Das Depot des SYSTEM22 nun relativ stark bestückt ist und verdient an steigenden Kursen.
Es wäre typisch ... wenn die Rallye weitergehen würde
Nun sollte jedermann klar sein, dass der Ursprung der momentanen Gegenbewegung nach oben keineswegs eine tiefgreifende Verbesserung der Gesamtlage oder gar eine Lösung der Finanzkrise war. Es waren schlicht Eindeckungen riesiger Shortpositionen, die systematisch aufgebaut und immer höher gestapelt wurden, ohne dass man sich (auch typisch) dabei zeitgerecht Gedanken gemacht hat, wie man sie wieder abbauen könnte, ohne nach einer relativ langen Abwärtsbewegung riesige Massen an Akteuren vorzufinden, die händeringend darum betteln, den Baissiers ihre Shortpositionen auf Crashniveau abzukaufen. Wie so oft kamen diese händeringenden Bettler nicht, man wurde nervös, deckte in dünne Umsätze ein und trat damit eine Rallye los. Da der Verfalltermin, nunmehr absolviert, vor der Tür stand, wurde diese Rallye einfach eine Nummer größer. Bis dahin ist alles normal ... und man könnte nun durchaus davon ausgehen, dass die Aktienmärkte nun wieder so langsam aber sicher nach unten abdrehen. Kann durchaus sein. Aber es wäre typisch, wenn sie es nicht täten.
Wohin ich auch meine Ohren hänge, überall höre und lese ich, dass wir hier nur eine typische Bärenmarktrallye sehen, die dementsprechend nur kurz währt und nicht weit reicht. Die Kommentatoren zeigen entweder ein wissendes, arrogantes Lächeln oder eine dezent verhaltene Verärgerung, je nachdem, ob sie nicht investiert (erstere Gesichtszüge) oder immer noch massiv Short sind und gerade kräftig auf den Hut bekommen. Dann gibt es noch diejenigen, die ein wenig verunsichert einräumen, dass wir hier durchaus, so mal rein theoretisch, die Tiefs der Baisse gesehen haben könnte, man aber gut daran täte, hierzu erst eine Bestätigung abzuarten – entweder in Form eines erfolgreichen Retests der bisherigen Tiefs oder zumindest in Form eines größeren Rücksetzers. Nicht gereicht werden grinsende Gesichtszüge, die Leuten gehören, die diese Entwicklung vorhergesagt hatten und nun schon gut investiert sind. Weil es sie nicht gab. Auch ich kann und will mich zu denen nicht zählen, auch wenn das Depot des SYSTEM22 nun relativ stark bestückt ist und an steigenden Kursen verdient. Deswegen habe ich keineswegs gewusst, wann und wo die Rallye beginnen würde. Ich hatte nur viele Positionen gehalten und sukzessive zugekauft, weil kein Kurseinbruch ewig währt (was man aber nur glauben kann, wenn man die typisch menschlichen Emotionen ein wenig verdrängen kann).
Aber das ist der Punkt:
Das haben wenige getan. Umso mehr halten ihre Shortpositionen einfach weiter und hoffen darauf, dass die Kurse nun schnell nach unten drehen. Damit stellen sie aber andererseits das Käuferpotenzial dar, das die Kurse im Gegenteil durch Eindeckungen weiter nach oben bringt, falls die Kurse eben nicht wieder schnell abstürzen. Und die wissend lächelnden Fondamanager wissen sehr wohl, dass sie Probleme bekommen, falls ihre Einschätzung nun umgehend wieder fallender Kurse fehlgeht ... und sie dann in ihren Fonds einen zu hohen Barbestand haben, sodass nach der bisherigen Rallye nun auch weiter anziehende Kurse an ihnen vorbeilaufen.
Und kaum einer ist dabei ...
