Sie heißen Dax, Nemax oder Stoxx und regelmäßig kommen neue Namen hinzu. Dahinter verbirgt sich keine Geheimsprache, sondern es handelt sich um Bezeichnungen für Aktienindizes. Sie dienen dazu, die Entwicklung der Aktienmärkte oder einzelner Marktsegmente möglichst genau wiederzugeben. Änderungen in der Zusammensetzung der Indizes oder den Kriterien für die Aufnahme in einen Index finden nicht nur breite Resonanz in der einschlägigen Wirtschaftspresse, sondern haben für Investoren und Emittenten oftmals gewichtige Auswirkungen auf den Kurs ihrer Papiere.
Die zunehmende Vielfalt der Indizes lässt sich auf mehrere Faktoren zurückführen. Das Zusammenwachsen der Kapitalmärkte führt dazu, dass nationale Diversifizierungsmöglichkeiten verschwinden. Dies gilt gerade für Euroland, wo das Wechselkursrisiko nach der Einführung des Euro vollends weggefallen ist. Die Investoren suchen daher nach neuen Orientierungspunkten. Hinzu kommen neue Anlagemöglichkeiten wie Indexfonds oder auch Exchange Traded Funds. Diese machen eine Portfolioauswahl überflüssig und bilden nur passiv den zugrundeliegenden Index nach. Sowohl bei Privatanlegern als auch bei institutionellen Investoren werden diese Anlageformen immer beliebter.
Erfolg wird ein Index jedoch nur dann am Markt haben, wenn er nachvollziehbar konstruiert ist und Änderungen umfassend erläutert werden. Dies ist Voraussetzung dafür, dass er von den Anlegern die den Erfolg ihres Portfolios messen wollen, als Maßstab für die mindestens zu erreichende Wertentwicklung angesehen wird.
Für Anleger und Emittenten von besonderer Bedeutung ist die Auswahl und Gewichtung der Werte innerhalb eines Index. Hier zeichnet sich bei den Indexanbietern ein Strukturwandel ab. Maßgebliche Kriterien für die Aufnahme in einen Index waren bisher der Börsenumsatz und die Marktkapitalisierung eines Unternehmens, also die Summe aller ausgegebenen Aktien multipliziert mit deren Börsenkurs. Diese Berechnungsweise der Marktkapitalisierung wird mehr und mehr aufgegeben. Statt dessen findet bei der Berechnung der Marktkapitalisierung und damit der Gewichtung und Zusammenstellung der Indizes zunehmend nur noch der tatsächlich handelbare Anteil der Aktien, der sogenannte Free Float Berücksichtigung. Unternehmen, die in einen Index aufgenommen werden oder in ihm verbleiben wollen, müssen sich darauf einstellen. Je geringer der Free Float, desto geringer das Gewicht im Index.
Bei den Stoxx-Indizes ist die Berechnung Ende September diesen Jahres bereits umgestellt worden. Die Umstellung des DAX auf eine Gewichtung nach Free Float wird mit dem Wirksamwerden der Steuerbefreiung für Veräußerungsgewinne im Jahr 2002 erfolgen. Dies schafft dann einen zusätzlichen Anreiz für die aufgrund der Steuerreform ohnehin erwartete Entflechtung der deutschen Wirtschaft. Für die Emittenten hat die Gestaltung und Veränderung der Index-Regelwerke damit weitreichende Konsequenzen.
Denn ein Ausscheiden aus dem Index oder eine veränderte Gewichtung innerhalb des Index kann zu Kursverlusten des betroffenen Unternehmens und damit einem Absinken des Unternehmenswertes führen. Für die betroffenen Emittenten kann dies insbesondere hinsichtlich bevorstehender Kapitalmaßnahmen oder Unternehmensübernahmen, bei denen eigene Aktien als Akquisitionswährung eingesetzt werden sollen, negative Folgen haben.
Bei derartigen Konsequenzen einer Index-Neuausrichtung für die Emittenten erscheint es verwunderlich, dass von diesen bisher zumindest keine deutliche Stellungnahme zu den Veränderungen von Indexkriterien zu hören war. Die DAX-Familie zum Beispiel ist ein Produkt der Deutsche Börse AG. Die Entscheidungen über Inhalte und eventuelle Veränderungen der Indizes obliegen dem Vorstand der Deutsche Börse AG. Er wird dabei von einem Arbeitskreis Aktienindizes beraten, der sich primär aus Vertretern verschiedener Kreditinstitute zusammensetzt. Aufgrund der oben geschilderten Reichweite der Entscheidungen erscheint eine Erweiterung des Arbeitskreises um Vertreter der Emittenten nachdenkenswert. Hier sind die Emittenten gefordert, ihre Interessen deutlicher als bisher zu artikulieren, wenn sie künftig bei der Aufstellung von Indexregeln stärker beteiligt werden wollen.
Im Ergebnis bedarf es also klar definierter transparenter Regelungen auf dem Gebiet der Börsenindizes, die die Interessen aller Beteiligten gebührend berücksichtigen. Nur so können Anleger wie Emittenten vor den Risiken bei einer Änderung der Kriterien geschützt, und das Vertrauen in die Kapitalmärkte gefördert werden.
Rüdiger von Rosen