Bilanzexperte Professor Bernhard Pellens zur Enron-Pleite.
Pellens steht seit 1997 dem Lehrstuhl für Internationale Unternehmensrechnung der Universität Bochum vor. Der 46-Jährige ist unter anderem Mitglied des Deutschen Rechnungslegungs Standards Committee.
Herr Pellens, zeigt sich nach der Enron-Pleite, dass die US-Bilanzierungsregeln GAAP bei weitem größere Schwächen haben, als von den Verfechtern der Regeln gerne behauptet wird?
Der Enron-Skandal ist keine Frage des Bilanzierungssystems. Jedes System bietet den Unternehmen mehr oder weniger Ermessensspielräume und Schlupflöcher, deren Nutzung nach außen hin nicht immer transparent wird. Egal, welche Rechnungslegungsvorschriften sie verwenden, spezielle Vertragskonstruktionen wie bei Enron die Partnerschaftsunternehmen, die so genannten Special Purpose Entities (SPE), können sich Unternehmen immer ausdenken und dort Geschäftsrisiken hin verschieben.
Glauben Sie, dass jetzt die Stunde der International Accounting Standards (IAS) schlägt?
Im Augenblick kranken auch die europäischen IAS daran, dass viele Bereiche nicht oder nur wenig detailliert reguliert sind. So ist beispielsweise die bilanzielle Behandlung von Aktienoptionsplänen nach IAS bisher überhaupt nicht geregelt, während bei USGAAP hierzu Vorschriften existieren.
Gibt es also generell Schwächen bei allen Rechnungslegungssystemen?
Nach dem derzeitigen Stand aller Bilanzierungsregeln gibt es Möglichkeiten und Wege, unternehmerische Risiken auszulagern und so dem Leser der Konzernbilanz vorzuenthalten. Das Problem ist, dass Unternehmen, die bestrebt sind, ihre wirtschaftlichen Verhältnisse in einer bestimmten Weise zu verschleiern, dies in der Regel auch tun können – und oft auch auf völlig legalem Wege.
Bringt das Enron-Debakel nicht den US-Kapitalmarkt als Ganzes in Gefahr?
Angesichts der großen Verunsicherung sind negative Rückwirkungen auf die Reputation der USA als dem Finanzplatz Nummer eins denkbar. Schon deshalb muss die SEC als Aufsichtsbehörde zwingend und drastisch reagieren. Wenn ich die Außerungen von SEC-Chairman Pitt richtig deute, will er das gesamte Bilanz- und Publizitätssystem auf den Prüfstand stellen und Unternehmen zwingen, Informationen noch schneller und verständlicher an den Markt zu bringen.
Kann es bei europäischen Unternehmen – egal, ob sie nach US-GAAP oder nach IAS bilanzieren – zu ähnlichen Schieflagen kommen?
Kein Rechnungslegungssystem der Welt kann kriminelle Energie von Einzelnen verhindern. Zudem hat jede Regulierung Grenzen. Jede neue Regel wird auch legale Ausweichhandlungen nach sich ziehen, um die Kennzahlen zu schönen. Letztlich hinken die Regeln der Realität immer hinterher. Insofern warne ich vor hektischer Betriebsamkeit, wie sie sich in den USA abzeichnet.
Hören Sie denn derzeit allgemein in bestimmten Bilanzpositionen Zeitbomben ticken?
In den Firmenwertabschreibungen steckt viel Potenzial für negative Überraschungen. Nachdem in den vergangenen Jahren viel zu viele Unternehmen andere Unternehmen zu teuer und mit hohen Schulden belastet übernommen haben, könnten außerordentliche Abschreibungen auf den so genannten Goodwill nun zu dramatischen Schieflagen führen. Das betrifft insbesondere die New Economy und hierunter die Telekomunikations- und Telekomausrüsterbranche. Für eine spektakuläre Überraschung hat hier jüngst AOL Time-Warner mit ihrer Ankündigung einer Goodwillabschreibung in Höhe von etwa 50 Milliarden Dollar gesorgt.
