahrplan für weitere Zinserhöhungen.
Nach Einschätzung von Analysten ist damit der nächste Zinsschritt erst Ende August zu erwarten, wenn der EZB-Rat das erste Mal nach der Sommerpause wieder mit einer anschließenden Pressekonferenz tagt. Mit der Aussicht auf ein weiter vorsichtiges Agieren der Zentralbank verbilligte sich der Euro um fast anderthalb Cent auf 1,2640 Dollar. Einige Marktteilnehmer hatten aggressivere Töne von Trichet erwartet.
ÖLPREIS HÄLT INFLATION HOCH
Die Zinserhöhung begründete der EZB-Chef mit den Gefahren für die Preisstabilität, die unter anderem von hohen Ölpreisen, geplanten Steuererhöhungen und dem starken Kreditwachstum in der Wirtschaft ausgingen. Trichet räumte ein, dass einige Ratsmitglieder für eine stärkere Zinserhöhung um 50 Basispunkte waren. Doch die überwiegende Mehrheit habe den moderaten Schritt von 25 Basispunkten für angemessen gehalten. Bei den Aussichten für die Preisentwicklung, zu denen neue Projektionen des EZB-Volkswirtestabes veröffentlicht wurden, gab Trichet keine Entwarnung. Die Teuerung bleibe in diesem und im kommenden Jahr erhöht und könne weiter steigen. Die EZB rechnet für 2006 im Mittel nun mit einer Jahresrate von 2,3 Prozent nach 2,2 Prozent in der März-Prognose. Stabile Preise sieht die EZB erst bei Raten knapp unter zwei Prozent erreicht. Die Vorhersage für 2007 blieb unverändert bei 2,2 Prozent. Die leichte Aufwärtsrevision erklärte Trichet mit dem gestiegenen Ölpreis.
Das Wachstum stabilisiert sich aus Sicht der EZB bei Raten um zwei Prozent. Die Prognose für 2006 lag unverändert bei 2,1 Prozent im Mittelwert, für 2007 machten die EZB-Experten Abstriche von zwei Zehntel Prozent auf 1,8 Prozent, die Trichet zufolge ebenfalls dem Ölpreis geschuldet sind. Die EZB fördere auch nach drei Zinserhöhungen noch die Konjunktur. Die geänderte Prognose-Annahme für den Kurzfristzins, bei dem die EZB nun den am Markt erwarteten Zins und nicht länger einen als konstant angenommenen voraussetzt, habe keinen Einfluss gehabt.
EZB BEI GELDPOLITIK NICHT FESTGELEGT
Wie oft und wann die EZB weiter an der Zinsschraube drehen wird, ließ Trichet bewusst offen. Die EZB hatte im Dezember erstmals den seit zweieinhalb Jahren auf einem Rekordtief von zwei Prozent liegenden Zins angehoben. Dass die Notenbank seither drei Mal im Quartalsabstand zeitgleich mit der Bekanntgabe neuer Prognosen die Geldversorgung drosselte, sei kein vorab abgestimmter Plan, betonte Trichet. Die Währungshüter beurteilten die Lage jeden Monat neu: "Wir werden tun, was notwendig ist, wenn es notwendig ist - und wir kleben nicht an einer Vorabfestlegung." Elwin de Groot, Volkswirt von der Fortis Bank in Amsterdam, bezweifelte das. "Das ist wie Tanzen - es gibt einen Rhythmus, in dem sie erhöhen, und an den halten sie sich." Trichet habe nur den Eindruck vermeiden wollen, die EZB sehe Grund zur Eile.
Der EZB-Chef habe der Erwartung einer schärferen Zinspolitik den Wind aus den Segeln genommen, sagte auch Rainer Guntermann von Dresdner Kleinwort Wasserstein. "Wir sollten keine Zinserhöhung im Juli erwarten, aber die Tür für weitere Erhöhungen bleibt offen." Wie einige andere Experten rechnet er mit dem nächsten Schritt Ende August. Nach Einschätzung von Norbert Braems von Sal. Oppenheim ist danach Schluss. Eine weitere Euro-Aufwertung werde das Preisniveau dämpfen und der EZB die Arbeit abnehmen. Bisher setzten die meisten Volkswirte auf 3,25 Prozent zum Ende diesen Jahres.