„Lottovermittler auf den Barrikaden“
Durch einen neuen Glücksspielvertrag drohen den privaten Firmen im
Geschäft mit dem Lotto härtere Zeiten. Der Bochumer Anbieter Norman
Faber sieht allein in seiner Firma 500 Jobs bedroht
Guido Hartmann
Auf den ersten Blick wirkt Norman Faber mit seinem unauffälligen Anzug ein
wenig wie ein Studienrat. Und tatsächlich war der zahlenbegeisterte Bochumer
zunächst als Lehrer tätig, bevor er vor 27 Jahren ins Lottogeschäft einstieg.
Seither bildet Faber mit seinen Kunden Lotto-Spielgemeinschaften und vermittelt
entsprechende Scheine. Den Käufern verspricht der Diplom-Ökonom deutlich
höhere Gewinnchancen.
Nun fürchtet der Unternehmer, der am einzigen Betriebssitz Bochum etwa 500
Menschen beschäftigt, die "kalte Enteignung" durch die Landesregierung. "Es
wird der deutsche Markt im Grunde kastriert", sagt Faber. Hintergrund ist der
geplante Glücksspielstaatsvertrag, mit dessen Ausführungsgesetz für NRW sich
am Mittwoch zum ersten Mal der Landtag beschäftigt hat. Der Staatsvertrag, der
den Schutz vor der Spielsucht zum Ziel hat, soll 2008 in Kraft treten.
"Wir suchen immer noch einen Lotto-Spieler in klinischer Behandlung", sagt
Faber. In riesigen Anzeigen macht Faber, der auch Präsident des Deutschen
Lottoverbands ist, Stimmung gegen das geplante Gesetz. Anders als etwa bei
Glücksspiel-Automaten und Casinos sei Suchtverhalten beim Zahlenlotto kaum
feststellbar. Dies belegten auch wissenschaftliche Studien. Und der Münsteraner
Juraprofessor Bodo Pieroth sieht eine "völlig unverhältnismäßige Beschränkung
der Grundrechte" für Faber und die private Glücksspielindustrie.
"Es geht um meine Existenz", sagt Faber. "Und die vieler, vieler Anderer." Allein
in NRW gebe es 4000 Lotto-Annahmestellen, von denen nun ein Drittel in ihrer
Existenz bedroht sei.
Faber kündigt Klagen und weitere Protest-Kampagnen gegen die geplante
Glücksspiel-Novelle an. Wenn das Gesetz tatsächlich zum Jahresbeginn in Kraft
treten sollte, will er Entschädigungsansprüche in Höhe von mindestens 300
Millionen Euro gegen das Land Nordrhein-Westfalen durchsetzen. Zudem denkt
er bereits laut über ein Ausweichen ins Ausland nach, etwa nach England. Seine
Firma habe das Know-how, das Geschäft über das Internet weiterzuführen.
In Düsseldorf lässt man sich durch die Kampagne bislang offenbar nicht
beeindrucken. "Die Landesregierung steht den Ankündigungen von Herrn Faber
gelassen gegenüber", sagte der stellvertretende Regierungssprecher Holger
Schlienkamp. Die Bundesländer hätten sich übereinstimmend für den Erhalt des
staatlichen Glücksspielmonopols ausgesprochen, "um die Spielsucht
einzudämmen". Diese Position sei auch durch Entscheidungen des
Bundesverfassungsgerichts und des Europäischen Gerichtshofs gedeckt. "Deshalb
bestehen keine Zweifel, dass das staatliche Glücksspielmonopol verfassungs- und
europarechtlich sattelfest ist", so Schlienkamp.
Auch sei die Landesregierung Faber bereits entgegen gekommen. So sollten
private Glückspielvermittler, die etwa einen ausreichenden Jugendschutz
gewährleisten und bislang legal tätig waren, auch künftig eine Genehmigung im
Land erhalten. Das sehe das Ausführungsgesetz zum Glücksspielvertrag vor, das
gerade beraten wird.
Diese Regelungen seien teilweise aber nicht praktikabel, kritisiert Faber. "Ich
weiß nicht, wie ich am 1. Januar die Lottoscheine unserer Kunden abgeben darf
und wo." Und eine Öffnung im NRW-Ausführungsgesetz für gewerbliche Anbieter
ende vor den Grenzen anderer Bundesländer. Mit der neuen "Kleinstaaterei" im
Lottowesen würden etwa Spielergemeinschaften praktisch verboten.
Was Faber und seine Mitstreiter auch wurmt, ist das geplante Werbeverbot. Sie
werfen den Ländern vor, sie "unter dem Vorwand der Suchtprävention" vom
Markt drängen zu wollen. Dann müssten künftig auch Fernsehsendungen wie
"Glücksspirale", "Aktion Mensch" und die "Ziehung der Lottozahlen" als "bezahlte
Werbesendungen" verboten werden.
Auch die Zuflüsse von fünf bis sechs Milliarden Euro aus Lotto, Toto und
ähnlichen Spielen, die jährlich der Öffentlichkeit zu Gute kommen, dürften
zurückgehen. Faber und andere private Vermittler haben daran nach eigenen
Angaben einen Anteil von zehn Prozent.
"Es geht um Recht", sagt Faber. Bis aber ein europäisches Gericht den geplanten
Staatsvertrag in einigen Jahren kippen könnte, sei sein Lebenswerk längst
zerstört.
Artikel vom 26. August 2007
www.welt.de/wams_print/article1135409/...f_den_Barrikaden.html