Markterholung
Aufwärts mit Angst
Von Bettina Schulz
„Das ist jetzt nicht der Zeitpunkt, sich Sorgen über die deutsche Wirtschafts...
„Das ist jetzt nicht der Zeitpunkt, sich Sorgen über die deutsche Wirtschaftserholung zu machen“, sagt J.P. Morgan
13. September 2009 Es ist ungewöhnlich, aber an den Finanzmärkten steigt derzeit alles: Die Aktienkurse legen zu, die Nachfrage an den Anleihemärkten hält unvermindert an, die Notierungen der Rohstoffe klettern in die Höhe, und selbst der Goldpreis ist über die Marke von 1000 Dollar die Feinunze ausgebrochen. Einzig und allein der Wechselkurs des Dollar gibt nach – seit März um mehr als 10 Prozent. Ende der Woche kostete ein Euro rund 1,46 Dollar. So schwach war der Dollar gegenüber der europäischen Gemeinschaftswährung seit Mitte Dezember nicht mehr. Der Aufschwung an den Börsen seit März ist rasant. Die großen Indizes an der Wall Street und in Europa haben um mehr als 50 Prozent seit ihren Tiefs im Frühjahr zugelegt. Der deutsche Aktienindex Dax schloss die Woche mit kräftigen Gewinnen über der Marke von 5600 Punkten.
Nun haben viele Marktbeobachter Angst, dass die Markterholung zu rasant voranschreitet, die Kurse gegenüber der Wirtschaftsentwicklung schon zu viel vorweggenommen haben, die Bewertungen schon wieder nicht mehr gerechtfertigt sind und das Weh und Übel einer zweiten Welle des Konjunktureinbruches noch kommen wird. Viele Marktteilnehmer mögen immer noch nicht wahrhaben, dass sich die Märkte seit März in einem neuen Bullenmarkt befinden.
Es gibt nichts besseres an der Börse
Diese Angst ist aber eigentlich für die Märkte hervorragend, denn es gibt nichts Besseres an der Börse als die Phase eines „Aufwärts mit Angst“. Sie verhindert, dass sich die Marktteilnehmer in kopfloser Euphorie in Risiken stürzen, für die sie wenig später bitter bestraft werden. Gerade diese Angst verhindert, dass der Markt zu schnell auf zu wackelige Höhen steigt.
Nach Angaben von J.P. Morgan ist der globale Investor immer noch ängstlich und hält etwa 37 Prozent seines Portfolios in Kasse, deutlich mehr als der Durchschnittswert der vergangenen 20 Jahre. Seit Beginn des Jahres sind Anleihen im Wert von 4,5 Billionen Dollar aufgelegt und von Anlegern gekauft worden mit gleichzeitig sinkenden Anleiherenditen, was im Prinzip einen Nachfrageüberhang signalisiert.
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Investoren ziehen zwar derzeit Gelder aus Geldmarktfonds ab, legen den Löwenanteil dieser Mittel jedoch an den Anleihemärkten und nicht den Aktienmärkten an. „Das ist das typische Verhalten in einer Übergangssituation, bevor die Anleger wieder an die Aktienmärkte zurückkehren“, heißt es bei J.P. Morgan. Dies erklärt auch, warum auf Privatanleger ausgerichtete Finanzinstitute wie Charles Schwab ihren immer noch verängstigten Kunden raten, langsam an die Aktienmärkte zurückzukehren, um die Rally nicht völlig zu verpassen. Die Masse der Anleger ist immer noch verstört. Nach der blutigen Nase, die sich die Privatinvestoren mit dem Platzen der Technologie-Blase holten, folgte nicht einmal zehn Jahre später in der jetzigen Finanzkrise ein weiterer Kursabsturz an den Aktienmärkten. Es kann daher lange dauern, bis ihr Vertrauen wieder zurückkehrt.
Was viele Beobachter nicht wahrhaben wollen
Die institutionellen Marktteilnehmer klopfen indessen die Marktsituation auf die fundamentale Erholung und auf technische Vorgaben früherer Rezessionen ab. Aus fundamentaler Sicht zeigt sich, was viele Beobachter nicht wahrhaben wollen: Die Industrie hatte aus Angst über die schwerste Bankenkrise seit der Nachkriegszeit ihre Lagerhaltung überproportional reduziert, wurde aber durch die außergewöhnlichen fiskal- und geldpolitischen Hilfsmaßnahmen der Regierungen und Notenbanken überrascht.
Natürlich hat die Finanzkrise eine Rezession ausgelöst. Aber die Arbeitslosigkeit und der Konsum haben letztlich nicht so dramatisch reagiert, wie von der Industrie befürchtet. Dies zeigt nicht zuletzt die zuversichtliche Stimmung der amerikanischen Verbraucher nach dem am Freitag veröffentlichten Michigan-Index für September.
Die Industrie muss nun ihre Lagerhaltung, Produktion, Beschaffung von Investitionsgütern, Rohstoffen und Halbfertigprodukten überproportional ankurbeln. Spannend werden also diese Woche die Veröffentlichung der Industrieproduktion in Europa und der deutsche ZEW-Index am Dienstag sein.
Analysten der großen Investmentbanken in der Londoner City und der Wall Street rechnen mit einem kräftigen Wirtschaftswachstum in der zweiten Jahreshälfte und Anfang kommenden Jahres. Daher engagieren sich Fondsmanager in zyklischen Aktienwerten. „Das ist jetzt nicht der Zeitpunkt, sich Sorgen über die deutsche Wirtschaftserholung zu machen“, sagt J.P. Morgan.
Was der Vergleich mit früheren Rezessionen lehrt
Ein Vergleich mit früheren Rezessionen und dem Umschwung von Bären- in Bullenmärkte zeigt nach Angaben von Morgan Stanley, dass die Rally nach der Baisse in der Regel 17 Monate dauere und die Märkte in dieser Zeit im Schnitt um 71 Prozent zulegten. Davon liegen aktuell „erst“ gut 50 Prozent hinter uns. Danach folge dann eine deutliche Korrektur, die voraussichtlich im kommenden Jahr die Märkte erschüttern wird, wenn die Notenbanken ihre expansive Geldpolitik zurückfahren. In der Regel erholen sich die Märkte am schnellsten in der ersten Phase des Trendwechsels, wenn die Wirtschaft noch in der Rezession steckt, aber das Tempo des Abschwungs nachlässt. Wenn die Volkswirtschaften langsam wieder auf den Pfad des Wirtschaftswachstums einschwenken, zieht die zweite, etwas moderatere Erholungsphase die Märkte nochmals höher.
Bis jetzt folgt der Aufschwung an den Aktienmärkten exakt der Dynamik nach früheren Rezessionsperioden, obwohl der Markt- und Konjunktureinbruch schärfer ausgefallen war als in vergleichbaren Episoden nach dem Krieg. Eigentlich ist also die Erholung nicht überraschend stark, sondern sogar moderat. Analysten bei Goldman Sachs erwarten, dass sich die Gewinnsituation der Industrie drastisch wandeln wird und Unternehmen nach den derzeitigen Verlusten im kommenden Jahr ein Gewinnwachstum von etwa 40 Prozent verzeichnen werden. Angesichts dessen seien die Bewertungen an den Märkten nicht übersteigert, sondern niedrig. Morgan Stanley sieht dies ähnlich: „Die Markterholung von 53 Prozent in den Vereinigten Staaten und Europa wäre ausgesprochen mager, sollte sie jetzt schon beendet sein.“
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP
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"Die Aktienbörsen werden im wesentlichen von Psychopathen bevölkert."
Altkanzler Helmut Schmidt