Ich habe den Eindruck gewonnen, dass an dieser bisherigen Rallye, obgleich sie z.B. im USIndex S&P 500 von den Tiefs bei 666 Punkten bis zum Hoch gestern sagenhafte 23,5% beträgt, kaum jemand dabei ist. Und das ist von der Sache her ja gut möglich, man muss sich nur mal das Ganze etwas plastischer vorstellen:
Die Aussage „niemand hat im Moment Aktien“, die man immer mal wieder hört, ist natürlich Blödsinn. Die Zahl der Aktien nimmt nicht ab, nur, weil sie im Kurs fallen. Irgendwer muss sie also haben. Aber dass von einer Rallye dennoch nur wenige profitieren, ist dennoch möglich. Wie oben erwähnt entsprang diese (wie fast jede) Rallye vor allem Eindeckungen von leer verkauften Aktien bzw. von Shortpositionen. Wer eindeckt, sichert so seine Baissegewinne oder begrenzt seine Baisse-Verluste, aber er profitiert ja nicht von den steigenden Kursen. Und da gerade solch eine relativ lange und intensive Abwärtsbewegung in der Endphase sehr stark von solchen Baisse-Operationen dominiert wird, haben echte Aktienkäufe und – Verkäufe in der Nähe der Tiefs sukzessive abgenommen. Klar, wer Aktien hat, profitiert in gewisser Weise von diesem Kursanstieg. Aber nur diejenigen, die Barbestände auch nahe der Tiefs zu Aktienkäufen genutzt hatten, fahren jetzt auch Gewinne ein. Die Mehrzahl der anderen reduziert nur Verluste, und das ist natürlich weit weniger befriedigend. Und diejenigen, die ihre Barbestände hoch –, aber nicht nahe der Tiefs wieder heruntergefahren haben, stehen nun da und hoffen, dass die Kurse drehen ... entweder so richtig, damit sie es nicht bereuen müssen, nicht gekauft zu haben oder doch zumindest so weit, dass die noch zu einigermaßen guten Kursen einsteigen können. Bleibt aber die Frage:
Die Ziegel in der Mauer der Angst
Wer wird denn nun dafür sorgen, dass es dazu kommt? Wer wird den Baissiers aus der Patsche und denen, die nicht ausreichend investiert sind, zu guten Einstiegskursen verhelfen, indem er jetzt verkauft? Klar, Gewinnmitnahmen kommen immer. Aber alleine heute Mittag hörte ich an drei Stellen: „Na, sehen Sie, die Kurse drehen ja schon wieder nach unten“. Das ist vielsagend, denn wenn der S&P-Future mal ein Prozent ins Minus geht, nachdem er am Tag zuvor sieben Prozent gestiegen ist, dann ist das nur normal und nicht mehr als Gewinnmitnahmen. Doch aus solchen Sprüchen hört man klar die verborgene Emotion heraus „hoffentlich geht es jetzt wieder runter“. Würden die Auguren in den Medien nun die Trendwende verkünden und Börsenzeitungen das Ende der Baisse vermelden, ich würde diesen Artikel nicht schreiben sondern beginnen, den Wechsel auf die Baisse-Seite vorzunehmen. Aber dass in dieser Hinsicht so völlige Funkstille ist, lässt den Gedanken zu, dass es – typischerweise – völlig anders kommen könnte, als es die Mehrheit glaubt und/oder hofft. Zumal:
Das Bild ist zumindest momentan nicht ganz so wie bei einer „normalen“ Bärenmarktrallye, denn zum einen steht das Quartalsende vor der Tür – und viele Fonds sitzen nach dem scharfen Einbruch von Mitte Januar bis Mitte März auf empfindlich hohen Barbeständen. Und zum anderen haben der Dow Jones mit der Zone 7.450/7.550 und der S&P 500 mit der Zone 800/804 gestern wichtige Widerstandslinien überboten und notierten zur Stunde auch während laufender Gewinnmitnahmen darüber.
Diese beiden Aspekte erzeugen ein Nervositätspotenzial bei der scheinbar sehr hohen Zahl derer, die Short oder nicht investiert sind. Und genau das ist die Angst, aus der die vielzitierte „Mauer der Angst“ besteht, an welcher Aktienkurse, oft wider die externen Rahmenbedingungen und eben genau wider Erwartung und Hoffnung der Mehrheit der Investoren, weiter emporklettern können. Und mit jedem Prozent, das die Indizes jetzt noch aufsatteln könnten, steigt die Zahl derer, die nicht wirklich handeln wollen ... aber wegen Unterinvestition oder Verlusten in Shortpositionen handeln müssen. Wenn dann noch der Versuch gelingt, das Thema Finanzmarktkrise ein wenig unter den Teppich des Vergessens zu kehren, könnte es wahrhaftig sein, dass diejenigen unter uns, die die Börse immer nur rein rational und in engem Gleichlauf mit der konjunkturellen Entwicklung betrachten, wieder mal verärgert mit dem Kopf schütteln und konstatieren: „Die spinnen, die Börsianer“. Daher meine ich, wäre für den der investiert ist, am besten: Stopps gestaffelt unter wichtige Chartmarken setzen und sich zu viele Gewinnmitnahmen rein aus dem Bauch heraus verkneifen. Wie gesagt: Es muss nicht so kommen, keineswegs. Aber ... es wäre typisch!
Mit den besten Grüßen
Ihr Ronald Gehrt
(www.system22.de)
Der komplette Artikel ist noch'n gutes Stück länger, Gehrt setzt sich u.a. mit dem "Geithner Plan" und dessen Wirkung auseinander.
Hier geht's entlang:
http://www.system22.de/Marktkommentar24.03.pdf Eine Lüge ist bereits dreimal um die Erde gelaufen, bevor sich die Wahrheit die Schuhe anzieht. (Mark Twain)