Moebius: Hättest Du dies im Februar 2000 geschrieben, hättest Du auch "Recht gehabt" (bezogen auf die Vergangenheit). Damals war auch kaum jemand bärisch, und Bären wurden veralbert - so wie Du es jetzt tendenziell mit mir machst. Nun, dass ist Dein gutes Recht, hier im Forum herrscht Meinungsfreiheit, jedem das Seine. Ich selber ziehe vor, Dich nicht persönlich zu kritisieren (so wie Du jetzt mich - Zitat: "Eindämmung überschäumenden Unsinns" in # 2060), obwohl ich Deine langfristigen Zukunftsperspektiven (Entwertung allen Papiergeldes, Flucht in Gold usw.) nicht teile.
Wer an der Börse Zukunftserwartungen formuliert, liegt oft falsch - Anfänger ebenso wie alte Hasen. Das geht fast jedem von uns zeitweilig so. Die Frage ist freilich, wann man eine Erwartung als "nicht eingetreten" bezeichnen soll. Das sehen Daytrader z. B. völlig anders als Langzeitinvestoren, und beide von ihrer jeweiligen Warte aus zu Recht. Es kommt auf den Zeithorizont an.
Ob ich mit meiner Vermutung, dass die US-Börsen demnächst stärker korrigieren werden (von einem Crash rede ich gar nicht, sondern von einer 10 bis 20 % Korrektur, die selbst in einem längerfristigen Bullenmarkt noch "normal" ist), kann nur die Zukunft zeigen.
Mein Zeithorizont ist bei Mai 2007. Das ist was anderes als Prophezeihungen, "der Crash kommt morgen", die hier ja auch durch den Thread geistern (aber nicht von mir). Durchaus möglich, dass sich meine Korrektur-Erwartung nicht erfüllt, ich bin kein Hellseher. Mir scheinen die Argumente
dafür allerdings stichhaltiger zu sein als die
dagegen. Daher gebe ich Sie hier im Thread kund. Ich habe niemandem empfohlen, es mir gleichzutun und in einen intakten Uptrend zu shorten, was man an der Börse ja eigentlich nie tun sollte.
Meine Spekulation auf einen fallenden SP-500 steht jetzt im Minus. Mein EK war beim mittleren Kurs von 1370, gestern war der Schlusskurs 1427. Daraus errechnet sich ein Minus von knapp 4 %. Der Anstieg des SP-500 seit dem Juli-Tief bei 1225 beläuft sich allerdings schon auf 16,5 %, so dass ich - bezogen auf diese "Welle" - zurzeit noch im oberen Viertel liege. Solch ein Minus ist zwar nicht schön, aber auch kein Beinbruch. Im Mai korrigierten die Börsen in zwei Monaten um 8 % - das ging schneller, als Viele glaubten. Sie können auch schnell mal um 20 % korrigieren, wenn widrige Umstände zusammentreffen (z. B. Krieg in Nahost, stark ansteigender Ölpreis, US-Rezession, Terrorismus usw.).
Klar biete ich, wenn ich öffentlich Meinungen über Börsentendenzen kundgebe und diese nicht oder nicht sofort eintreten, Angriffsfläche (wobei viele Kritiker aus dem Daytrader-Bereich stammen und einen ganz anderen Zeithorizont haben als ich). Nicht umsonst heißt es im bekannten deutschen Sprichwort:
"Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen."
Dieser Spott ist mir hier im Thread schon häufiger entgegengeschlagen, und er wird natürlich umso schärfer, je höher die Indizes steigen. Tenor: "Jetzt siehst Du, was bei all Deinen pseudo-klugen Analysen rausgekommen ist. Nichts davon ist eingetreten. Du hast öffentlich Geld verbrannt. Wer wirklich durchblickt (wie wir), dem wäre das nicht passiert. Den Trend sah schließlich jeder. Wie konntest Du so dumm sein, dagegenzuhalten, versteh ich nicht. Und nun kommst Du, weil Du falsch lagst, auch noch mit krusen Thesen über Marktmanipulation. Das ist doch lächerlich. Gesteh doch lieber ein, dass Du keine Ahnung hast von der Börse, sonst lägst Du ja richtig. Das ist ein hartes Geschäft, lass mal lieber die Finger davon, wenn Du nicht durchblickst. Jeder andere bei Ariva hat es besser getroffen als Du. Es stieg, nur Du hast es nicht gesehen. Du hast allen, Dir hier bei Dir im Thread mitgelesen haben, nur geschadet - usw. usf."
Ja sicher, kann man so sehen. Aber ich stehe mit meiner derzeitigen Bären-Sicht (ich bin kein Perma-Bär, siehe Long-Threads zu PFE, MSFT, NOK, INTC usw.) ja nicht allein. Es gibt durchaus kluge Köpfe (z. B. Doug Kass von Street.com - siehe Postings), die mit guten Argumenten einen kommenden Bären-Markt bis Ende 2007 begründen. Was natürlich nicht heißt, dass sie Recht behalten werden.
Interessant ist, dass in den vielen Ariva-Threads, in denen Leute mit ihren KAUFempfehlungen (long) von Aktien im Minus landen (oder gar im Konkurs wie bei WCM), sehr viel weniger Häme ausgekippt wird als bei Shortsellern, die im Minus liegen. Liegt wohl in der Natur der Sache: Die meisten Hobby-Börsianer sind "long-only", und wenn dann ein Bär gegen sie "stänkert", ist es natürlich nur erfreulich, wenn er dann auch noch falsch liegt.
