Nach dem Absturz der Raumfähre Columbia hat in den USA der Kampf der Lobbyisten begonnen. Die Nasa will mehr Geld von der US-Regierung, Konzerne wie Boeing und Lockheed Martin spekulieren auf neue Aufträge. Dagegen fordern Kritiker: Schluss mit der bemannten Raumfahrt
von Sven Parplies / Euro am Sonntag
Es ist ein schauriges Puzzle. Auf einer Fläche von mehr als 5000 Quadratkilometern, von Kalifornien bis Louisiana, suchen Bergungstrupps noch immer nach den Trümmern der verglühten Raumfähre Columbia. Jedes Teil könnte den entscheidenden Hinweis auf die Ursache der Katastrophe liefern. Einige Reste fand die Weltraumbehörde Nasa sogar im Internet - auf der Homepage des Auktionshauses Ebay wurden kurzzeitig Columbia-Trümmer für fünfstellige Dollar-Beträge angeboten.
Mit Geldern dieser Größenordnung gibt sich die Behörde normalerweise nicht ab, für sie stehen wesentlich höhere Summen auf dem Spiel: Jahr für Jahr werden im Rahmen des Shuttle-Programms zweistellige Milliardenbeträge umgesetzt. Mit dem tragischen Ende des Nasa-Flaggschiffs ist jetzt ein erbitterter Kampf um staatliche Fördergelder und lukrative Aufträge für die Industrie entbrannt. Die Weltraumbehörde instrumentalisierte sogar die Hinterbliebenen der verunglückten Astronauten als Werbeträger. Wenige Stunden nach dem Absturz verlas ein Sprecher ein Statement der Angehörigen: Es sei ihr Wunsch, dass das Weltraumprogramm weitergeführt werde, lautete der Tenor der Botschaft, die sich vor allem an Präsident George W. Bush, den Nasa-Hauptsponsor, richtete.
Mindestens ein Jahr, so schätzen Experten, müssen die drei verbliebenen US-Raumfähren am Boden bleiben. Wie groß der wirtschaftliche Schaden am Ende tatsächlich sein wird, steht noch in den Sternen. Charles Vick, unabhängiger Unternehmensberater aus Virginia, prophezeit der bemannten Raumfahrt in den USA aber bereits jetzt "einige traumatische Jahre", und meint damit nicht nur die Nasa, sondern auch deren Partner in der Wirtschaft. Die Schockwellen der Columbia-Katastrophe reichen bis nach Europa. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Bonn schätzt, dass ein einjähriges Flugverbot für die amerikanische Shuttle-Flotte die hiesige Wirtschaft 250 Millionen Euro kosten wird. Davon betroffen wäre vor allem EADS. Der deutsch-französische Konzern, der zu möglichen finanziellen Sonderbelastungen keine Angaben machen will, produziert über seine Tochter Astrium die Hauptsegmente des Forschungslabors Columbus. Das sollte ursprünglich im Oktober 2004 in die internationale Raumstation ISS integriert werden. Über die Tragkraft, das mehrere Tonnen schwere Labor in den Weltraum zu hieven, verfügen zurzeit jedoch nur die Nasa-Fähren.
Die Hauptprofiteure des Shuttle-Programms sitzen aber in den USA. Boeing - nicht nur für den Bau der Raumfähren verantwortlich, sondern gemeinsam mit Lockheed Martin auch für deren Instandhaltung - kommt so allein durch die Nasa auf 1,55 Milliarden Dollar Umsatz pro Jahr, Lockheed Martin auf 700 Millionen Dollar. Der Raketenhersteller Alliant Techsystems verdankt den Nasa-Schiffen immerhin 380 Millionen Dollar Jahresumsatz. Geht es nach den Nasa-Lobbyisten und ihren Verbündeten in der Wirtschaft, muss als Reaktion auf die Columbia-Katastrophe der Aufbau der zweiten Space-Shuttle-Generation beschleunigt werden. Nach bisherigen Planungen der Regierung ist deren Einsatz frühestens ab 2011 vorgesehen.