Christof Schürmann
Pellens steht seit 1997 dem Lehrstuhl für Internationale Unternehmensrechnung der Universität Bochum vor. Der 46-Jährige ist unter anderem Mitglied des Deutschen Rechnungslegungs Standards Committee.
Herr Pellens, zeigt sich nach der Enron-Pleite, dass die US-Bilanzierungsregeln GAAP bei weitem größere Schwächen haben, als von den Verfechtern der Regeln gerne behauptet wird?
Der Enron-Skandal ist keine Frage des Bilanzierungssystems. Jedes System bietet den Unternehmen mehr oder weniger Ermessensspielräume und Schlupflöcher, deren Nutzung nach außen hin nicht immer transparent wird. Egal, welche Rechnungslegungsvorschriften sie verwenden, spezielle Vertragskonstruktionen wie bei Enron die Partnerschaftsunternehmen, die so genannten Special Purpose Entities (SPE), können sich Unternehmen immer ausdenken und dort Geschäftsrisiken hin verschieben.
Glauben Sie, dass jetzt die Stunde der International Accounting Standards (IAS) schlägt?
Im Augenblick kranken auch die europäischen IAS daran, dass viele Bereiche nicht oder nur wenig detailliert reguliert sind. So ist beispielsweise die bilanzielle Behandlung von Aktienoptionsplänen nach IAS bisher überhaupt nicht geregelt, während bei USGAAP hierzu Vorschriften existieren.
Gibt es also generell Schwächen bei allen Rechnungslegungssystemen?
Nach dem derzeitigen Stand aller Bilanzierungsregeln gibt es Möglichkeiten und Wege, unternehmerische Risiken auszulagern und so dem Leser der Konzernbilanz vorzuenthalten. Das Problem ist, dass Unternehmen, die bestrebt sind, ihre wirtschaftlichen Verhältnisse in einer bestimmten Weise zu verschleiern, dies in der Regel auch tun können – und oft auch auf völlig legalem Wege.
Bringt das Enron-Debakel nicht den US-Kapitalmarkt als Ganzes in Gefahr?
Angesichts der großen Verunsicherung sind negative Rückwirkungen auf die Reputation der USA als dem Finanzplatz Nummer eins denkbar. Schon deshalb muss die SEC als Aufsichtsbehörde zwingend und drastisch reagieren. Wenn ich die Außerungen von SEC-Chairman Pitt richtig deute, will er das gesamte Bilanz- und Publizitätssystem auf den Prüfstand stellen und Unternehmen zwingen, Informationen noch schneller und verständlicher an den Markt zu bringen.
Kann es bei europäischen Unternehmen – egal, ob sie nach US-GAAP oder nach IAS bilanzieren – zu ähnlichen Schieflagen kommen?
Kein Rechnungslegungssystem der Welt kann kriminelle Energie von Einzelnen verhindern. Zudem hat jede Regulierung Grenzen. Jede neue Regel wird auch legale Ausweichhandlungen nach sich ziehen, um die Kennzahlen zu schönen. Letztlich hinken die Regeln der Realität immer hinterher. Insofern warne ich vor hektischer Betriebsamkeit, wie sie sich in den USA abzeichnet.
Hören Sie denn derzeit allgemein in bestimmten Bilanzpositionen Zeitbomben ticken?
In den Firmenwertabschreibungen steckt viel Potenzial für negative Überraschungen. Nachdem in den vergangenen Jahren viel zu viele Unternehmen andere Unternehmen zu teuer und mit hohen Schulden belastet übernommen haben, könnten außerordentliche Abschreibungen auf den so genannten Goodwill nun zu dramatischen Schieflagen führen. Das betrifft insbesondere die New Economy und hierunter die Telekomunikations- und Telekomausrüsterbranche. Für eine spektakuläre Überraschung hat hier jüngst AOL Time-Warner mit ihrer Ankündigung einer Goodwillabschreibung in Höhe von etwa 50 Milliarden Dollar gesorgt.
Christof Schürmann