Die Wurzeln der Berentzen-Gruppe AG reichen bis 1758 zurück. Als Ursprung gilt eine historische Dokumentation aus Haselünne, in der die Brennerei erwähnt wird, die später von Johann Bernhard Berentzen übernommen wurde. 1899 wurde „Berentzen vom alten Faß“ als Marke eingetragen. Der große Durchbruch kam 1976 mit Berentzen Apfelkorn, der das Unternehmen vom regionalen Anbieter zum national bekannten Spirituosenhersteller machte. 1988 fusionierte I.B. Berentzen mit Pabst & Richarz zur heutigen Berentzen-Gruppe. Danach folgten wichtige Erweiterungen: 1990 kam Puschkin hinzu, 1992 Doornkaat, 1993 wurde die AG gegründet, 1994 folgte der Börsengang, 1998 wurde Dethleffsen mit Marken wie Bommerlunder übernommen. 2008 stieg Aurelius als Hauptaktionär ein, 2016 verkaufte Aurelius vollständig; seitdem befindet sich der überwiegende Teil der Aktien im Streubesitz. 2014 wurde Citrocasa übernommen und damit das Geschäft mit Frischsaftsystemen aufgebaut, 2015 kam die Sinalco-Konzession hinzu, 2025 wurde die Strategie BERENTZEN EVOLVE 2030 vorgestellt und 2026 mit JUMA der Einstieg in funktionale Getränke verstärkt. (Berentzen-Gruppe:)
Operativ steht Berentzen heute auf mehreren Beinen: Spirituosen, Spirituosen Türkei, alkoholfreie Getränke, Frischsaftsysteme und kleinere übrige Aktivitäten. Zum Portfolio gehören Berentzen, Puschkin, Tres Países, Strothmann, Doornkaat, Bommerlunder, Dirty Harry, Handelsmarkenspirituosen über Pabst & Richarz, Mio Mio, JUMA, Kräuterbraut, Emsland Quelle, Emsland Sonne, Vivaris Sport, Sinalco in Lizenz sowie Citrocasa und Frutas Naturales im Frischsaftbereich. Das ist breiter, als viele Anleger bei Berentzen vermuten. Trotzdem ist das Spirituosengeschäft weiterhin der wichtigste Ergebnisträger, und genau dort liegt das strukturelle Problem.
Die Zahlen für 2025 waren gemischt. Der Konzernumsatz ohne Alkoholsteuer fiel von 182,5 Mio. Euro auf 162,9 Mio. Euro, also um 10,7 %. Das bereinigte EBITDA sank von 19,3 Mio. Euro auf 17,1 Mio. Euro, das bereinigte EBIT von 10,6 Mio. Euro auf 8,5 Mio. Euro. Positiv war, dass das Konzernergebnis nach dem Verlustjahr 2024 wieder bei 2,4 Mio. Euro lag und der Free Cashflow von 2,7 Mio. Euro auf 5,1 Mio. Euro stieg. Die Nettofinanzverschuldung lag zum Jahresende 2025 offiziell nur bei 3,7 Mio. Euro, die Eigenkapitalquote bei 36,5 %, die Mitarbeiterzahl bei 428. Das ist solide, aber nicht dynamisch.
Der Jahresauftakt 2026 war schwach. Im ersten Quartal sank der Umsatz um 9,7 % auf 35,2 Mio. Euro. Das bereinigte EBIT brach von 1,2 Mio. Euro auf nur noch 0,2 Mio. Euro ein, das bereinigte EBITDA ging von 3,3 Mio. Euro auf 2,4 Mio. Euro zurück. Besonders belastend war das Segment Spirituosen: dort lagen die Umsätze im ersten Quartal bei 22,5 Mio. Euro nach 25,5 Mio. Euro im Vorjahr. Berentzen selbst verweist auf schwache Konsumnachfrage, hohe Lagerbestände im Handel und eine fortgesetzte Schwäche bei alkoholischen Getränken in Deutschland. Die Jahresprognose wurde trotzdem bestätigt: Für 2026 erwartet der Konzern weiterhin 163 bis 173 Mio. Euro Umsatz, 7 bis 9 Mio. Euro EBIT und 16,1 bis 18,1 Mio. Euro EBITDA.