Längst haben sich auch die Kritiker des Raumfähren-Programms zu Wort gemeldet. So zum Beispiel Gregg Easterbook vom Washingtoner Forschungszentrum Brookings Institution. Der Weltraumexperte fordert eine drastische Einschränkung der Flüge in den Weltraum. Das Programm sei zu teuer, veraltet, ineffektiv und ein Sicherheitsrisiko für die Besatzung. Alex Roland, Professor an der Duke University, geht sogar noch weiter: Für ihn ist die bemannte Raumfahrt eine "Zirkusveranstaltung".
Diese Kritik trifft die Nasa und die Industriekonzerne an ihrer empfindlichsten Stelle, denn der wirtschaftliche Nutzen der Shuttle-Missionen ist seit langem heftig umstritten. So dienten die US-Fähren seit dem Absturz der Challenger im Januar 1986 fast ausschließlich als Transporter für den Aufbau der Weltraumstation ISS. Diese Aufgabe, so meinen die Kritiker, könnte auch von unbemannten Trägerraketen übernommen werden - ohne dabei Menschenleben zu riskieren. Vor allem aber sei das billiger. Gerade das Kostenargument wiegt schwer. Seit Präsident John F. Kennedy mit viel Pathos die Eroberung des Weltalls zum offiziellen Regierungsprogramm erhoben hat, schwindet die Begeisterung für das einstige Prestigeprojekt, das im Kalten Krieg die Überlegenheit des westlichen Wirtschaftssystems symbolisieren sollte. Wurden 1962 vier Prozent des amerikanischen Staatshaushalts in Nasa-Projekte investiert, begann das Budget schon im Jahr der Mondlandung 1969 zu schrumpfen. Seit mehr als 25 Jahren beträgt der Anteil am US-Gesamthaushalt weniger als ein Prozent.
Nur eine untergeordnete Rolle spielt die zivile Raumfahrt in den Plänen von US-Präsident Bush. So spendabel sich der Texaner bei Weltraumprogrammen des US-Verteidigungsministeriums zeigt, so hart muss die Nasa um ihren Etat kämpfen. Im Haushaltsentwurf 2004 sind hierfür 15,5 Milliarden Dollar veranschlagt - immerhin 500 Millionen mehr als im Vorjahr, aber zu wenig für eine umfassende Nachrüstung der Raumfahrtflotte. In seiner emotionalen Trauerrede für die Columbia-Besatzung kündigte Bush an, dass das Shuttle-Programm fortgesetzt werde - zusätzliche Mittel stellte er aber nicht in Aussicht.
Eine Aufstockung des Etats scheint angesichts des dramatischen Haushaltsdefizits und der unsicheren wirtschaftlichen Perspektiven utopisch. Zumal das Weiße Haus seit langem der Finanzplanung der Nasa misstraut, die ihr Budget in der Vergangenheit regelmäßig überzogen hat. So sind die Kosten der Raumstation ISS von anfänglich 15 auf mittlerweile über 35 Milliarden Dollar in die Höhe geschossen. Daher machen sich die Finanzmärkte auch keine Hoffnung auf eine rasche Budget-Erhöhung für die zivile Raumfahrt. Die Aktien von Boeing und Lockheed Martin gehörten am Tag nach der Columbia-Katastrophe zu den größten Verlieren an den US-Börsen. Boeing büßte rund zwei Prozent ein, Lockheed sogar drei Prozent. Merrill Lynch sieht dennoch keinen Grund zur Panik: Das Shuttle-Programm mache weniger als drei Prozent des Gesamtumsatzes von beiden Konzernen aus. Prekärer ist die Lage bei Alliant Techsystems, dem dritten großen Raumfahrt-Profiteur: Das Unternehmen aus Minnesota erzielte bisher rund 17 Prozent seines Jahresumsatzes mit dem Shuttle-Programm. Wegen der unsicheren Perspektiven stufte Credit Suisse First Boston die Aktie jetzt auf Neutral zurück.
-red-