Von "stellarem Wachstum" spricht Michael Schmid, Experte für Kreditderivate der Credit Suisse in Zürich, um die Entwicklung des Markts zu beschreiben. Schmid will mit neuen Produkten auch Privatanlegern den Zugang zu diesem Markt eröffnen, denn die sind bisher ausgeschlossen.
Etwa 20 Großbanken und eine Reihe von Hedgefonds und Private-Equity-Fonds machen den Markt. Tatsächlich wuchs kein Derivatemarkt in den vergangenen zehn Jahre schneller als der für Kreditversicherungen.
Der Nominalwert der Swaps ist nach dem jüngsten Bericht der ISDA (International Swaps and Derivatives Association) in den ersten sechs Monaten des Jahres 2006 auf 26 Billionen Dollar gestiegen. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es 12,4 Billionen Dollar. Eine Steigerung um 109 Prozent. Zum Vergleich: Das Bruttoinlandsprodukt der USA liegt bei 13 Billionen Dolar pro Jahr.
"Große Versuchung"
Bei einem Credit Default Swap wird in der Regel eine Ausfallsumme von zehn Millionen Euro (oder ein Vielfaches davon) für fünf Jahre gegen Zahlung einer Prämie versichert. Und der Markt bietet einen großen Renditehebel – und Raum für Insiderhandel:
Die Kosten, um einen Zahlungsausfall im Volumen von zehn Millionen Dollar bei Harrah’s-Bonds für fünf Jahre abzusichern, lagen am 29. September bei 112.000 Dollar. 14 Tage vorher waren es noch 80.000 Dollar gewesen.
Trotzdem lohnte sich für die Frühkäufer der Insider-Deal. Denn nach Bekanntgabe der Übernahmeofferte kostete der Harrah’s-CDS wenige Tage später 250.000 Dollar. Der Markt erwartet eine höhere Verschuldung und ein höheres Ausfallrisiko bei den neuen Eigentümern.
"Die Versuchung, Geld auf eine Art und Weise zu machen, die in einem regulären Markt niemals akzeptiert würde, ist einfach zu groß", kommentiert Michael Greenberger, ehemals Direktor der US-Regulierungsbehörde, die Vorgänge um die Harrah’s-Derivate.
Und die sind kein Einzelfall. Ähnliche Preisentwicklungen bei den Credit Default Swaps der Beteiligten gab es im Juli im Vorfeld der Übernahme von HCA, der größten Krankenhauskette der USA. Deren CDS stiegen drei Tage vor Bekanntgabe eines Delistings durch Private-Equity-Eigner um 16 Prozent. Doch wer glaubt, dass die wüsten Methoden auf dem Markt eine Wachstumsbremse wären, der täuscht sich.
"Mangel an hochrentierlichen Anlagen"
Auf den Markt stürzen sich Banken und Versicherungen geradezu. Verkäufer der Kredit-Swaps sind jedoch immer öfter Hedgefonds und Private-Equity-Fonds. Sie halten inzwischen einen Marktanteil von 58 Prozent des Bestands.
Warum das so ist, erläutert Thorsten Polleit, Chefökonom bei Barclays in Frankfurt. "Wir sind in einem Niedrigzinsumfeld. Investoren suchen nach Möglichkeiten, ihre Erträge zu verbessern. Das gilt für Hedgefonds, aber auch für Lebensversicherungen, die händeringend nach Rendite suchen."
Das bestätigt Bernhard Speyer, Finanzmarktexperte der Deutsche Bank Research: "Für Protection Seller sind die Derivate zunehmend zu einer eigenen Anlageklasse geworden. Das gilt etwa für Hedgefonds und Private-Equity-Fonds. Die Attraktivität von Kreditderivaten als Anlageklasse hat dabei auch etwas mit der allgemeinen Zinslage zu tun. Es gibt einen Mangel an hochrentierlichen Anlagen und daher die Suche nach Rendite."
"Massenvernichtungswaffen"
"Massenvernichtungswaffen" nannte Warren Buffett 2003 die riesigen Derivatemärkte. Da kannte er die Entwicklung auf dem Kreditderivatemarkt noch nicht. Und der Kapitalmarkt liebt die Waffen, denn er wird durch sie per saldo effizienter.
Deutsch-Banker Speyer: "Risiken werden breiter gestreut. Das Bankensystem wird entlastet. Und jeder Marktteilnehmer kann sein Risikoportfolio durch feinere Partionierung genauer auf seine Präferenzen hin zusammenstellen."
Doch der Markt ist trotz seiner Größe noch sehr jung und, wie die Insidergeschäfte zeigen, schwer zu überschauen. Ein Teil des Geschäfts wird immer noch over the counter (otc) abgewickelt. Das heißt, Verkäufer und Käufer der Credit Default Swaps vereinbaren das Geschäft untereinander, ein börsenmäßiger Handel findet nicht statt.