Die Aktionärsstruktur ist breit gestreut. Nach aktuellen Daten von finanzen.net und MarketScreener liegt der Freefloat bei rund 90 %. Größere gemeldete Anteilseigner sind Lazard Frères Gestion mit rund 5,07 %, Aevum Pension Fund mit rund 5,01 %, MainFirst Affiliated Fund Managers mit rund 2,96 %, Marchmain Invest mit rund 2,79 % sowie die Berentzen-Gruppe selbst mit eigenen Aktien von rund 2,15 %. Zwar zählen einige Datenanbieter kleinere institutionelle Positionen zugleich zum Freefloat, daher addieren sich die ausgewiesenen Prozentwerte methodisch nicht immer sauber auf 100 %. Doch Berentzen hat keinen dominierenden strategischen Großaktionär mehr; es ist eine klassische Small-Cap-Streubesitzaktie. (finanzen.net)
Am 7. Juli 2026 notierte die Aktie auf Xetra bei 3,32 Euro. Bei 9,3937 Mio. ausstehenden Aktien ergibt sich rechnerisch eine Marktkapitalisierung von rund 31 Mio. Euro. Auf Basis des 2025er EPS von 0,252 Euro liegt das KGV bei rund 13,2. Das Kurs-Umsatz-Verhältnis liegt nur bei etwa 0,19, das Kurs-Buchwert-Verhältnis bei etwa 0,66. Die Dividende für 2025 betrug beziehungsweise sollte 0,11 Euro je Aktie betragen; beim Kurs um 3,32 Euro entspricht das rund 3,3 % Rendite. Diese Kennzahlen wirken günstig, aber der Bewertungsabschlag ist erklärbar: Berentzen ist klein, wenig liquide, operativ schwankungsanfällig und im Kerngeschäft strukturellem Druck ausgesetzt. (FinanzNachrichten.de)
Der wichtigste Gegenwind ist das Schrumpfen des deutschen Spirituosenmarkts. Der Bundesverband der Deutschen Spirituosen-Industrie und -Importeure meldete für 2025 im Lebensmitteleinzelhandel einen Absatzrückgang von rund 3 % und einen Umsatzrückgang von rund 4 %. Der Pro-Kopf-Konsum von Spirituosen sank 2025 erneut um rund 3 % auf etwa 4,85 Liter Fertigware. Auch das Statistische Bundesamt verweist darauf, dass der Alkoholkonsum in Deutschland im Zehnjahresvergleich rückläufig ist. Für Berentzen heißt das: Die alte Equity Story „starke Spirituosenmarken plus günstige Bewertung“ reicht nicht mehr. Das Unternehmen muss tatsächlich beweisen, dass Mio Mio, JUMA, RTD-Produkte, Export, Frischsaftsysteme und neue Vertriebskanäle die rückläufige oder stagnierende Spirituosenseite ausgleichen können. (spirituosen-verband.de)
Die Strategie BERENTZEN EVOLVE 2030 zielt genau darauf: neue Marken und Produkte, neue Märkte und neue Vertriebskanäle. In den offiziellen Unterlagen nennt Berentzen für 2026 unter anderem den JUMA-Launch ab Mai, einen Relaunch von Puschkin und neue Puschkin-Ready-to-Drink-Produkte in Dosen. Mio Mio soll durch Dosen, Neuprodukte und breitere Distribution wachsen. Frischsaftsysteme sollen international, insbesondere über Fruchtpressen, zulegen. Das ist strategisch richtig. Aber es ist noch kein Beweis. 2026 ist ausdrücklich ein Übergangsjahr; signifikante operative Effekte erwartet das Unternehmen selbst eher ab 2027.
Bei den Kurszielen ist der Unterschied zwischen Analystenoptimismus und vorsichtiger Eigenbewertung wichtig. Montega stuft Berentzen weiterhin mit „Kaufen“ ein und nennt ein Kursziel von 8,00 Euro; finanzen.net weist ebenfalls ein mittleres Analystenkursziel von 8,00 Euro aus, allerdings nur auf Basis eines Analysten. Die Schätzungen liegen für 2026 bei 165 Mio. Euro Umsatz, 8,3 Mio. Euro EBIT, 15,9 Mio. Euro EBITDA und 0,25 Euro Gewinn je Aktie; für 2028 werden 177 Mio. Euro Umsatz, 12,8 Mio. Euro EBIT, 20,4 Mio. Euro EBITDA und 0,59 Euro EPS erwartet. (Berentzen-Gruppe:)
Auf Sicht von fünf Jahren hängt fast alles an drei Punkten: Erstens muss das alkoholfreie Geschäft profitabel wachsen, nicht nur Umsatz bringen. Zweitens darf das Spirituosengeschäft nicht weiter so stark erodieren, dass jeder neue Wachstumsschritt sofort wieder aufgezehrt wird. Drittens muss das Management Kapital diszipliniert einsetzen; bei einer Marktkapitalisierung von nur rund 31 Mio. Euro kann schon eine kleine Fehlakquisition oder eine dauerhafte Margenschwäche den Investment Case beschädigen. Gelingt die Strategie, ist eine Aktie zwischen 6 und 9 Euro in einigen Jahren erreichbar. Scheitert sie, bleibt Berentzen ein günstiger, aber träger Microcap zwischen etwa 2,50 und 4 Euro.
Auf Sicht von zehn bis fünfzehn Jahren sehe ich Berentzen nicht als klassischen Buy-and-Hold-Qualitätswert, sondern als Nischenwert mit optionalem Transformationshebel. Die Unternehmensgeschichte zeigt Anpassungsfähigkeit: Berentzen hat Apfelkorn erfunden, fusioniert, Marken übernommen, sich von Aurelius restrukturiert, ins alkoholfreie Geschäft und in Frischsaftsysteme diversifiziert. Aber die Zukunft wird härter als die Vergangenheit. Alkohol verliert bei jüngeren Konsumenten an Selbstverständlichkeit, Regulierung und Gesundheitsdebatten nehmen eher zu als ab, und kleine Getränkemarken müssen im Handel ständig um Regalplatz und Marketingdruck kämpfen. Langfristig attraktiv wird Berentzen nur dann, wenn aus Mio Mio, JUMA, Citrocasa und neuen Formaten ein zweites starkes Standbein entsteht, das nicht bloß die sinkende Spirituosenbasis kaschiert, sondern den Konzern strukturell verändert.
Für risikobereite Anleger mag Berentzen ein spekulativer Value- und Turnaround-Titel und insofern zumindest zum weiteren Beobachten als Sondersituationswert interesssant sein, bei dem die Halbjahreszahlen 2026 und die ersten sichtbaren Effekte von JUMA, Mio Mio-Dose, Puschkin-Relaunch und Frischsaftsystemen entscheidend werden.
Ich selbst bin hier nicht drin und habe auch keinen Einstieg vor. Mich interessieren vor allem deutsche Unternehmen nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen, sondern auch mit Blick auf ihre Historie. Dabei war die Berentzen-Gruppe im Zuge meiner Recherchen mit auf den Schirm geraten.
Allen, die hier investiert sind, wünsche ich viel Erfolg.