Die Frage, die ich mir als Shortseller jetzt stellen muss, ist: Hat sich fundamental seit Eingehen der Short-Position irgendetwas verändert? Das kann ich, so wie ich die Dinge zurzeit sehe, für mich verneinen. Die Housing-Krise spitzt sich weiter zu (# 2046, 2052), Öl steigt wieder über 60 Dollar, in USA drücken weiterhin hohe Inflation, das Doppeldefizit und ein gegenüber dem Vorjahr abgeschwächter Arbeitsmarkt. Die industriellen Indikatoren im "Rust Belt" stehen teils auf Rezessionsniveau (ISM unter 50). Lediglich die gestern um 1 % gestiegenen Einzelhandelsumsätze waren positiv. Positiv sind natürlich auch die Ergebnisse der großen Broker, die vom Private-Equity-Boom stark profitieren (wie Anfang 2000). Insgesamt sehe ich aber nach wie vor eine Tendenz zum Schlechteren.
Börsen verhalten sich allerdings bekanntlich nicht rational, sie sind gesteuert von Emotionen (Gier) und von der zur Verfügung stehenden Liquidität, die zurzeit recht hoch ist. Altmeister Kostolany reduziert die Börse auf zwei Faktoren: "Geld" und "Psychologie". Beide Faktoren sind zurzeit stark positiv. Steigende Kurse sorgen für bessere Stimmung, die dann immer mehr Liquidität in Aktien zieht.
Die hohe Liquidität überrascht zurzeit Viele, auch Profis. Sie widerspricht der These vom "ausblutenden US-Konsumenten", der überschuldet ist und sein Haus nicht mehr beleihen kann. Das viele Geld kommt zurzeit von den Private-Equity-Fonds, die mit geschickten Konstrukten (Junk-Bond-Emissionen, Hedgefond-Absicherung, Credit Default Swaps usw.) immer mehr neues Geld künstlich erzeugen, damit überteuerte Übernahmen finanzieren und die Börsen weiter hoch treiben. So kommt es zu dem Phänomen, dass Fonds mit Junk-Bonds veritable Firmen mit besten Ratings überteuert übernehmen können, gleichzeitig aber, weil sie den Firmen die Übernahmeschulden aufbürden, deren Rating gefährden. Wie lange das noch gut geht, weiß niemand. Dass wir in USA jedoch eine bedrohliche Derivate-Blase haben, die immer irrwitziger wächst, beunruhigt u. a. die Marktauguren der Rating-Agentur Standard & Poor's - und nicht zuletzt Warren Buffett, der Derivate als "Massenvernichtungsmittel der Finanzindustrie" bezeichnet.
Da die hohe Liquidität die Kurse steigen lässt und steigende Kurse wiederum für bessere Börsenstimmung sorgen, konnte sich die Rallye seit Monaten ungebrochen fortsetzen. Die Basis dafür ist größtenteils technisch/psychologisch. Wer diese Entwicklung, wie ich, mit der gebotenen Skepis betrachtet, kommt nicht umhin, Zweifel anzumelden. Fallen die Kurse erst mal wieder, ist, wie man im Mai sah, im Handumdrehen auch "die Stimmung" dahin - und auch die Liquidität versiegt, da sie Risikoscheu weicht. Viele, die bei den jetzigen steigenden Kursen erklären, "bei einem Rücksetzer dick einsteigen" zu wollen, handeln, wenn der Rücksetzer plötzlich kommt, dann doch lieber nicht, weil sie Angst bekommen. Plötzlich bleiben die Dip-Buyer "überraschend" weg.
Ich werde jedenfalls in diesem Thread - trotz alle Häme und Kritik - auch weiterhin Postings von kritischen Marktbeobachtern bringen und glaube, dass dies auch für Bullen lesenswerte Lektüre ist. Es gibt bei Ariva ja fast nur noch long-Threads. Da sollte es im Sinne einer "gesunden Mischung" doch eigentlich begrüßenswert sein, wenn in diesem Thread mal die Short-Argumente GESAMMELT werden. Wer mir dann, wie Moebius und andere, auf Grund dieser Short-Argument-SAMMLUNG eine "verengte Weltsicht" unterstellt, hat dies nicht recht begriffen. So hat etwa J.B. einen Thread mit US-Daten und einen weiteren mit US-Quartalsergebnissen aufgemacht. Im US-Daten-Thread kommen - nomen est omen - halt nur US-Daten vor. Ebenso unsinnig wäre es nun, J.B. eine "verengte Weltsicht" zu unterstellen, weil der in diesem Thread "nur US-Daten" bringt. Theoretisch könnte Moebius dort posten: Hör mal, J.B., Du bist zwar sehr fleißig und kennst Dich gut aus, aber findest Du es nicht sehr einseitig, dass Du immer nur auf US-Daten achtest?" Ich muss nicht betonen, dass einer, der so argumentiert, etwas Wichtiges nicht begriffen hat.
In die gleiche Kerbe schlagen manche Kritiker in diesem Thread, die mir wegen der hiesigen Short-Argument-Sammlung "einseitige Weltsicht" unterstellen. Ich empfehle diesen Leuten, mal einen Blick in meine vielen Long-Thread zu werfen - zu Nokia, Pfizer, Intel, Microsoft u. v. m.