Quelle: Börse-Online
Bushs falsche Empörung
US-Präsident George W. Bush gibt sich angesichts der Bilanzskandale empört und will die amerikanischen Unternehmen am Dienstag mit einer flammenden Rede zu mehr moralischem Anstand aufrufen. Als er selbst noch Unternehmer war, galten für ihn offenbar andere Maßstäbe.
AP
Moralischer Zeigefinger: Ex-CEO Bush
Washington - Als ihn ein Reporter bei dem Besuch einer Kirche in Milwaukee wieder wegen der alten Geschichte ansprach, wurde der mächtigste Mann der Welt sehr schmallippig. "Alles, was ich getan habe, ist veröffentlicht und überprüft. Weitere Fragen?", sagte er. Verständlich, dass Bush das Thema langsam auf die Nerven geht. Wieder geht es um die Rechtmäßigkeit eines Aktienverkaufs, den Bush vor nun zwölf Jahren tätigte und wegen dem er jahrelang durch die Schlagzeilen gezerrt wurde.
Außerdem kommt das alte Leiden zu einem sehr ungünstigen Zeitpunkt: Der US-Präsident will sich nämlich nach den Skandalen um Enron, Global Crossing, Tyco, WorldCom und Xerox mit einer Rede vor tausend Managern als Weltpolizist der Aktionäre präsentieren.
IN SPIEGEL ONLINE
· Bilanzfälschungen: Bush wettert gegen unmoralische Firmen (30.06.2002)
Eines der Probleme, die Präsident Bush endgültig aus der Welt schaffen will, ist der Insiderhandel. Er will dazu vorschreiben, dass die Manager der Börsenaufsicht innerhalb von zwei Tagen mitteilen müssen, wann sie wie viele Aktien der eigenen Firma verkauft hatten.
Bush selbst hat bei der Meldung seiner eigenen Aktienverkäufe jedoch zwischen 15 und 34 Monaten verstreichen lassen, bevor er diese an die Börsenaufsicht meldete. Das beweisen Dokumente der SEC, die das Center for Public Integrity in dieser Woche veröffentlicht hat.
Präsident Bush machte vor seiner politischen Karriere mit geschickten Deals ein kleines Vermögen und nahm es dabei mit den Vorschriften der SEC nicht so genau. Seine erfolglose und schuldenbeladene Ölfirma Spectrum 7 stand eigentlich vor dem Bankrott, als die texanische Harken Energy einsprang. Der Firmenverkauf, den Bush laut "Washington Post" allein seiner Geburt als Präsidentensohn zu verdanken hatte, begründete seinen späteren Reichtum. Von Harken bekam er für seine wertlose Firma ein dickes Aktienpaket.
Zum richtigen Zeitpunkt, nämlich im Juni 1990 und zwei Monate vor einer massiven Gewinnwarnung von Harken, verkaufte Bush seine Aktien für vier Dollar die Aktie und nahm damit 848.560 Dollar ein. Nach der Gewinnwarnung im August rutschte der Harken-Kurs auf 2,37 Dollar, derzeit notieren die Papiere bei weniger als einem Dollar. Bush hatte aber längst eine bessere Geldanlage gefunden und 600.000 Dollar in die Texas Rangers investiert. Als die Baseball-Mannschaft 1998 an texanische Geschäftsleute verkauft wurde, war Bushs Anteil knapp 15 Millionen Dollar wert.
Wegen des "glücklichen" Verkaufs der Harken-Anteile leitete die SEC Ende 1990 ein Ermittlungsverfahren gegen Bush ein. Ihm konnte kein gesetzwidriges Verhalten nachgewiesen werden. Doch die Ermittler fanden heraus, dass Bush seine Aktienverkäufe erst acht Monate später gemeldet hatte - vorgeschrieben ist eine Frist von 15 Tagen. Auch bei drei anderen Börsenaktivitäten kamen die Meldungen des jetzigen US-Präsidenten nicht fristgemäß. Experten zufolge ist dies allerdings eine Nachlässigkeit, die zur damaligen Zeit einem Kavaliersdelikt gleichkam. Außerdem hatte Bush die Absicht zum Anteilsverkauf korrekt bei der SEC gemeldet. Bei dieser Vorabmeldung müssen potenzielle Insider allerdings nicht genau sagen, wie viele Aktien sie auf den Markt werfen wollen.
Für die politischen Gegner sind die neuen peinlichen Fragen an den Präsidenten dennoch ein gefundenes Fressen. "Präsident Bush, Vizepräsident Dick Cheney und SEC-Chef Harvey Pitt predigen gerne die Verantwortung der CEOs. Wenn es aber um ihre eigene Vergangenheit geht, sagen sie: "Die Verantwortung liegt woanders", wettert Demokrat Terrence McAuliffe. Wir erinnern uns - die meisten der modernen Raubritter haben zwar ihre Firmen in Grund und Boden gewirtschaftet, sich diese Meisterleistung aber fürstlich bezahlen lassen, indem sie eigene Aktien geschickt und weitgehend unbemerkt verkauften, als die Aktionäre noch an die großartigen Lügenbilanzen glaubten.
Bei der neuen Diskussion um Bushs Aktiendeals geht es auch weniger um die finanzielle Tragweite als um die Äußerungen, mit denen Bush und das Weiße Haus den neuen Vorwürfen begegnen. Die alte Geschichte wird nämlich in immer neuen Versionen erzählt. Als er 1994 mit diesem Thema konfrontiert wurde, hatte Bush gesagt, er habe die Meldung ordnungsgemäß eingereicht, diese sei dann wohl bei der SEC verloren gegangen. Jetzt argumentiert der Sprecher des Weißen Hauses, Ari Fleischer, die Anwälte von Harken seien für die Meldung verantwortlich gewesen und diese hätten den Verkauf zu spät gemeldet. Aber das stimmt wieder nicht, wie der damalige SEC-Direktor Edward Fleischmann sagt: "Seit 1934 liegt die Verantwortung für solche Meldungen bei der handelnden Person und nicht bei der Firma."