Kennen Sie den größten Magier aller Zeiten? Nein, nein, ich meine nicht David Copperfield. Ah, Sie erinnern sich an Alan Greenspan, den großen Magier der Märkte? Nein, ich bitte Sie, der Mann ist schon lange entzaubert, - seine Greenspan-Puts, für die man ihn auf den Thron des größten und besten Notenbankchefs aller Zeiten hievte stellten sich leider als fauler Zauber heraus.
Es gibt einen neuen großen Magier in der Welt der Finanz- und Geldpolitik: sein Name ist Jean-Claude Trichet. Als Hexenmeister hat er sich noch keinen großen Namen gemacht, eher als Sturkopf, der angeblich viel zu spät und zu schwach auf die Finanzkrise reagiert hat. Sei´s drum. Er will kein Sturkopf mehr sein und die Zaubershow ist eröffnet, denn Jean-Claude hat etwas im Hinterkopf. Herzlich willkommen in der Welt des Geldes, - der Welt der Illusionen.
Worum geht es? Genau wie das Fed, die Bank of England und viele andere Notenbanken versorgt auch die Europäische Zentralbank (EZB) seit Monaten die Geschäftsbanken mit zinsgünstigem Zentralbankgeld. Inflationssorgen machen sich breit, - nicht nur bei Finanzfachleuten, sondern auch in der breiten Bevölkerung. Auf diese Situation muss ein Zentralbankchef natürlich mit überlegener Zuversicht reagieren und Sicherheit suggerieren, indem er seine EZB als Institution mit unbegrenzter Machtfülle darstellt, die selbstverständlich alles im Griff hat und jederzeit regulierend in die Märkte eingreifen kann. Sie kennen das, - man zündet halt einfach ein paar von diesen allseits beliebten Nebelkerzen.
Man liest und staunt:
www.manager-magazin.de/geld/artikel/0,2828,647004,00.html
www.manager-magazin.de/it/artikel/0,2828,646820,00.html
Zu den zahlreichen Maßnahmen der EZB gehört etwa die unbegrenzte Zuteilung von liquiden Mitteln zu dem derzeit sehr niedrigen Leitzins von einem Prozent. Die Mittel werden darüber hinaus für ein Jahr, also außergewöhnlich lange, zur Verfügung gestellt. [...] Im Juni hatten 1100 Banken im Euro-Raum eine Rekordsumme von mehr als 442 Milliarden Euro frisches Geld nachgefragt. Im Dezember ist die dritte und letzte Zuteilung dieser sogenannten Zwölfmonatstender geplant. [...] "Unsere unkonventionellen Maßnahmen wurden mit einer entsprechenden Ausstiegsstrategie im Hinterkopf angelegt", sagte Trichet am Freitag in Frankfurt. [...]Die Notenbank könne die überschüssige Liquidität rasch wieder einsammeln, unterstrich Trichet: "Noch ist der Zeitpunkt dafür nicht gekommen, aber wir sind jederzeit bereit dazu."
Herr Trichet hat also eine Ausstiegsstrategie im Hinterkopf, um die vielen Milliarden Euro an bereit gestellter Liquidität wieder „einzusammeln“. Das Wort „Einsammeln“ hat hier übrigens die Bedeutung von Zurückzahlen. Wann und vor allem wie dieses „Einsammeln“ vonstatten gehen soll, verschweigt er. Ich denke, er weiss es auch nicht.
Was Monsieur Trichet auch nicht erwähnt, ist nicht nur, dass der gesamte amerikanische, britische und deutsche Bankensektor faktisch insolvent ist, sondern in Folge weltweit das komplette System aus Staaten, Notenbanken und Geschäftsbanken. Auch die Chinesen scheinen mittlerweile zu ahnen, dass sie zu den Gästen dieser grandiosen Zaubershow gehören.
Schauen wir uns einmal genau an, wie in der Welt der Geldillusion gerade gezaubert wird. Bis jetzt wurde die Pflicht eine Bilanz aufzustellen auch für Banken noch nicht abgeschafft. Sie setzt sich üblicherweise aus Aktiva (Vermögensbestände, Forderungen, etc.) und Passiva (Verbindlichkeiten, Rückstellungen, etc.) zusammen. Damit ein Unternehmen, oder auch eine Bank als gesund und lebendig bezeichnet werden kann, muss eine Bilanz ausgeglichen sein. Von Vorteil ist auch, wenn die Vermögenswerte die Verbindlichkeiten übersteigen, denn die Differenz zwischen diesen Positionen nennt man Eigenkapital und je höher das ist, desto gesünder ist ein Unternehmen. Wenn nun auf einmal ein mehr oder weniger großer Bestand der Aktiva einen sehr großen Wertverlust erleidet, dann hat man ein Problem, - je nachdem ein sehr großes: die Bankbilanz ist nicht mehr ausgeglichen. Neue frische und vor allem wertvolle Assets müssen her. So, und genau an dieser Stelle fängt man an zu zaubern. Man ändert einfach die Spiel-, also die Bilanzregeln und verwandelt Essig zu Wein.
