New York - Gary Wilson hat dieser Tage einen drastischen Schritt gewagt: Er hat nach vielen Jahren seinen New Yorker Telefonanschluss gekündigt. "Ich brauche das Festnetz nicht mehr", sagt der 38-jährige Architekt. "Die Leitung ist nur noch eine unnötige Ausgabe."
Wilson ist kein Einzelfall mehr: Immer mehr Amerikaner verzichten aufs traditionelle Telefon. Wie Wilson stützen sie sich für ihren fernmündlichen Bedarf stattdessen lieber ausschließlich auf "Zukunftstechnologien", die längst schon Gegenwart geworden sind: Handy, Kabel, Breitband, Wireless LAN - selbst wenn sie in Manhattan dazu die alte, berühmte Prestige-Telefonvorwahl 212 aufgegeben müssen. Die Folge: Klassische Telekom-Firmen und Wall-Street-Giganten wie AT&T und Sprint werden gezwungen, sich neu zu erfinden - oder im Wandel zu verlieren.
Ein Zeitenwandel bahnt sich an. "Unsere Kinder", prophezeit Telekom-Expertin Andrea Coombes (marketwatch.com), "werden ihren ungläubigen Kindern erzählen, dass es vor langer Zeit einmal Telefone gab, die mit langen, schmalen Schnüren an einer Buchse in der Wand hingen."
Sechs Millionen Haushalte ganz ohne Festnetz
Mobilfunk und Broadband-Service ersetzen die klassischen Telekom-Angebote - und machen viele dieser Angebote, namentlich das Geschäft mit Ferngesprächen, sogar hinfällig: Inzwischen haben nach einer Studie der Marktforschungsfirma Mediamark schon 5,8 Millionen US-Haushalte (5,5 Prozent aller Haushalte) überhaupt keinen Festnetz-Anschluss mehr, sondern nur noch Handys. Im Jahr 2001 waren es nur 1,4 Prozent.
Diesen Trend bekommen vor allem die traditionellen Telekom-Konzerne und Wall-Street-Favoriten zu spüren, für die der Long-Distance-Markt bisher das Kerngeschäft war. Sprint - das der Wall Street morgen seine Quartalsbilanz vorlegt - kündigte gerade die Streichung von 700 Festnetz-Stellen an, meist im Verkauf und Kundendienst. Zugleich begann das Unternehmen, sich ganz aus dem Long-Distance-Geschäft zurückzuziehen. Die bis dahin verbleibenden Ferndienste will Sprint künftig nur noch "gebündelt" verkaufen, zum Beispiel mit Wireless oder Internet-Service.
20 Prozent der Belegschaft soll gehen
Ähnlich drastische Schritte hatten zuvor auch schon die Sprint-Rivalen MCI und AT&T unternommen. Der Preiskrieg, die Aufwertung der Handys, neue Regulierungsmaßnahmen und Gerichtsurteile zu Gunsten lokaler Telefonunternehmen haben den Großen das Geschäft verdorben. So sehr, dass AT&T - immerhin der größte Long-Distance-Anbieter der USA - und MCI inzwischen als Übernahme-Kandidaten gehandelt werden. Angebliche Preisforderung für MCI: sechs Milliarden Dollar.
Derweil kürzt AT&T (das seine Quartalsbilanz am Donnerstag veröffentlicht) allein in diesem Jahr 12.000 Jobs - 20 Prozent der Belegschaft - und will ebenfalls aufs Privatkundengeschäft verzichten. "Wir unterziehen uns einer Schlankheitskur, um wettbewerbsfähiger zu werden", sagt AT&T-Finanzchef Thomas Horton. Den Mobilfunk-Ableger AT&T Wireless verkaufte der Konzern bereits an den Mobil-Star Cingular, ein Joint Venture von Bell South und SBC, zweier ehemaliger "Baby Bells".
Ein Teufelskreis also: Je besser der Handy-Service, desto mehr Kunden laufen dem alten Festnetz davon. Vor allem junge Kunden: Fast die Hälfte der Amerikaner, die der antiquierten Telefonschnur bisher entsagt haben, sind Marktforschungsstudien zufolge gerade mal zwischen 18 und 34 Jahren alt. Sie sind die Telekom-Kunden der Zukunft - doch kaum mehr die Kunden der alten Telekom-Stars.