Mit dem Wachstum dieses Markts konnte zeitweise sogar die Verwaltung in den Banken nicht Schritt halten. Milliardenbeträge wurden per Fax und E-Mail verschoben. Die Zustände haben sich erst nach eindringlichen Warnungen der Finanzaufsichtsbehörden gebessert.
"Wenn mal etwas schiefgeht, wird sich die Spreu vom Weizen trennen"
Doch inzwischen mehren sich die Stimmen, die angesichts des jetzt schon erreichten Marktvolumens und der prognostizierten Wachstumsraten eine Gefahr für das Finanzsystem sehen.
Thorsten Polleit sieht die eigentliche Gefahr darin, dass "die massive Liquidität, die die Zentralbanken bereitgestellt haben, in verschiedene Derivatemärkte geht und dort zu einem Problem werden kann. Ein so großer Markt wie der CDS-Markt kann dann eine Eigendynamik entwickeln."
Sind Credit Default Swaps auch eine Anlageklasse für Privatanleger? Bisher sind sie noch weitgehend ausgeschlossen. Michael Schmid von der Credit Suisse ist davon überzeugt, dass Fondsangebote für Privatanleger kommen werden.
Doch gute Produkte zu entwickeln, dauert seine Zeit. Die Credit Suisse bietet seit einigen Monaten ihre sogenannten Engineered-Fonds an. Die Fonds setzen auch auf Credit Default Swaps. Sie versprechen dem Privatanleger eine höhere Rendite. Doch die Bewährung für den Markt kommt noch. Schmid: "Zuletzt lieferte der Kreditderivatemarkt hohe Auszahlungen. Wenn mal etwas schiefgeht, wird sich die Spreu vom Weizen trennen."
Exkurs zu Kreditderivaten:
1. Credit Default Swaps: Versicherung gegen Pleiten
Ein CDS ist eine Kreditversicherung. Kredit- und Anleihegläubiger kaufen mit einem CDS Schutz für den Fall, dass ein Schuldner seine Schuld nicht mehr bedienen kann. In der Regel werden Kontrakte auf fünf Jahre geschlossen, in denen der CDS-Verkäufer die Zahlung von zehn Millionen Dollar im Fall eines Schuldenausfalls zusagt. Dafür ist eine jährliche Prämie fällig.
Die Trennung von Kreditgeschäft und Ausfallrisiko erlaubt den Kapitalmärkten per Saldo eine bessere Verteilung des Risikos. Es gibt heute CDS-Titel auf etwa 3000 Unternehmen. Der Markt hat ein Volumen von 26 Billionen Dollar und dreistellige Wachstumsraten (zuletzt 109 Prozent).
2. Ausfallrisiko: Lange nichts passiert
Ein Grund für das Wachstum des Markts dürfte unter anderem darin zu sehen sein, dass in der jüngeren Vergangenheit die Zahl der sogenannten Credit Events oder Kreditereignisse, die zu einer Zahlungsverpflichtung der CDS-Verkäufer geführt hätte, stark abgenommen hat.
Im CDS-Index Itraxx Europe ist der Durchschnittspreis für einen Fünf-Jahres-Kontrakt zuletzt auf 27000 Dollar gesunken. Im März stand er noch bei 35000 Dollar. Im zweiten Quartal 2006 hat es kein einziges ausfallrelevantes Ereignis gegeben.
3. Raketenartiges Wachstum: Vergleich mit bekannten Blasen Die Grafik zeigt, wie sich verschiedene Märkte, die allgemein als Bubble-Märkte bezeichnet werden, in einem Zeitraum ihres stärksten Wachstums von jeweils sechs Jahren entwickelt haben.
Wachstumsstärkster Markt war die Nasdaq im Zeitraum 1995 bis 2000. Gegen die Entwicklung auf dem Markt für Kreditderivate nehmen sich die bisher bekannten historischen Blasen eher zwergenhaft aus.
4. Privatanleger: Noch kaum Zugang
Private Anleihekäufer sind von der stürmischen Entwicklung auf dem CDS-Markt zunächst eher indirekt betroffen. Je öfter die Anleiherisiken getrennt gehandhabt werden, desto weniger und desto weniger zeitnah lassen sich an Anleihekursen selbst Risiken ablesen. Im Markt für Privatanleger werden Basket-CDS in Zusammenhang mit einer Geldeinlage als sogenannte Credit Linked Notes (CLN) gehandelt.
Eine CLN auf einen Einzeltitel stellt jedoch eher eine synthetische Unternehmensanleihe dar. Eine CLN, die sich auf ein Basket-CDS bezieht, umfasst Titel auf mehrere Anleiheschuldner. Tritt kein Ereignis ein, erhält der Anleger eine jährliche feste Zinszahlung. Am Ende der Laufzeit fließt das eingesetzte Kapital zurück. Die Credit Suisse wirbt für ihre Engineered-Fonds ausdrücklich mit den Einsatz von CDS.
Quelle :
http://www.fundresearch.de/index.asp?intPageID=5&pkBerichtNr=134117&pkRubrikNr=474&blnArchiv=0
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