Ehemals guter Wein (über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten) ist zu Essig der Marke „Toxic“ geworden, landläufig unter dem Namen „Mistpapiere“ bekannt. Das macht aber nichts, wenn man den Preis für Essig einfach dem von gutem Wein anpasst. Zwar gibt kein Mensch für Essig genauso viel Geld aus wie für guten Wein, aber was sauer schmeckt wird halt wieder schmackhaft gehext. Hex, hex!
Die Notenbanken tauschen ihre vorgeblich guten Papiere (z. B. Staatsanleihen) gegen Papiere, die kaum noch etwas wert sind, weil die Schuldner, die dahinter stehen insolvent sind. Man senkt weltweit die Zinsen auf nahe Null und verschafft so den Banken fast kostenlose Liquidität. Die Staaten produzieren neue „sichere“ Assets, in dem sie sich in gigantischer, nie dagewesener Weise neu verschulden und verkaufen mittlerweile in den USA und Großbritannien ihre, - natürlich mit einem Triple-A-Rating ausgestatteten Bonds - direkt an die Notenbanken. Mit dem neu gezauberten Geld wird dann zum Großteil der Bankensektor zusätzlich gestützt und den Bürgern (Bürgen) wird erzählt, dass Essig irgendwann einmal wieder zu Wein wird. Zur Ablenkung gibt´s obendrein eine Umweltprämie.
Nun könnte man glauben, dass diese Zauberei von neuem Geld ewig weiter gehen könnte. Doch handelt es sich natürlich um eine Illusion. Alle Welt schaut auf die Mistpapiere, also auf die Aktivseite der Bankbilanzen und freut sich, wenn die wieder schön sauber aussieht. Genau so wichtig ist jedoch auch der Blick auf die Passivseite, denn hier stehen die Verbindlichkeiten, die verzinst werden müssen. Und bekanntlich müssen Zinsen erwirtschaftet und erarbeitet werden, doch das wird zusehends immer schwieriger, weil die Geldsummen, - mit Geld meine ich hier Ansprüche auf Auszahlung von Zentralbankgeld (AaAvZBG) - durch den Zinseszins-Effekt (800 Billionen $ stecken allein in Derivaten) in so starkem Maße angestiegen sind, dass es für die Volkswirtschaften weltweit einfach nicht mehr möglich ist, mit den Wachstumsraten des Geldes Gleichschritt zu halten. Doch Geld muss „wachsen“ und deswegen werden mit dem neuen Geld nicht nur realisierte Verluste aus Abschreibungen ausgeglichen, sondern es muss auch neues Zentralbankgeld entstehen, um die Verzinsung der Banken-Passiva mit diesem neuen Basisgeld zu ermöglichen.
(Siehe hierzu auch: Detailansicht.80.0.html?&cHash=dd87303761&tx_t3blog_pi1www.cashkurs.com/..._t3blog_pi1[daxBlogList][showUid]%3D4061)
Um welche Wachstumsraten es sich handelt wird begreifbar, wenn man sich vor Augen führt, dass sich die Bilanzsumme der Deutschen Bank von 918 Milliarden € im Jahr 2001 auf 2,2 Billionen € im Jahr 2008 mehr als verdoppelt hat.
Zieht Jean-Claude Trichet irgendwann die frisch ausgeteilte Liquidität (deren Grundlage nicht etwa erbrachte Leistungen, sondern Ersatz für real gewordene Verluste und die Ermöglichung neues Geldwachstums (AaAvZBG) ist) tatsächlich wieder ein, wird es einen großen Knall geben und das gesamte weltweit vernetzte System aus Notenbanken, Banken und Staaten wäre von einem Tag auf den anderen insolvent. Also wird die Illusion des Einsammelns (Zurückzahlens) aufrecht erhalten,- so lange es noch geht. Die Zaubershow könnte eigentlich ewig so weitergehen, aber ich habe die Befürchtung, dass die Bürger (Bürgen), vor allem die chinesischen (!) anfangen zu begreifen, dass Essig niemals wieder zu Wein werden kann, dass die öffentlichen Haushalte niemals konsolidiert werden können und dass Jean-Claude kein großer Magier ist.
Das Einsammeln der Liquidität ist nicht möglich: Ce n'est pas possible, Jean-Claude!
Wird Herr Trichet irgendwann einmal antworten? Vielleicht ja. Vielleicht mit dem Satz: „Rien ne va plus.“
Quelle: www.cashkurs.com/...p;tx_t3blog_pi1[daxBlogList][showUid]=4559
"Wer gegen den Strom schwimmt, sollte das möglichst in der Nähe des Ufers tun."